22.12.12

Gleichberechtigung

Im Irak bedeutet der Fußball ein Stück Freiheit

Eine Professorin der Universität Bagdad kämpft darum, dass auch Frauen und Mädchen Fußball spielen dürfen. Viele Eltern fürchten noch immer Repressalien gegenüber der Familie.

Foto: Rainer Hennies
Eine Mädchenmannschaft trainiert im Halbdunkel im Irak
Eine Mädchenmannschaft trainiert im Halbdunkel im Irak

Nach wie vor kämpfen Frauen und Mädchen zwischen Euphrat und Tigris um Anerkennung und Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Selbstbestimmung und Gleichberechtigung sind Träume, Fußballspielen erst recht. "Fußball bedeutet Freiheit", sagt Samira Al Attabi (48).

Sie muss das wissen, schließlich doziert sie an der Universität Bagdad. Lehrgebiet der Professorin mit Ehrendoktorwürde ist Sportphysiologie. Außerdem engagiert sie sich für mehr Teilhabe von Frauen und Mädchen an der gesellschaftlichen Kultur. Und obwohl sie selbst nie gekickt hat, fühlt und denkt sie wie eine Fußballerin.

An der Uni in Bagdad ist sie Einzelkämpferin als weibliche Lehrkraft für Fußball, hat aber "ideelle Unterstützerinnen", wie sie sagt. "Früher spielten viele Frauen auf dem Campus Fußball, heute nicht, noch nicht wieder."

Fußball als Orchideen-Sport

Mit früher meint sie die Zeiten vor der Revolution Anfang der 70er-Jahre. Heute sei Fußball für Frauen ein Orchideen-Sport. Überall im Land gibt es immer mehr weibliche Teams, rund um Bagdad existiert eine Futsal-Auswahl. Die hat schon in Amman bei Hallenturnieren gegen andere arabische Teams gespielt, auch gegen den Iran, Pakistan oder Afghanistan. Sogar eine Frauen-Nationalelf gibt es seit 2010.

"Diese irakischen Auswahlen werden nur bei Bedarf formiert, mit Schwerpunkten in Bagdad und im kurdischen Erbil", sagt Al Attabi. Sie beklagt fehlende Nachhaltigkeit. "Wir wollen landesweit Freizeitturniere etablieren. Das erste im Oktober war ein großer Erfolg. Wir hatten sieben Teams aus Bagdad, Erbil und Basra. Mein Team hat übrigens gewonnen." 24 Mannschaften gibt es in Bagdad inzwischen, 124 im ganzen Land, verteilt auf 48 Schulen.

"Mir geht es nicht um Leistungssport, sondern darum, Fußball als Freizeitsport zu entwickeln und weibliche Fußballgruppen überall im Land aufzubauen", sagt Al Attabi. "Denn die Möglichkeit, Fußball spielen zu können, bedeutet ein Stück Freiheit und gesellschaftlicher Teilnahme."

Aufgeschlossene Eltern bringen ihre Kinder vorbei

Gespielt wird an sogenannten "sicheren Orten", nicht hinter hohen und dicken Mauern, sondern an "speziellen, sicheren Schulen in sicheren Wohnvierteln", erklärt Al Attabi. Das können auch die überall im arabischen Raum so beliebten Frauenklubs sein. Dort spielt sich eine große Bandbreite an gesellschaftlich-kulturellem Leben für Frauen ab.

Die Cross Cultural Project Association, kurz CCPA, eine dänische Form der Entwicklungshilfe, verfügt über einen eigenen Sportkomplex. "Dorthin bringen die aufgeschlossenen Mütter und Väter ihre Kinder zum Kicken und holen sie wieder ab." Nur in solchen Nischen sei Fußball für Mädchen genauso anerkannt wie Volleyball oder Basketball.

Viele Eltern hätten nichts gegen Fußball. "Sie erlauben es ihren Töchtern dann aber doch nicht aus Angst vor Repressalien gegenüber ihren Familien. Einige werden deswegen ausgegrenzt", sagt Frau Al Attabi. "Fußball für Mädchen ist längst nicht normal im Irak." Weltmeisterschaften und Olympische Spiele dienen noch nicht als Vorbild.

Wie lange es wohl noch dauern wird, bis auch das Fußballspielen anerkannt sein wird, weiß Samira Al Attabi nicht. "Es ist meine Vision, den Fußball von Vorurteilen und Vorbehalten zu befreien", sagt sie. "Fünf Jahre wird das noch mindestens dauern, vermutlich länger." Eine mutige Prognose.

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