09.12.12

Gewalt im Fußball

Spieler streckt Schiedsrichter mit Kopfstoß nieder

Im Video: Weil er die Rote Karte sah, rastete ein Kreisligaspieler aus. Dies ist kein Einzelfall. Der Amateurfußball hat ein Gewaltproblem, betroffen sind besonders die Unparteiischen.

Von Jens Bierschwale
Quelle: Die Welt, Reuters
06.12.2012 1:01 min.
Ein Spieler des A-Kreisligisten GFV Odyssia Esslingen hat den Schiedsrichter Levent Kabaoglu per Kopfnuss niedergestreckt. Kabaoglu leidet noch immer unter dem tätlichen Angriff.

Gekas haben sie ihn genannt. Weil er eine gewisse Ähnlichkeit mit dem griechischen Fußballprofi hat. Und weil er auch so schön abgezockt spielen kann wie der ehemalige Bundesligaprofi Theofanis Gekas.

A. G., 26, hat auf dem Platz gern auf den Spitznamen gehört, ein bisschen hat er sich geschmeichelt gefühlt, schließlich hat er weitab der großen Bühne beim Kreisligaklub GFV Odyssia Esslingen gespielt. Heldenverehrungen sind da eigentlich eher selten.

Sieben Streifenwagen, zwei Rettungsfahrzeuge

Im nächsten Sommer feiert der von griechischen Gastarbeitern gegründete Verein 50-jähriges Bestehen, doch der Gekas der Kreisliga darf dann nicht vorbeikommen. Der Klub hat ihn kurzerhand ausgeschlossen, nachdem er vom Sportgericht Neckar-Fils für zweieinhalb Jahre gesperrt wurde.

In einer der untersten Amateurklassen hat A. G. nicht nur sein Fußballkönnen gezeigt, sondern andere, weitaus besorgniserregendere Qualitäten eingebracht. Ende November streckte er im Spiel beim TSV Köngen II den Schiedsrichter Levent Kabaoglu per Kopfstoß nieder. Der Unparteiische erlitt eine Gehirnerschütterung, die Platzwunde am Auge musste im Krankenhaus mit sieben Stichen genäht werden. Sieben Streifenwagen und zwei Rettungsfahrzeuge waren im Einsatz.

"Nur" Hobbyfußballer?

Und das in einem Spiel, in dem es nur um Punkte, nicht aber um Prämien und Pokale geht. In einem Spiel, in dem nur Hobbyfußballer auf dem Platz stehen. In einem Spiel, das die Debatte um zunehmende Gewalt im Amateurfußball neu befeuert hat.

Christos Stratidis ist seit drei Jahren Präsident bei Odyssia Esslingen, oft schon hat er zugeschaut bei den Spielen der ersten Mannschaft. Ein durchaus guter Spieler sei G. gewesen, berichtet er. "Trotzdem können wir auf einen wie ihn gut verzichten, so einer macht alles kaputt."

Rote Karte – und dann der Ausraster

G. hatte sich vor der hinterhältigen Tat über ein Foul vor einem Gegentor beklagt und den Unparteiischen gefragt: "Was hast du denn in der Pause von denen bekommen?" Daraufhin zeigte ihm der Schiedsrichter die Rote Karte, ehe G. ausrastete.

Nun darf der Übeltäter nicht nur bis zum Mai 2015 für keinen Klub in Württemberg Fußball spielen, sondern muss weitere Sanktionen fürchten. Schiedsrichter Kabaoglu hat Zivilklage wegen vorsätzlicher Körperverletzung eingereicht. Bis zum heutigen Tag hat er Sehstörungen und klagt über Kopfschmerzen. Arbeiten kann er noch nicht wieder.

"Das führt zum Exitus"

Und das alles nur, weil er ein Kreisliga-Spiel gepfiffen hat. Und weil Taxifahrer G. mit einer Entscheidung nicht einverstanden war.

Die Tat sei ein absolutes Novum für ihn, sagt Hans-Jürgen Seidler, Abteilungsleiter beim Odyssia-Gegner TSV Köngen. "Das führt zum Exitus des Amateurfußballs."

Jochbein zertrümmert

Schon vor einem Jahr war es im Stadion mit dem schönen Namen Köngener Fuchsgrube im Spiel gegen Odyssia zu einem Zwischenfall gekommen, als bei einer Keilerei nach der Partie einem der Heimspieler das Jochbein zertrümmert wurde. "Die Odyssia-Verantwortlichen können sich so lange entschuldigen, wie sie wollen", sagt Abteilungsleiter Seidler, "sie haben die Sache einfach nicht im Griff."

Eine Feststellung, die nicht nur auf den Verein aus Baden-Württemberg zutrifft. Längst schon hat sich die Zunahme an Gewalt im Jugend- und Amateurfußball zu einem bundesweiten Phänomen entwickelt. Morddrohungen, Diffamierungen und Handgreiflichkeiten gehören fast an jedem Spieltag dazu. In unschöner Regelmäßigkeit gibt es Schreckensmeldungen aus den Niederungen der Sportart.

Kaleidoskop der Gewalt

Am 3. Oktober 2012 verletzen Spieler des FC Iliria Rosenheim im A-Klasse-Derby gegen den ESV Rosenheim den Unparteiischen sowie den Gäste-Coach mit Faustschlägen und einem gezielten Tritt. Beide Opfer werden im Krankenhaus behandelt.

Am 27. März 2012 greift nach der verloren gegangenen Bezirksligapartie bei SUS Essen-Haarzopf ein Spieler vom Auswärtsteam SC Blau-Weiss Oberhausen den Referee an. Bei seiner Flucht ins Vereinsheim wird er von einem Zuschauer zu Boden gestoßen. Das Opfer kommt ins Krankenhaus.

Massenschlägerei mit 25 Beteiligten

Am 9. Oktober 2011 kommt es in Dortmund gleich bei zwei Kreisliga-Spielen zu Schlägereien. Ein aus Guinea stammender Spieler des TSC Eintracht Dortmund wird mit fremdenfeindlichen Sprüchen beschimpft und nach dem Abpfiff von gegnerischen Spielern mit Tritten und Schlägen attackiert. Auf dem Platz des TuS Eichlinghofen prügeln sich Spieler, Trainer und Betreuer – laut Polizei bis zu 25 Beteiligte.

Am 16. September 2011 wird in der Berliner Landesliga Schiedsrichter Gerald Bothe bei der Begegnung Medizin Friedrichshain gegen TSV Helgoland schwer verletzt. Nach dem Faustschlag eines Spielers, der Gelb-Rot gesehen hatte, verschluckt er seine Zunge. Ein anderer Spieler, der Sanitäter ist, rettet ihn. Der Unparteiische erleidet zwei Blutgerinnsel im Kopf.

Die Angst kommt mit auf den Platz

Bothe pfeift inzwischen wieder. Die Angst begleitet ihn immer noch beim Weg auf den Fußballplatz. Zweimal schon sei er erneut angegriffen worden in den vergangenen Monaten, sagt er. Deshalb hält es Bothe auch für möglich, dass sich selbst Fälle mit Todesfolge wie jener aus den Niederlanden in Deutschland ereignen können.

Vergangenen Sonntag hatten vier Jugendliche im Alter zwischen 15 und 16 Jahren in Almere den Schiedsrichter-Assistenten nach dem Schlusspfiff angegriffen und dabei lebensgefährlich verletzt. Der 41 Jahre alte Mann starb tags darauf im Krankenhaus. Die Jugendlichen des Vereins Nieuw-Sloten sitzen mittlerweile in Isolationshaft.

Immer mehr Schiedsrichter hören auf

"Das kann auch hier jeden Augenblick passieren", meint der Berliner Schiedsrichter Bothe, "es ist nicht berechenbar."

Viele andere Schiedsrichter haben deshalb Konsequenzen gezogen und leiten keine Spiele mehr. Für eine geringe Aufwandsentschädigung regelmäßig Zielscheibe von Spielern und Zuschauern zu werden, ist ohnehin ein zweifelhaftes Vergnügen. Hinzu kommt, dass die Bereitschaft zu gewalttätigen Aktionen gegen die Unparteiischen massiv zugenommen hat.

Fast jeder Fünfte wurde schon mal angegriffen

Thaya Vester vom Institut für Kriminologie der Universität Tübingen hat in ihrer Dissertation Gewaltphänomene im Amateurfußball erforscht und dabei auch Übergriffe auf Referees untersucht. "Ich habe 2600 Schiedsrichter befragt, ob sie sich sicher fühlen. Es ist richtig, dass Schiedsrichter fast schon als Freiwild gesehen werden, was Beleidigungen angeht", sagt sie. "Bedroht wurden 40 Prozent der Befragten, 17 Prozent wurden tätlich angegriffen." In zwei Jahren macht das 442 Angriffe auf Schiedsrichter allein in der Untersuchungsregion Baden-Württemberg.

Es ist ein Phänomen, das auch Valentino Usein, Vorsitzender der Schiedsrichtervereinigung im Fußball-Kreis Solingen, ausgemacht hat. "Der Respekt vor den Schiedsrichtern ist in den vergangenen Jahren sukzessive gesunken", sagt er. "Vor allem die lautstark geäußerte Kritik an den Entscheidungen unserer Leute hat zugenommen. Den jungen Unparteiischen vergeht angesichts dieser Anfeindungen die Lust, ihr Hobby weiter auszuüben."

Spießrutenlauf bei Facebook

Mehrfach sei es vorgekommen, dass die Unparteiischen in und um Solingen auch außerhalb des Platzes bedroht wurden. "Das waren regelrechte Spießrutenläufe, über Facebook ist es zu sozialen Ächtungen gekommen. Daher tauchen die Namen unserer Schiedsrichter jetzt in keinem Fußball-Portal im Internet mehr auf, alles ist anonym. Es ist einfach zu gefährlich", sagt Usein.

Beim Deutschen Fußball-Bund beobachten sie die Entwicklung mit Sorge. "Dass wir diese Gewalt auf den Fußballplätzen haben, ist nicht wegzudiskutieren", sagt Vizepräsident Hermann Korfmacher, der für den Amateurbereich zuständig ist. "Es ist besonders erschreckend, dass die Härte, die heute demonstriert wird, viel drastischer ausfällt als früher. Das ist in keinster Weise mehr zu tolerieren."

Ein gesellschaftliches Problem

Korfmacher fährt fort: "Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das auch ein gesellschaftliches Problem ist. Der Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, ein großer Schmelztiegel, alle finden sich dort wieder. Deshalb müssen wir gegen zunehmende Gewalt drastisch vorgehen."

Noch allerdings hat auch der größte Sportfachverband der Welt keine probaten Gegenmittel gefunden. Zwar werden Schiedsrichter und Spielführer regelmäßig geschult, doch diese Maßnahmen allein reichen längst nicht mehr aus.

Politik fordert mehr Prävention

Alarmiert durch die jüngsten Ausschreitungen fordern Politiker inzwischen vermehrt weitere Präventivmaßnahmen wie den Schutz der Schiedsrichter auch in unteren Spielklassen durch Ordnungsdienste. Vor zwei Monaten sorgte der Fall des 20-Jährigen Jonny K. für Schlagzeilen, der nach einem Discobesuch auf dem Berliner Alexanderplatz totgeschlagen wurde. Die Sorge, Ähnliches könne sich auf dem Fußballplatz zutragen, erscheint nach den Geschehnissen in den Niederlanden nicht mehr unbegründet.

Zumal die Hemmschwelle für Gewaltanwendungen drastisch gesunken ist. "Wir können es nicht ausschließen, dass immer wieder etwas passiert", gibt auch Korfmacher zu. "Fußball ist ein Spiel der Emotionen, das geht dann manchmal so weit, dass man es nicht mehr verstehen kann." Ein Eingreifen der Politik hält der Vizepräsident aber nicht für notwendig. "Ich denke, dass wir das als unsere eigene Aufgabe begreifen müssen."

Mitarbeit: ks/trn

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