12.12.12

Fußball

Der einsame Tod von Schiedsrichter Manfred Amerell

Seine Leiche blieb tagelang unentdeckt, die Identifikation erfolgte über das Zahnschema. Ermittler fanden keine Anzeichen für ein Verbrechen.

Von Inga Catharina Thomas
Foto: dpa

Niedergang: Nach den Rechtsstreitigkeiten ging es Manfred Amerell immer schlechter. Er starb einsam in seiner Münchener Wohnung
Niedergang: Nach den Rechtsstreitigkeiten ging es Manfred Amerell immer schlechter. Er starb einsam in seiner Münchener Wohnung

Die Nacht über hatte es heftig geschneit in München. Besucher des nahen Weihnachtsmarkts stapften durch 20 Zentimeter Neuschnee, als eine Polizeistreife in der Wendl-Dietrich-Straße im Stadtteil Neuhausen hielt. Ein Bekannter von Manfred Amerell hatte die Beamten alarmiert. Seit einer Woche sei der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter nicht mehr zu erreichen.

Die Polizisten klingelten an der Haustür. Sie blieb verschlossen. Niemand hatte Amerell gesehen. Der Postkasten quoll über. Schließlich rückte die Feuerwehr an. Über eine Drehleiter kletterten die Helfer auf den Balkon im vierten Stock. Gewaltsam brachen sie die Tür auf. Drinnen war es warm und stickig. Die Heizung lief seit Tagen auf Hochtouren.

Als die Beamten die Leiche fanden, war die Verwesung bereits so weit fortgeschritten, dass eine zweifelsfreie Identifikation nicht mehr möglich war. Weshalb Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwochmittag zwar ausdrücklich davon ausgingen, aber noch nicht offiziell bestätigen konnten, dass es sich bei dem Toten um Manfred Amerell handelt. "Am Nachmittag erfolgt die Obduktion", teilte Frank Hellwig, der zuständige Kriminaldirektor, mit.

Die Identifikation sei über das Zahnschema geplant. "Notfalls machen wir einen DNA-Abgleich." Der würde allerdings bis zu zwei Wochen dauern. Auch die Todesursache soll die Obduktion klären. "Es gibt weder Hinweise auf einen Unfall, einen Suizid, noch auf Fremdverschulden", sagte Hellwig. Ein Abschiedsbrief wurde nicht gefunden. Alles scheint für eine natürliche Ursache wie einen Herzinfarkt zu sprechen. Von Vorerkrankungen ist der Polizei bislang nichts bekannt. Die Medikamente, die in der Wohnung gefunden wurden, seien typisch für einen Mann in Amerells Alter. Trotzdem sei ein toxikologisches Gutachten in Auftrag gegeben worden.

Zwei Jahre im Rechtsstreit

Bei der Pressekonferenz im Polizeipräsidium herrschte Gedränge. Mehrere Fernsehsender parkten ihre Übertragungswagen vor dem Gebäude an der Frauenkirche. Amerell hatte ja nicht nur als ehemaliger Sprecher der Schiedsrichter eine besondere Prominenz inne. Er war auch Hauptfigur in einem der größten Skandale in der Geschichte der Bundesliga.

Im Februar 2010 wurde bekannt, dass sich Amerell seinem Schiedsrichterkollegen Michael Kempter gegen dessen Willen sexuell genähert haben soll. Fast zwei Jahre lang zogen sich daraus resultierende Rechtsstreitigkeiten hin, in deren Verlauf auch der damalige Präsident Theo Zwanziger vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) in die Kritik geriet. Letztlich endete die Auseinandersetzung mit einem Vergleich. Kempter erklärte, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass seine Ablehnung der Annäherungsversuche vielleicht nicht deutlich genug gewesen sei. Amerell wiederum verzichtete auf seine Schadenersatzforderung.

Amerell fühlte sich diffamiert

Amerell fühlte sich vom DFB diffamiert. Zwanziger, der sich auf Kempters Seite gestellt hatte, nannte er "die größte menschliche Enttäuschung meines Lebens". Es sei jetzt seine "Lebensaufgabe, die Scherben zusammenzukehren". Seither ging es für Amerell bergab. Er musste sein Hotel in Augsburg aufgeben, das er im Hauptberuf geführt hatte. Seine Frau trennte sich von ihm. Auch der Kontakt zu seinen Töchtern riss angeblich ab. Fortan lebte er allein in seiner Fünf-Zimmer-Wohnung in München. "Meine Lebensqualität geht gegen Null. Kein Mensch kann erahnen, was du im seelischen und familiären Bereich aushalten musst", klagte Amerell vergangenen Winter.

Vor einer Woche wurde er das letzte Mal lebend gesehen, so die Polizei. Dass Amerell seitens der Familie vermisst wurde, darauf gebe es keine Hinweise, sagte Kriminaldirektor Hellwig.

Die Kanzlei von Amerells Anwalt reagierte am Mittwoch "bestürzt und in tiefer Trauer" auf die Todesnachricht. "Wir werden ihn nicht vergessen", hieß es. Auch der Profifußball gedachte Amerell. Bei ihrer Ligaversammlung in Frankfurt legten die Vertreter der 36 Vereine eine Schweigeminute ein. Auch der Präsident des Zweitligavereins TSV 1860 München, Dieter Schneider, zeigte sich tief betroffen; Amerell war von 1970 bis 1975 Geschäftsführer bei den "Löwen" gewesen: "Es ist ein tragischer menschlicher Vorfall", erklärte Schneider.

Er nahm kein Blatt vor den Mund

Nach dem Abschied von 1860 bekleidete der gebürtige Münchner die gleiche Position beim FC Augsburg (1975 bis 1979) und beim Karlsruher SC (1979 bis 1984). Anschließend wechselte er ins Lager der Spitzenschiedsrichter.

In seiner aktiven Zeit war er dafür bekannt, kein Blatt vor den zu Mund nehmen und keinen Star mit Samthandschuhen anzufassen. "Er war ein sehr rigoroser Mensch", sagte jetzt Bernd Heynemann, sein ehemaliger Kollege: "Als Schiedsrichter hatte er den Spitznamen 'Aquarell", weil er so viele Karten gezogen hat."

Höhe- und Endpunkt seiner Laufbahn als "Pfeife der Nation" (Amerell über Amerell) war die Leitung des Endspiels des DFB-Pokals 1994 zwischen Werder Bremen und Rot-Weiss Essen. Danach wechselte er ins Funktionärslager, wo er schließlich als Schiedsrichterbeobachter und -sprecher arbeitete.

Amerell tauchte ab

In einem Fußballstadion wurde Manfred Amerell zuletzt im August bei einem Heimspiel des TSV 1860 gesehen. Ansonsten hielt er sich zuletzt der Öffentlichkeit fern und bereitete sich allenfalls auf weitere Prozesse vor. Die Sehnsucht, seinen Ruf wiederherzustellen, begleitete ihn bis in den Tod.

Niedergang Nach den Rechtsstreitigkeiten ging es Manfred Amerell immer schlechter. Er starb einsam in seiner Münchener Wohnung, die von der Polizei versiegelt wurde

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