09.12.12

Kolumne "Querpass"

Wolfgang Stark würde auch Uwe Seeler Rot zeigen...

Langweilige Spiele sind nichts für Wolfgang Stark, der mit einem Fehler Dortmunds Niederlage einleitete. Der Schiedsrichter wirkt, als hätte er sich schon als Junge ein Regelbuch zu Ostern gewünscht.

Von Oskar Beck
Foto: REUTERS

Borussia Dortmund - VfL Wolfsburg 2:3 (1:2)
Der Titelverteidiger wollte gegen die Niedersachsen den Anschluss an die Spitze halten.

14 Bilder

Wir alle machen uns die Dinge oft viel zu leicht und tun gerade so, als sei beispielsweise das menschliche Knie von der Hand problemlos zu unterscheiden. Wie knifflig das in Wirklichkeit ist, haben wir am Samstag bei Wolfgang Stark gesehen: Wenn er Arzt wäre, hätte er blindlings auf Mittelhandbruch getippt – dabei war es ein Kreuzbandriss. Fehldiagnose.

Dumm gelaufen ist das für den Dortmunder Marcel Schmelzer. Der Schiedsrichter Stark hat in jener alles vorentscheidenden 36. Minute gegen Wolfsburg kurzen Prozess mit ihm und dem BVB gemacht, Hand, Elfmeter, Platzverweis – und, als die Kirche aus war, gesagt: "Es war leider ein Wahrnehmungsfehler." Der Unterschied zwischen Knie und Hand ist jedenfalls geringer als der zwischen Stark und einem normalen Schiedsrichter: Letzterer sagt im Zweifel Knie und lässt weiterspielen – Stark sagt im Zweifel Hand, Strafstoß und raus. Gefangene werden bei ihm nicht gemacht.

"Herr Stark hat immer recht"

Doch jetzt die gute Nachricht: Bei Wolfgang Stark ist immer was los, oft sogar der Teufel. An solchen Tagen macht er aus jedem Stadion ein Tollhaus und lässt den Deckel vom Dampfkessel fliegen, zumindest aber dem Klopp vom Kopf. Wenn wir den geschwollenen Hals des Meistertrainers nach dem Schlusspfiff richtig deuten, hätte er am liebsten kurz den Kobiaschwili gemacht. Das ist jener fuchsteufelswilde Georgier, der im Hertha-Trikot vorigen Mai nach dem Relegationsskandal in Düsseldorf diesem Stark an die Wäsche ging – die damaligen Tumulte beschäftigten noch Wochen danach die Gerichte und die Gemüter.

Jürgen Klopp hat also das Ventil pfeifen lassen ("skurril"), sich aber im Schulterschluss mit Manager Zorc ("unfassbar") und Geschäftsführer Watzke ("Ich verliere fast die Selbstbeherrschung") tapfer zusammengerissen. Oder hat er aufgegeben, sich abgefunden mit dem Unabänderlichen? Schon vor Wochen zitierte der Meistertrainer den Paragrafen eins im Regelbuch resigniert so: "Herr Stark hat immer recht."

Stark duckt sich selten

Zumindest aber ist der pfiffige Bayer das Eintrittsgeld immer wert. Bei so einem Topspiel am Samstagabend sowieso, da zieht er alle Register und garantiert das Besondere, und selbst wenn ein Spiel nicht aus den Fugen gerät, bebt zumindest das Stadion. Langweiliger Fußball ist unter Stark ausgeschlossen, eher könnten wir uns vorstellen, dass er sogar in einem Wohltätigkeitskick der Sepp-Herberger-Stiftung zugunsten notleidender Altnationalspieler für Rudelbildungen sorgt und gegen den meckernden Uwe Seeler das aus der Hose zieht, was die Fußballer die "Arschkarte" nennen, also glatt Rot.

Für viele seiner Sportkameraden, wie Florian Meier oder Felix Brych, gilt noch das alte Motto: Der beste Schiedsrichter ist der, der nicht auffällt. Knut Kircher und Manuel Gräfe machen sich, obwohl fast zwei Meter hoch, vor lauter Fingerspitzengefühl deshalb auch mal klein – nur Stark duckt sich selten.

Und das alles, wir ahnen es, macht ihm Spaß. Wo andere vor Stress auf dem letzten Loch pfeifen, genießt er sichtlich jeden Pfiff, und wir ertappen uns bei dem Gedanken, dass er sich schon als Bub zu Weihnachten keine Eisenbahn gewünscht hat, sondern eine Trillerpfeife, zum Geburtstag ein gelb-rotes Kartenspiel und zu Ostern ein Regelbuch – aus dem sagt er die dazugehörigen Strafen jetzt auswendig auf, da macht ihm keiner was vor, auch nicht Mario Götze. Zusammengefaltet hat er das kleine Genie geschwind, in Großaufnahme.

Götze zusammengefaltet

Die Szene war, nomen est omen, echt Stark. Kurz vor Schluss war es, und wenn die Zeit knapp wird, überschlagen sich bei ihm oft die Ereignisse, dann pfeift er sich vollends unter Stark-Strom. Sieben Minuten also noch, Freistoß für Dortmund, schnell und steil wird der Ball gespielt, es ergibt sich eine verheißungsvolle Chance – doch Stark pfeift zurück, er will den Ball etwas länger ruhen sehen. Götze meckert und sieht Gelb. Ganz Dortmund kocht und brodelt, der kleine Götze, das ganze Stadion.

Aber Stark steht wie eine Eins. Er hat schon ganz andere Stadien in Aufruhr versetzt, bis es lichterloh brannte und nach dem Abpfiff Regenschirme für ihn aufgespannt werden mussten gegen die fliegenden Bierbecher – ja sogar die besonnensten Menschen mit der besten Kinderstube hat er auf 180 gebracht, wie Klaus Allofs. Als der Wolfsburger Manager noch bei Werder war, fauchte dieser sonst so Friedfertige plötzlich verzweifelt: "Wollen Sie nicht auch für uns mal ein bisschen pfeifen, Herr Stark?"

Am Samstag hat der ihm den Wunsch nun erfüllt - und anders als bei jenem alten Disput musste Diego (der damals auch noch Bremer war) seinen geschenkten Elfmeter diesmal sogar nur einmal vollstrecken.

Wir verdanken ihm wahnsinnige Spiele

Gern lässt Stark einen Schützen nämlich zweimal anlaufen, und allein dafür hätten ihn die Dortmunder schon einmal am liebsten gesteinigt. Da ließ er in einem legendären Tumultspiel gegen Hoffenheim Nuri Sahin einen Strafstoß wiederholen, weil andere angeblich zu früh in den Strafraum gelaufen waren, was nicht der Fall war. Im zweiten Anlauf hat Sahin prompt verschossen, aber dafür pfiff Stark dann die Hoffenheimer in der Nachspielzeit mit einem haarsträubenden Freistoß herunter von Wolke sieben – und stellte Salihovic, den armen Tropf, ungerührt vom Platz, weil der wegen des Schiedsrichterirrtums einen Tobsuchtsanfall erlitt.

So verdanken wir Wolfgang Stark ein paar der wahnsinnigsten Spiele und nun also auch noch das am Samstag. Ohne seine falsche Wahrnehmung wäre die Sache wahrscheinlich stinkfad ungefähr 3:1 für Dortmund ausgegangen, aber so bleibt das Rennen um Platz zwei nun weiter spannend. "Der Elfmeter und der Platzverweis waren Fehler", sagt Stark, "aber ich stehe dazu."

Stark-Trikots im Fanshop

Aufrappeln, Mund abputzen, weiterpfeifen. Er wird gebraucht im Zirkus des Fußballs. Er bringt Farbe ins Spiel, grätscht auch mal mit gestreckter Pfeife dazwischen, ist er ein bisschen van Bommel und ein bisschen Balotelli, notfalls ballt er vor der Leistengegend auch mal die Hände zu Fäusten - jedenfalls bläst er den Millionären in kurzen Hosen den Marsch und stiehlt irgendwann vollends allen die Show.

Wie am Samstag. Noch ein paar solche Spiele, und dieser bayrische Bankkaufmann pfeift als Promi-Schiri in "Wetten, dass" vor, muss rote Autogrammkarten drucken - und in den Fanshops hängt neben den Trikots von Götze, Reus und Özil auch noch ein schwarzes, das beflockt ist mit "Stark" und anstelle der Rückennummer mit einer großen Pfeife.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Umfrage Was ist für Sie das Sportwort des Jahres 2012?

  • 57%

    Wundliegen

  • 22%

    Vettrick

  • 5%

    Seebühne

  • 9%

    Halbangst

  • 7%

    Traumschiffparty

Abgegebene Stimmen: 2.276
Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Südkorea Geretteter Schulleiter bringt sich um
Schriftsteller Trauer um Gabriel Garcia Marquez
Trotz Handelsverbot Kanada eröffnet die alljährliche Robbenjagd
Coachella Festival Hier ist Promis nichts peinlich
1. Bundesliga Spielplan
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Fernsehprogramm

Von Jesus Christus bis Hitler – Das läuft über…

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote