26.12.12

Jubiläum

Vor 60 Jahren lief Fußball noch im Schaufenster

Am 26. Dezember 1952 wurde das erste Fußballspiel live im deutschen Fernsehen übertragen. Hamborn 07 gelang im Pokal gegen St. Pauli die Sensation und schrieb TV-Geschichte: Zeitzeugen erinnern sich.

Von Stefan Frommann
Foto: picture alliance / akg images
St. Pauli - Hamborn 07
Vor den Elektrogeschäften versammeln sich die Menschen: Der NWDR überträgt am 26.12.1952 das erste Fußballspiel live – St. Pauli empfängt Hamborn 07

Als die männerbeherrschte, den starken Mann verherrlichende Naziwelt zerstört war, lag mit ihr auch der Mythos Mann in Trümmern. Neben vielen anderen Niederlagen stand am Ende des Zweiten Weltkrieges also auch die Niederlage der Männer als Geschlecht. Der Fußball spielte in den Folgejahren deshalb eine außerordentlich wichtige Rolle, denn er schenkte deutschen Männern wieder ein wenig Freude, vor allem aber gab er ihnen die Gelegenheit, gefeiert zu werden. Wobei es bis zum "Wunder von Bern", der Weltmeisterschaft von 1954, dauerte, bis sie auch wieder Heldenstatus einnehmen konnten.

"Nach dem Krieg wurden die Fußballstadien bestürmt", erinnert sich Fritz Pleitgen, 74. "Die Menschen saßen in den Bäumen, so groß war der Andrang. Der Fußball spendete ihnen eine Art Seelentrost." Fernsehprofi Pleitgen, langjähriger Intendant des WDR, weiß, wie wichtig es war, ihnen diese neu gewonnene Freude auch nach Hause zu schicken. Und er erlebte als kleiner Junge tatsächlich, wie das geschah.

In Hamburg wird Geschichte geschrieben

Hamburg, 26. Dezember 1952. St. Pauli empfängt Hamborn 07 zur zweiten Pokalrunde, eine Duisburger Fahrstuhlmannschaft aus der Oberliga West. Hamborn gewinnt 4:3 nach Verlängerung – und schreibt Geschichte. Denn Hamborn ist der erste Fußballverein, dessen Sieg live übertragen wird.

Gut 4000 Schwarz-Weiß-Geräte sind eingeschaltet, als auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg angepfiffen wird. Das entspricht einem Marktanteil von fast 90 Prozent. Denn während in den USA bereits 18 Millionen einen Fernseher besitzen, haben in Deutschland gerade 4500 Menschen einen solchen Luxusartikel. Die Reporter Paul Reymann und Dr. Harry Storz reden nicht zu viel und werden dafür vom Fachblatt "Fernsehen" sehr gelobt, es schreibt: "Wir können diese Sendung nur als gut gelungen bezeichnen."

Erst einen Tag zuvor, am ersten Weihnachtsfeiertag, fällt der offizielle Startschuss für das nordwestdeutsche Fernsehen. Um 20 Uhr sagt Intendant Werner Pleister, ein früheres Mitglied der NSDAP: "Wir versprechen Ihnen, uns zu bemühen, das neue geheimnisvolle Fenster zu Ihrer Wohnung, das Fenster in die Welt, mit dem zu erfüllen, was Sie interessiert, Sie erfreut und Ihr Leben schöner macht."

"Wir sehen uns morgen wieder"

"Stille Nacht" und "Max & Moritz" werden als Fernsehspiele live im Studio aufgeführt und übertragen. Irene Koss, eine ehemalige Schauspielerin, wird erste Ansagerin im deutschen Fernsehen. Sie hat kurze dunkle Haare, ihr Kleid trägt sie sehr geschlossen. Um 21.58 Uhr beendet sie an jenem Abend das erste TV-Programm mit dem Satz: "Wir sehen uns morgen wieder."

Übrigens ist Ostdeutschland da längst auf Sendung. Pünktlich zum Geburtstag Stalins zeigt die DDR schon am 21. Dezember erstmals bewegte Bilder und kommt der Bundesrepublik damit fünf Tage zuvor. Allerdings nimmt kaum jemand Notiz von der ungeheuren Pionierleistung, denn es gibt zu diesem Zeitpunkt in der DDR noch keine hundert Fernsehgeräte.

Die Menschen im Westen haben einen großen Vorteil, denn in den Städten existieren zahlreiche Elektrofachgeschäfte. Also sammeln sie sich vor deren Fensterscheiben, so auch am zweiten Weihnachtsfeiertag, als die erste "Tagesschau" und im Anschluss das erste Fußballspiel live übertragen wird. Einer von ihnen ist Kurt Weithauer, 76, gerade 16 Jahre alt und eben in die A-Jugend von Hamborn aufgerückt.

Als sei es gestern gewesen

"Ich stand vor einem Radiogeschäft in der Weserstraße mit über hundert anderen. Viel gesehen haben wir alle nicht, am meisten die Kleinen ganz vorne. Es waren so viele Menschen und dann der winzige Bildschirm. Immer, wenn die Straßenbahn Richtung Dinslaken kam, musste die ganze Meute nach vorne rücken, damit die Bahn überhaupt durchkam." Weithauer gehört seit Juni 1946 dem Fußballklub an. Nach seiner aktiven Zeit wird er dort erst Trainer, dann Manager. Wenn er heute von jenem 26. Dezember 1952 spricht, kommt es einem vor, als sei es erst gestern gewesen, zu jedem Spieler von einst hat er mindestens eine Geschichte parat. "Natürlich war das damals ein riesiges Ereignis für uns alle", sagt Weithauer. Und: "Klar, wir waren alle sehr, sehr stolz."

Erwin Frohberg, 79, ist damals 19 oder, wie er es bezeichnet, gerade "zwischen Suppe und Kartoffel". Die Formulierung benutzt Frohberg häufig und meint damit so etwas Ähnliches wie nichts Halbes und nichts Ganzes, also in seinem Fall irgendetwas zwischen Jugendlichem und Mann. Fakt ist: Er ist 1952 ein ehrgeiziger Fußballer, steht in Hamborns erster Elf, und sein Gegenüber bei St. Pauli ist ein Nationalspieler. "Ich war ein Jagdhund", sagt Frohberg. "Oder wie man heute so schön sagt: die doppelte Sechs. Ich bin meinem Gegner bis auf die Toilette nachgerannt, wenn es sein musste."

Heute noch "wahnsinnig stolz"

Nach dem 1:1 im Hinspiel rechnet sich der Zweitligist beim höherklassigen Gegner in Hamburg im Rückspiel wenig aus. Der Sieg ist eine Überraschung, Frohberg findet: "Eine Sensation. Wir hatten aber auch wirklich eine Bomben-Mannschaft!" Noch heute sei er "wahnsinnig stolz", im Pokal unter den besten acht gelandet zu sein. Natürlich aber auch darauf, Fernsehgeschichte geschrieben zu haben. Ärgerlich nur, dass er selbst das Spiel bis heute nie sehen konnte. "Es war einfach nicht mehr aufzutreiben, verschwunden. Wir haben alles versucht. Das hätte ich wirklich gern mal als Video gehabt." Doch dieser Wunsch erfüllt sich bis heute niemandem.

Christoph Daum, 59, ist 1952 noch gar nicht geboren, als er aber als Knirps nur ein paar Jahre später bei Hamborn 07 das Fußballspielen lernt, offenbart sich ihm dort die Hamborner Seele: "Als ich in den Verein kam, haben sie noch immer voller Hochachtung von diesem besonderen Tag gesprochen. Hamborn war schon extrem stolz auf diese Premiere, auf dieses Alleinstellungsmerkmal."

Ein Handball-Keeper im Fußballtor

Schon einmal fiel Hamborn spektakulär auf. Als sich 1950 der Stammtorhüter verletzte, sprang Walter Schädlich ein, der eigentlich Handball-Nationalkeeper war. Er machte seine Sache im Fußballtor aber für viele überraschend gut und wurde entsprechend gefeiert. In Hamborn wurde "der Fußball noch gelebt", sagt Daum, "da wurde hart gearbeitet. Bei Hamborn hatte der Fußball eine Seele." Mehrfach zieht der Klub um, seine beste Zeit erlebt er im Stadtteil Bruckhausen.

Es sind die Stahlarbeiter von Thyssen, die ihn prägen. "Das waren Leute, die hart gearbeitet haben. Sie sahen die Chance, sich über die Kohle und das Stahl hinaus etwas mit dem Fußballspielen bei Hamborn zu verdienen", erzählt Daum. 1963 scheitert der Klub denkbar knapp an der Qualifikation zur neu gegründeten Bundesliga. Der MSV Duisburg, damals noch Meidericher SV, nimmt stattdessen dort den Platz ein. Hamborn heute: ein sympathischer Klub mit guter Nachwuchsarbeit. Kürzlich spielten die Männer gegen Uerdingen. Auf den Plakaten stand: Tradition trifft auf Tradition. Diesmal war das Fernsehen nicht da. Warum auch?

Küppersbusch organisierte die Neuauflage 1997

Der Polit-Moderator Friedrich Küppersbusch ("Privatfernsehen") begleitete Hamborn 1996 ein Jahr lang. Sein Report: ein bisschen schräg und melancholisch. Küppersbusch, eigentlich gerne mal Typ Fiesling und Zyniker, wird mit dem Adolf-Grimme-Preis und mit dem Telestar ausgezeichnet. Er schafft es, dass es im Januar 1997 in Hamborn als Höhepunkt seiner 40 Filme umfassenden Reportage zu einer Neuauflage des legendären Livespiels von 1952 kommt. "Das war damals ein Politikum", sagt Küppersbusch.

Der DFB nämlich wollte eine erneute Liveübertragung unterbinden. Doch Intendant Fritz Pleitgen gelang es, die Ballherren in Frankfurt davon zu überzeugen, dass dadurch nicht weniger Zuschauer in die Bundesligastadien gehen würden. "Also brachten wir von einem Freundschaftsspiel eines Zweitligisten gegen einen fünf Klassen schlechteren Klub 90 Minuten plus Vorlauf und Halbzeit-Spaß live im WDR", sagt Küppersbusch. "Der damalige Hamborner Präsident zum Beispiel sah aus wie Mario Adorf. Also haben wir die beiden in der Pause zusammengebracht."

Fernsehen ließ sich für Fußballspiele bezahlen

Im Vorprogramm kommen auch die Helden von einst zu Wort. Sprechen über den Fußball, der 45 Jahre zuvor noch ein anderer war. Schnell hatte er sich entwickelt, beflügelt durch den Gewinn der Weltmeisterschaft 1954. Das Fernsehen aber entwickelte sich noch deutlich schneller. Mehr Sendezeit, mehr Kanäle, Farbe. Mehr Geld. Viele Jahre lang ließ sich das Fernsehen dafür bezahlen, Fußballspiele live zu übertragen. Christoph Daum kann sich noch gut erinnern: "Du brauchtest damals viel Geld und gute Kontakte, um im Fernsehen zu landen. Es ist schon kurios, wie sich das Blatt gewendet hat."

Heute wird der Chef der Bundesliga dafür gefeiert, dass er den Fernsehanstalten Unsummen aus den Kassen zaubert. Christian Seifert gibt dabei das perfekte Gegenstück zu Günther Jauch ab, er redet seinen Gästen die Millionen ein, nicht aus. Erst jüngst schraubte er das TV-Paket für die Bundesligisten auf jährlich 628 Millionen Euro, was dafür sorgt, dass die Spieler immer höher dotierte Verträge erhalten und immer weniger ins Ausland wechseln.

Drei Partien pro Spieltag in China

Die Bundesliga wird mittlerweile in die halbe Welt übertragen. Bis zu drei Begegnungen pro Spieltag werden live in CCTV, dem chinesischen Staatsfernsehen, gezeigt. "Von einer solchen Entwicklung hätte doch niemand zu träumen gewagt", sagt TV-Profi Fritz Pleitgen. "Heute ist der Fußball eine globale, mediale Angelegenheit. Damals war er ein historisches Ereignis, das erste Livespiel war echte Pionierarbeit. Es wusste doch keiner, was nach diesem Tag kommen würde."

60 Jahre später lässt sich der FC Bayern München die Dienste eines talentierten Spaniers 40 Millionen Euro kosten. Von so viel Geld hätte damals niemand zu träumen gewagt. Vor 60 Jahren gab es keinen Euro. Keine DFL. Keine kickenden Spanier in Deutschland. Noch nicht einmal die Bundesliga. Vor 60 Jahren aber erlebte der Fußball seine größte Revolution, sogar ohne Beteiligung von Uli Hoeneß. Er dribbelte sich in die Wohnzimmer der Nation und wurde so endgültig zum Volkssport.

Mitarbeit: LaGa

Welches Team beschäftigte die meisten Trainer in der Bundesliga-Geschichte?
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