16.12.12

Innovation

Uefa und Bundesliga lehnen die Torlinientechnik ab

Die Fifa testet derzeit bei der Klubweltmeisterschaft in Japan die Torlinientechnologie, die Uefa und die Bundesliga sind dagegen. Ihre Begründung: Aufwand und Nutzen stünden in keinem Verhältnis.

Von Patrick Krull und Anja Schramm
Foto: dpa
Das Wembley-Tor
Der Treffer des Engländers Geoff Hurst im WM-Finale 1966 gegen Deutschland ist die Mutter aller Streitfragen: Tor – oder nicht?

Wie schön wäre es, wenn es mal zu einer strittigen Situation kommen würde. Eine, über die sich herrlich diskutieren ließe. Tor – oder nicht? Die Technik würde dann im Zweifelsfall bei der gerade ausgetragenen Fußball-Klubweltmeisterschaft in Japan darüber entscheiden. Allein, der Nachweis, ob es funktioniert, steht noch aus. Es gab schlicht noch keinen Treffer, der unter Verdacht stand, kein richtiger zu sein. Vielleicht ja am Sonntag, der FC Chelsea steht im Finale gegen Corinthians Sao Paulo. Es ist vorerst die letzte Möglichkeit einer Bewährungsprobe.

Aber es ist auch sinnbildlich. Gefühlt scheint der Fußball-Stammtisch jedes zweite Wochenende darüber zu diskutieren, ob der Ball nun drin war oder nicht. Tatsächlich aber bietet sich dazu weit weniger Anlass. In dieser Bundesligasaison beispielsweise gab es noch gar nichts zu kritteln. Der letzte Fall eines höchst fragwürdigen Tores datiert vom 19. März 2011, Eintracht Frankfurt gegen den FC St. Pauli (2:1). Ein Treffer des Frankfurters Alexander Meier wurde nicht gegeben. Im Jahr gibt es ein bis zwei Vorkommnisse, selten mehr. Es stellt sich also die Frage, ob der Aufwand das Ergebnis rechtfertigt.

Die großen Fälle bleiben haften

Was haften bleibt, sind ohnehin eher die großen Fälle: Wembley 1966 oder der Treffer des Engländers Frank Lampard im Achtelfinale der WM 2010 gegen Deutschland. Es wäre das 2:2 gewesen. So aber gewann Deutschland.

Laut Joseph Blatter, dann ist das sein Erweckungserlebnis. Er beschreibt seine Gefühlslage nach Lampards nicht gegebenem Treffer so: "Du bist Präsident der Fifa und du kannst nicht zulassen, dass so etwas bei der nächsten Weltmeisterschaft wieder passiert."

Nicht weniger "als eine Art Revolution" hatte seine Entourage deswegen für die Klub-WM angekündigt. Erstmals kam die Torlinientechnologie zum Einsatz, bis vor einigen Jahren als Teufelszeug abgetan. Tor und Technik, das sollte kein Computerhirn zu entscheiden haben, sondern ein menschliches – das des Schiedsrichters. Weil der aber fehlbar ist und die Fifa nichts mehr hasst, als dass ihr ein Makel anhaftet, ließ der Weltverband am 5. Juli dieses Jahres zwei Systeme zu: das englische Hawk Eye, bekannt bereits aus Tennis oder Cricket und das vom deutschen Fraunhofer Institut entwickelte Goal Ref.

Unterschiedliche Technik

Die Technik ist unterschiedlich. Die Engländer setzen auf sechs bis acht Hochleistungskameras, die das Tor bewachen. Die deutschen haben Spulen in den Ball gepflanzt. Hinter den Pfosten und der Latte erzeugen Antennen einen magnetischen Vorhang. Ist der Ball mit ganzem Durchmesser hinter der Linie, zeigt es das System an. Das System ist vergleichbar mit einer Diebstahlsicherung im Kaufhaus.

"Die Geschwindigkeit, den Wert oder Geist des Spiels wird die Technik nicht verändern", hieß es aus der Fifa-Zentrale, was wohl stimmt. Beide System eint, dass der Schiedsrichter innerhalb von einer Sekunde auf einer speziellen Uhr am Handgelenk sieht, wie er zu entscheiden hat. Theoretisch jedenfalls. Denn die Fifa stellt es ihren Unparteiischen frei, was sie damit anfangen. "Gemäß Regel 5 der Spielregeln während des Spiels hat er weiterhin die alleinige Entscheidungsbefugnis", heißt es. Der Schiedsrichter kann es auch einfach ignorieren, was nicht groß auffallen würde. Den Schriftzug "Goal" auf seiner Uhr sieht nur er.

Beim Konföderationen-Pokal wird getestet

Klar ist bislang einzig, dass eine der Techniken beim Konföderationen-Pokal nächsten Sommer in Brasilien zum Einsatz kommen wird. Anfang 2013 wird es eine neue Ausschreibung der Fifa geben, die dann wohl für den Konföderationen-Pokal und die WM der Südamerikaner 2014 gilt. Es ist ein einträgliches Millionengeschäft, mit verlockenden Wachstumsperspektiven.

Hawk Eye soll den Vorteil haben, dass es genauer ist als Goal Ref. Die Fifa erlaubt eine Toleranz von bis zu drei Zentimetern. Dafür aber sagt Goal Ref auch, ob es ein Treffer war oder nicht, wenn der Torwart auf dem Ball liegt. Hawk Eye kann das Spielgerät dann nicht mehr erkennen. Die deutsche Technik soll zudem etwas billiger als die englische sein. Erste Hausmarken werden bei etwa 400.000 (Hawk Eye) und 300.000 (Goal Ref) gesetzt. Was es aber letztlich kosten wird, wenn es im größeren Umfang eingeführt wird, kann noch keiner beziffern. Die Annahme ist, dass es durch Massenfertigung billiger zu haben ist.

Bruchhagen als Bedenkenträger

Aber auch erschwinglich? Zweifel sind angebracht. Heribert Bruchhagen ist einer der Bedenkenträger. Bruchhagen ist Chef des Bundesligaklubs Eintracht Frankfurt und sitzt im Vorstand der Deutschen Fußball Liga (DFL). Die deutschen Schiedsrichter haben sich zwar pro Tortechnik ausgesprochen, der Ligaverband jedoch hat bereits Abstand davon genommen. Auch in der nächsten Saison wird in deutschen Stadien keine Torlinientechnik installiert. Das ist der Beschluss. Nicht genau genug sei sie, heißt es.

Außerdem schrecken die Kosten ab. Denn die Fifa zahlt nichts, ganz im Gegenteil: Sie kassiert für die Lizenzgebühr. Bruchhagen sagt: "Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis. Wir sprechen von hohen Anschaffungs-, aber vor allem auch Wartungskosten." Tore würden im Winter abgebaut, ebenso wie für viele Veranstaltungen wie Konzerte.

Und dann die Stadionfrage. In Frankfurt ist die Stadt Besitzer, müsste also zahlen. Auf Schalke aber gehört das Stadion dem Klub, er müsste also selbst dafür aufkommen. Bruchhagen könnte zig Punkte dagegen aufzählen. "Die vier, fünf großen Ligen Europas könnten sich das leisten. Aber Slowenien, Kroatien oder andere kleine Ligen nicht. Wie soll das funktionieren?", sagt er und kommt zu dem Schluss: "Fußball wird weltweit gleich gespielt. Das ist ein hohes Gut. Solange Platini da ist, bin ich guter Hoffnung, dass alle realistisch bleiben."

Platini setzt auf zusätzliche Torrichter

Michel Platini also. Er macht in Europa den Unterschied aus, ob der Stecker reingesteckt wird oder der Technik der Saft abgedreht wird. Der Präsident der Uefa versteht sich als natürlicher Gegenspieler von Blatter. Und natürlich hat er auch bei der Torlinientechnik eine ganz andere Position als der Fifa-Chef. Platini setzt auf zwei zusätzliche Torrichter, die direkt neben den Tor postiert werden. Im Europapokal ist das schon die Regel.

Um Blatter noch ein wenig in die Parade zu fahren, verfügte Platini, dass auch bei der U21-EM im kommenden Jahr in Israel der Mensch der Technik vorgezogen wird. "Wo beginnt die Technik und wo hört sie auf?", sinnierte Platini, was jedoch schon beantwortet wurde. Außerhalb des Tores wird sie nicht zum Einsatz kommen. Hawk Eye etwa soll auch in Zukunft nicht zur Klärung beitragen, ob einer beim Tor im Abseits stand.

Platini aber ficht das nicht an. 50 Millionen Euro seien in den nächsten fünf Jahren nötig, sollte die Technik in die europäischen Wettbewerbe eingeführt werden. "Ich würde diese 50 Millionen lieber in die Entwicklung des Fußballs stecken", sagte der Franzose. Entwicklungshilfe contra Hightech – eine Glaubensfrage. Sie dokumentiert ganz gut, welche Gräben sich auch in Zukunft bei diesem Thema auftun werden.

Foto: Getty

Die Mutter aller Schiedsrichterfehler geschah 1966 im Wembley-Stadion: Der sowjetische Linienrichter Tofiq Bahramov hatte nicht gesehen, ob der Ball von Geoff Hurst drin war oder nicht. Er entschied anhand der Reaktionen von Publikum und Spielern auf Treffer für England zum 3:2. Das WM-Finale gewannen die Engländer letztendlich mit 4:2 (n.V.) gegen Deutschland.

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