07.12.12

Spottgesänge

Stuttgarts Harnik zeigt eigenen Fans den Vogel

Pfiffe und höhnische Gesänge der eigenen Fans ("Stuttgart international kann man nur besoffen sehen!") nach dem schwachen Europa-League-Spiel – für VfB-Stürmer Martin Harnik war das zu viel.

Foto: Bongarts/Getty Images
Martin Harnik
Stuttgarts Martin Harnik verlor ein wenig die Kontrolle

Auf das ohrenbetäubende Pfeifkonzert der eigenen Fans wollte Bruno Labbadia gar nicht mehr groß eingehen. "Das habe ich mir abgewöhnt", sagte der Trainer des VfB Stuttgart nach dem peinlichen 0:1 gegen Molde FK. Bei Minus zwei Grad am Donnerstagabend sank die Stimmung der 15.550 Fans schnell unter den Gefrierpunkt. "Da hört man jeden Pfiff noch mehr", sagte Labbadia zu der frustrierten Minikulisse im letzten Gruppenspiel der Europa League.

Nach der blamablen Leistung vor blamabler Kulisse ging es weiter bergab. Die Stuttgarter Profis ernteten für ihre Leistung von den eigenen Fans gerechter Weise keine Jubelarien und lange anhaltenden Applaus, sondern verhaltenen Beifall und Pfiffe. Das wäre wohl noch zu verkraften gewesen. Dann aber stimmten die Anhänger ein kleines Liedchen an und sangen: "Stuttgart international kann man nur besoffen sehen!"

Stürmer Martin Harnik fand das weniger lustig – und zeigte den VfB-Fans den Vogel. Der "Bild" sagte er später: "Ich fand die Reaktion der Fans nicht gut. Die haben uns während des Spiels gut unterstützt. Sie müssen uns auch nicht feiern, wenn wir verloren haben – aber den Spott fand ich einfach unangebracht. Wir haben alles gegeben, haben Chancen kreiert und sie nicht gemacht – uns dann zu verspotten, das wir haben wir nicht verdient. Dafür brauche ich kein Verständnis zu haben."

Auch Labbadia ärgert sich

Die Stuttgarter stehen zwar dank der Schützenhilfe von Steaua Bukarest als Zweiter der Staffel E zum zweiten Mal nach 2010/11 in der Zwischenrunde des Wettbewerbs. Mit der Vorstellung der über weite Strecken indisponierten Mannschaft haderten aber nicht nur die Fans. "Ich habe mich in der Halbzeit wahnsinnig geärgert", sagte VfB-Trainer Labbadia.

Die ersten 45 Minuten bezeichnete er als schlecht – seine gute Kinderstube verhinderte vor den Kameras und Journalisten wohl eine drastischere Ausdrucksweise. Seiner Mannschaft attestierte der 46-Jährige zumindest in der zweiten Hälfte einen "unglaublichen Willen", auch wenn Vedad Ibisevic & Co. in bester Slapstick-Manier eine Torchance nach der anderen verstolperten.

"Hauptsache weiter"

Der Tenor nach dem Weiterkommen gegen den bereits ausgeschiedenen Meister aus Norwegen war schließlich einhellig: Hauptsache weiter. "Wir brauchen uns nicht zu feiern, sind aber froh, dass wir weiter sind", sagte der nach seiner Einwechslung in der 29. Minute stets bemühte Offensivspieler Martin Harnik. "Abhaken", meinte Kapitän Christian Gentner knapp.

Das ist auch der große Vorteil für die Spieler des Siebten in der Fußball-Bundesliga: Die Terminhatz lässt keine ausschweifende Aufarbeitung eigenen Unvermögens zu. Über den Gegentreffer des ivorischen Stürmers Davy Angan (45.+1) wird dennoch zu reden sein, stümperhaft ließen sich die Stuttgarter da auskontern.

Kaum Regeneration – Jetzt gegen Schalke

Knapp 43 Stunden nach dem Murks gegen Molde müssen die Schwaben schon an die Bundesligapartie gegen den FC Schalke denken, Träume von kommenden Europapokalgegnern wie Lazio Rom oder FC Liverpool müssen hinten anstehen. "Für mich ist das Wettbewerbsverzerrung", kritisierte Labbadia erneut die kurze Regenerationsphase.

Nur drei Punkte trennen Stuttgart (22 Zähler) von Schalke. Mit dem dritten Bundesligaheimsieg könnten sich die Schwaben oben festsetzen. "Wir werden alles rauspusten, was wir noch haben", kündigte Labbadia vor dem 26. Pflichtspiel dieser Saison energisch an.

Die Ausgangslage klingt vielversprechend. Schalke um seinen knorrigen Trainer Huub Stevens hat seine vergangenen drei Auswärtsspiele verloren (2:3 bei 1899 Hoffenheim, 0:2 bei Bayer Leverkusen, 1:3 beim Hamburger SV). Nur eines seiner letzten zwölf Auswärtsspiele in Stuttgart konnte der Klub aus dem Ruhrpott gewinnen (acht Niederlagen, drei Remis).

"Es geht Schlag auf Schlag. Da müssen wir hochkonzentriert rangehen", forderte Schlussmann Sven Ulreich. Und Labbadia richtete einen Wunsch an die im Pfeifen bestens geübten VfB-Fans: Gegen Schalke setze er auf sie als zwölften Mann.

Quelle: dpa/mh
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