04.12.12

Niederlande

Linienrichter-Drama – Sohn sieht Vater sterben

Entsetzen auf der ganzen Welt über den verstorbenen niederländischen Linienrichter. Er half nur bei einem Spiel seines Sohnes aus. Jugendliche traten ihn wegen einer falschen Abseitsentscheidung tot.

Von Tim Röhn

Für Richard Nieuwenhuizen aus Almere in den Niederlanden war es ein ganz normaler Sonntag, wie so oft schaute er sich ein Fußballspiel seines Sohnes Mykel, 15, an. Mit der B-Jugend des SC Buitenboys ging es gegen den SV Nieuw Sloten.

Der 41-Jährige stellte sich kurz vor dem Anpfiff als Linienrichter zur Verfügung und bekam eine gelb-orange Fahne, mit der er dem Schiedsrichter anzeigte, wenn der Ball ins Seitenaus gerollt war oder ein Spieler im Abseits gestanden hatte. Dafür gibt es in den Amateur- und Jugend-Ligen weder in Deutschland noch in den Niederlanden Geld, es ist eine ehrenamtliche Tätigkeit.

Richard Nieuwenhuizen, Vater von drei Kindern hat sie mit dem Leben bezahlt. Nach dem Spiel seines Sohnes, das so unbedeutend war, dass normalerweise keine Zeitung dieser Welt darüber berichten würde, wurde der Mann von drei Spielern der Gästemannschaft angegriffen. Dabei war das Spiel sehr fair, nach dem Schlusspfiff reichten sich Trainer und Spieler der beiden Vereine die Hände.

Mit Stollenschuhen gegen den Kopf

Augenzeugen berichten, drei Jugendliche hätten den Linienrichter plötzlich mit Fäusten traktiert, als er am Boden lag, traten sie ihm mit ihren Stollenschuhen gegen den Kopf. Sein Sohn musste alles mit ansehen. Nieuwenhuizen rappelte sich auf, er rannte davon, aber die Jugendlichen waren schneller. Unterstützt von zwei Teamkollegen holten sie ihn ein und prügelten erneut los.

Der Grund für die Attacke, die so überraschend kam, dass sie niemand verhindern konnte: Die 15- und 16-Jährigen waren mit den Abseitsentscheidungen des Linienrichters nicht einverstanden. Dass sie solche schlimme Folgen haben sollte, war dabei anfangs nicht abzusehen. Nieuwenhuizen ging danach nach Hause, wenig später kehrte er sogar zur Sportanlage zurück, um sich ein weiteres Spiel von Buitenboys anzuschauen. Währenddessen kollabierte er, ein Rettungswagen brachte ihn ins Krankenhaus. Am Montagnachmittag verstarb er im Beisein seiner Söhne, seiner Frau und seiner Mutter an seinen schweren Kopfverletzungen.

Marcel Oost, Klub-Boss des SC Buitenboys, hatte Nieuwenhuizen in der Nacht zum Montag noch im Krankenhaus besucht. "Er hat mich erkannt und gesagt: 'Was für ein scheiß Fußball, hm?' Er machte einen positiven Eindruck und dachte, er würde sich wieder erholen", sagte Oost am Dienstag. "Wir sind zutiefst schockiert und traurig über den Tod des Schiedsrichter-Assistenten. Es ist unmöglich, Worte dafür zu finden, dass jemand beim Ausüben seines sportlichen Hobbys Opfer eines derartigen Angriffs wird", sagte Anton Binnemars, Direktor für Amateurfußball des niederländischen Fußball-Verbands KNVB, in einer ersten Reaktion. Sogar Sepp Blatter, Boss des Weltverbandes Fifa, meldete sich zu Wort. Er twitterte: "Eine fürchterliche Tragödie."

Blatter twittert: "Eine fürchterliche Tragödie"

Am Tag nach dem Tod des Linienrichters legten Mitglieder des SC Buitenboys im Vereinsheim weiße Rosen nieder, viele Menschen trugen sich in ein Kondolenzbuch ein. "Ich bin so wütend. Er wollte nur Gutes tun, das hat er nicht verdient", stammelte eine Frau mit Tränen in den Augen: "Die Täter müssen hart bestraft werden." Die Polizei hatte drei Spieler von Nieuw Sloten, einem Klub aus einem Amsterdamer Vorort, am frühen Montagmorgen festgenommen, sie sitzen nun in Untersuchungshaft. Ihr Klub schloss sie aus. Nieuw Sloten hat zudem alle anstehenden Meisterschaftsspiele abgesagt. Aus Respekt vor dem Opfer, heißt es.

Beim SC Buitenboys, bei dem 1400 Fußballer spielen, fanden am Dienstagnachmittag wieder Trainingseinheiten statt. "Wir denken, dass es besser ist, wenn die Jungs zu uns kommen anstatt zuhause zu sitzen", sagte Vorstandsmitglied Rob Miller der "Welt". Das, was sich am Sonntag auf einem der Kunstrasenplätze abspielte, "kann ich nicht verstehen. Wir sind tief traurig und schockiert. Wir haben einen Vater und einen Linienrichter verloren."

Weiße Rosen vor dem Vereinsheim

Es müssen unfassbare Szenen gewesen sein, aber sie sind weder in den Niederlanden noch hierzulande ein Einzelfall, nur die Folgen sind ungewöhnlich schlimm. In den Niederungen des Fußballs, in den Amateur- und Jugendligen, wo es für den Schiedsrichter und seine Assistenten keinen Schutz durch Polizeibeamte oder Ordner gibt, kommt es immer wieder zu Bedrohungen und Übergriffen.

In den Niederlanden sind die Situationen für Linienrichter in den Amateurligen zudem oft noch brisanter als in Deutschland, wo sie nur dafür verantwortlich sind, die Fahne zu heben, wenn der Ball im Aus war. Im niederländischen Fußball müssen sie mit Abseits weitaus wichtigere Entscheidungen fällen, und angesichts ihrer Zugehörigkeit zu einem Team gibt es oft Ärger.

Eine Studie des KNVB im Frühjahr hat ergeben, dass Unparteiische immer öfter Opfer von körperlichen Übergriffen werden, der Verband rief eine Kampagne gegen Gewalt ins Leben. Zwölf ehrenamtliche Schiedsrichter beschlossen vor einigen Wochen dennoch, nie mehr ein Spiel zu leiten. Anfang 2012 war es zudem zu einen Angriff auf einen 77-Jährigen gekommen, der sich eine Partie in Amsterdam angeschaut hatte. Ein Spieler verletzte den Mann mit einem Karatetritt tödlich.

Nicht der erste Tote im niederländischen Fußball

Der Verein, dem der Spieler angehörte, wurde wenig später aufgelöst. Ähnliche Konsequenzen könnte der Vorfall von Sonntag für den SV Nieuw Sloten haben. Schon in der Vorsaison musste ein Spiel der B-Jugend des Klubs nach Medienberichten wegen einer Schlägerei abgebrochen werden. Die Mannschaft musste 200 Euro zahlen, ein Spieler wurde für drei Monate gesperrt. Auch mit einem Ausschluss aus der Liga wurde gedroht.

Einen Lerneffekt hatten die Sanktionen nicht. Frank de Boer, Trainer des niederländischen Meisters Ajax Amsterdam, sagte am Dienstag: "Wie können die Sicherungen bei 15- und 16-jährigen Jungs so durchknallen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen so etwas tun. Wir müssen etwas tun, denn das ist verrückt."

Der niederländische Verband hatte erst kürzlich die maximale Sperre für Junioren-Spieler auf drei Jahre abgesenkt. Eine lebenslange Sperre sei zu hart, man müsse den jungen Leuten eine zweite Chance geben, hieß es.

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