24.12.12

Kolumne "Querpass"

Wenn Uli Hoeneß schweigt, muss Weihnachten sein!

Als Uli Hoeneß den ganzen Samstag kein böses Wort verlor, war klar: Irgendwas stimmt da nicht, entweder ist er krank oder die Welt doch untergegangen. Doch dann fiel der Groschen: Es ist Weihnachten!

Von Oskar Beck
Foto: dapd
FC Bayern Muenchen - Hannover 96
Uli Hoeneß - an Weihnachten stimmt selbst der FC-Bayern-Präsident leise Töne an

Heute ist Montag. Wir sitzen bei Kaffee und Marmeladenbrötchen, fragen uns, was die Woche bringt und denken nichts Böses, wie damals Franz Beckenbauer – doch plötzlich fällt uns siedend heiß der alte Werbespot mit dem Kaiser ein. "Ja, ist denn heit' scho Weihnachten?"

Noch am Sonntag hat kein Mensch dran gedacht. Wir sehen ja Heiligabend praktisch gar nicht mehr kommen, so kriegen wir die Bälle in dieser hysterischen Welt des modernen Fußballs um die Ohren, und auch diesmal war bis zuletzt wieder der Teufel los: Rot für Ribery, Rummenigge packt sich den Schiedsrichter, Wolfsburg holt Schuster, Löw beschimpft sich in Sachen Italien rückwirkend selbst, Wolfsburg nimmt jetzt doch lieber Hecking, der VfB macht zehn Millionen Miese – aber dann, als Uli Hoeneß den kompletten Samstag verstreichen ließ, ohne ein böses Wort zu verlieren oder irgendeinen öffentlich aufzuhängen, war klar: Irgendwas stimmt da nicht, entweder ist er krank oder die Welt doch untergegangen. Jetzt fällt der Groschen. Weihnachten!

Schnell den Hausfriseur losschicken

Glaubhaften Blitzumfragen zufolge werden annähernd zwei von drei Fußballstars auf dem total falschen Fuß erwischt, wenn ihnen die Frau am Montagmorgen eröffnet, dass Heiligabend ist – in ihrer perplexen Aufregung schicken sie sofort ihren Medienberater oder Hausfriseur los, um noch geschwind einen Christbaum zu besorgen und ihn wenigstens mit dem nötigsten standesgemäßen Firlefanz auszuschmücken.

Ein Fußballspieler hat den Kopf nun einmal voll mit anderen Pflichten, sein Jahr besteht aus 52 englischen Wochen in Liga, Pokal und Champions League, die paar freien Tage gehen vollends für Länderspiele drauf, und wenn er zum Wechseln der Unterwäsche zwischendurch kurz mal heimkommt, lässt er sich von der Frau eine schnelle Suppe kochen, erledigt im Stehen hastig seine ehelichen Pflichten – und schon geht es wieder zum Flughafen.

"Schöner als jeder Fallrückzieher"

Weihnachten passt da nicht auch noch mit rein, aber es muss sein, denn für viele ist es die einzige Chance, zur Besinnung zu kommen. Schon Thomas Doll, der frühere Nationalstürmer, erkannte anlässlich der Festtage einmal verblüfft: "Meiner Tochter sind die Milchzähne ausgefallen – das ist schöner als jeder Fallrückzieher."

Ist der Fußball nur halb so wichtig, wie er sich nimmt? Ist der Ball gar nicht der springende Punkt, sondern nur ein kleiner, aufgeblasener Wichtigtuer, der sich als Nabel der Welt aufspielt? Sind die Wichtig- und Nichtigkeiten noch richtig sortiert? Das sind die Fragen, die uns an Weihnachten durch den Kopf schießen: Der Ball ruht, der Kopf ruht – und für die Antwort haben wir drei Tage. Aber stehen wir sie durch?

Ewige Nachdenklichkeit war nach drei Tagen vergessen

Drei besinnliche Tage können für einen vom Ballaballa-Syndrom heimgesuchten Suchtkranken verdammt lang und zäh sein. Nach der Tragödie von Robert Enke haben sich alle die ewige Nachdenklichkeit geschworen, aber nach drei Tagen war sie vergessen wie der US-Terrorschock am 11. September – dem folgte seinerzeit unmittelbar das Ruhrderby, und Dortmunds Vorstopper Wörns sagte nach dem Schlusspfiff: "Als mir die Schalker Fans den Mittelfinger zeigten, wusste ich: Es ist alles, wie es war."

Drei Tage? Ein hochgradig Fußballinfizierter braucht seinen stündlichen Schuss, schnell macht sich das In-sich-gehen da wieder dünne, the Show must go on, dieses Ballaballa mit seinen Schwalben im Strafraum, den Pyromanen auf der Tribüne, den Sensationsheulern in den Revolverblättern, den Schimpfkanonaden der Hoenesse und den Rudelbildungen aller Art, also ganz im Sinne von Bernhard Minetti, der als ballverliebter Charakterkopf einst stöhnte: "Ja, die Punkte, sie bedeuten schon mehr als Spiel, fast schon Kampf um Leben und Tod."

Herzbrecherische Enttäuschungen der Kansas City Chiefs

Auch Loren G. ("Sam") Lickteig ist tot. Erschrecken Sie nicht, Sie müssen ihn nicht kennen, und unter normalen Umständen würden wir die Sache auf sich beruhen lassen und über sein Ableben hier kein Sterbenswörtchen verlieren – wenn uns nicht die Todesursache dazu zwingen würde. In ihrer Traueranzeige im "Kansas City Star" nahmen die Hinterbliebenen neulich kein Blatt vor den Mund, hören wir in den Nachruf kurz rein: "Loren G. "Sam" Lickteig verstarb am 14. November 2012 aufgrund von Komplikationen durch MS und verursacht von den herzbrecherischen Enttäuschungen, die ihm das Footballteam der Kansas City Chiefs bereitet hat."

Soweit sind wir inzwischen, nicht nur in der amerikanischen NFL, sondern sogar hier, wo der Ball noch vergleichsweise rund ist. Jeder anspruchsvolle Anhänger heult in der Niederlage Rotz und Wasser, und Schalke 04 hat vorbeugend Anfang Dezember deshalb einen Friedhof für Fans eröffnet, statt vorher noch wenigstens mit dem Hamburger SV zu telefonieren. Die Hanseaten haben auch so eine Grabstätte, aber mangels Nachfrage hat sie sich als Flop erwiesen: Entweder tendieren die HSV-Fans zur Seebestattung, oder sie nutzen jedes Jahr gründlich diese drei Tage an Weihnachten, um zur Besinnung zu kommen.

Drei Tage lang wird nicht einmal gelogen

Gönnen wir sie uns also – diese einzigartige Auszeit von Montag bis Mittwoch, in der sämtliche Protagonisten und Rädchendreher des Fußballtheaters im Kreis ihrer Lieben für 72 Stunden untätig an den Christbaum gefesselt sind. Wenigstens einmal im Jahr wollen alle Mensch sein und abschalten, die Führungsbosse, Fußballspieler, Fans, Fernsehfuzzis und wir Federhalter, und drei Tage lang wird nicht einmal gelogen.

Erspart bleibt uns so die falsche Bescheidenheit des viermaligen Torschützen nach dem Abpfiff ("Ich bin unwichtig, es geht nur um die Mannschaft, den Klub und unsere tollen Fans") – aber auch Dieter Hecking wird über die stillen Tage keinen Meineid ablegen wie neulich im "Doppelpass" bei Sport1, als er beim Augenlicht aller Zuhörer schwor: "Ein Angebot würde ich mir nicht anhören. Ich habe mit dem 1. FC Nürnberg einen tollen Arbeitgeber."

Das war, werden böse Zungen jetzt sagen, die zweitinfamste Lüge der Fußballgeschichte hinter Bundespräsident Heinrich Lübke, der sich nach dem niederträchtigen Wembley-Tor in die verwegene Behauptung verstieg: "Der Ball war drin." Das war 1966, und warum wir immer noch keinen Videobeweis haben, muss dringend geklärt werden – aber nicht jetzt an Weihnachten.

Eine kleine Insel im wogenden Stress

Das Leben ist zu kurz und kostbar, um auch noch das frohe Fest mit dem üblichen Fußballgedöns zu vergeuden. Wenn es Weihnachten nicht gäbe, müssten wir es erfinden, als kleine Insel im wogenden Stress. Drei Tage lang bindet uns keiner einen Bären auf, niemand faselt von Schicksalsspielen, die Hymnendebatte ruht, kein Wettskandal, kein Sepp Blatter, keine zündelnden Hooligans, keiner fragt bis zum Erbrechen die Manager in Fürth und Augsburg, wann sie ihre Trainer feuern, oder den Löw, ob er nicht Neuer und Adler endlich ausbooten und den alten Weidenfeller holen will.

Das wirkliche Einzige, was uns auch am zweiten Weihnachtsfeiertag noch drohen könnte, wäre unter "Breaking News" auf Vox die Erklärung von Lothar Matthäus, dass er seiner Polin einen größeren Busen geschenkt hat – in der Körbchengröße würdig passend zu Weihnachten, dem Fest der Liebe.

Ist die Frau noch da, leben Opas und Omas noch?

Aber ganz wichtig ist es, wie gesagt, für die Fußballstars. Wenigstens drei Tage lang haben sie endlich mal Zeit, nachzuschauen, ob die Kinder in der Schule mitkommen, die Frau noch da ist und inwieweit Opas und Omas noch leben – und Montagabend darf auch der tollste Torjäger wieder mal richtig Vater sein, den Kleinen das Smartphone und das iPod unter den Christbaum legen und bei "Stille Nacht" im Kerzenschein gerührt sagen: "Kinder, vergesst nie, dass es auf dieser Welt immer noch Menschen gibt, die ihre Weihnachtslieder selbst singen müssen!"

Weihnachten ist wie ein warmer Pausentee zum Verschnaufen – es sind die einzigen drei Tage im Fußballjahr, an denen nicht nur in den ersten 12 Minuten und 12 Sekunden geschwiegen wird.

Genießen wir jede Sekunde!

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