02.12.12

Ex-Hertha-Trainer

Schon wieder droht Babbel das vorzeitige Aus im Advent

In Stuttgart und Hertha endete die Zeit für Trainer Babbel kurz vor Weihnachten. Das nächste Spiel gegen Bremen könnte Gewissheit bringen.

Von Lars Gartenschläger
Foto: dpa

Ratlos: Markus Babbel hat in Hoffenheim nicht den gewünschten Erfolg
Ratlos: Markus Babbel hat in Hoffenheim nicht den gewünschten Erfolg

Markus Babbel brauchte nicht lange zu überlegen. Rund 14 Monate hatte er sich als Assistenztrainer probiert, ehe ihn die Verantwortlichen des VfB Stuttgart im November 2008 baten, die Nachfolge des entlassenen Armin Veh zu übernehmen. Babbel sagte sofort zu. Er, der Lehrling, der damals noch ohne Trainerschein war. Einem Reporter, der ihn bei seiner Inthronisierung auf die schwierige Aufgabe ansprach, entgegnete er: "Einfach wollte ich es noch nie."

1899 macht erstmals Gewinn

Es ist ein Satz, der symbolisch für die Karriere des früheren Verteidigers (51 Länderspiele) steht. Schwierige Aufgaben und harte Kämpfe pflastern seinen Weg, der ihn im Februar zur TSG 1899 Hoffenheim geführt hat. Es ist nach dem VfB Stuttgart und Hertha BSC Babbels dritte Trainerstation. Und wie schon bei den Schwaben und auch in Berlin droht Babbel mitten im Advent das vorzeitige Aus.

Aufgrund der sportlichen Talfahrt seiner Mannschaft, die nach nur drei Siegen aus 14 Spielen auf dem Relegationsplatz 16 liegt, ist eine Demission noch vor dem Vertragsende im Juni 2014 wahrscheinlich. Möglicherweise schon am Sonntag, sollte sein Team daheim gegen Werder Bremen verlieren. Denn Hoffenheim hat erstmals in seiner viereinhalbjährigen Bundesliga-Geschichte einen Gewinn verbucht (1,73 Millionen Euro), mit dem Abstieg bezahlen will der milliardenschwere Vereinsmäzen Dietmar Hopp diese willkommene Entwicklung mit Sicherheit aber nicht. Lieber investiert er das gewonnene Geld in eine Abfindung.

Der Coach allerdings ist sich "sehr sicher", dass er auch kommende Woche noch Trainer in Hoffenheim ist. "Zum einen habe ich nicht nur bis Sonntag Vertrag, sondern ein bisschen länger. Und zudem bin ich sehr zuversichtlich, dass wir das Spiel gewinnen werden", sagte der 40-Jährige. Babbel gibt sich optimistisch. Zumal er genau weiß, was es heißt zu kämpfen.

Babbel feiert emotionales Comeback 2002

Im November vor elf Jahren hatten die Ärzte bei Babbel eine lebensbedrohliche Nervenkrankheit diagnostiziert. Er hatte gerade das Pfeiffersche Drüsenfieber auskuriert, da stoppte das Guillain-Barré-Syndrom die Karriere des Nationalspielers, der damals beim FC Liverpool spielte. Erst kribbelten die Füße, dann wurde jede Treppenstufe zur Qual. Als im Dezember seine Beine von den Knien abwärts und seine linke Gesichtshälfte gelähmt waren, saß Babbel plötzlich im Rollstuhl. Doch der Europameister von 1996 gewann den harten Kampf gegen die heimtückische Krankheit. Er schaffte es zurück ins Rampenlicht und sorgte im August 2002 für eines der emotionalsten Comebacks in der Fußball-Geschichte. "Es gibt nichts Schlechtes, das nicht auch etwas Gutes hat", sagte Babbel damals.

Der Trainer hat gelernt, sich gegen etwas zu stemmen. Inwiefern ihm das in seiner aktuellen Lage hilft, wird sich zeigen. Unter der Woche gab es erste Anzeichen dafür, dass seine Zeit als Trainer der TSG 1899 weit vor dem Vertragsende 2014 ablaufen wird. Nach dem 2:4 beim 1. FC Nürnberg wollte der seit Kurzem als Manager tätige Andreas Müller seine ausgesprochene Jobgarantie für Babbel nicht über die Partie gegen Bremen hinaus verlängern. Müller war am 18. September – auch auf Geheiß Babbels – in Hoffenheim angestellt worden, um den Coach zu entlasten. Der hatte zuvor in Doppelfunktion als Trainer und Manager gearbeitet. Schon zehn Wochen später könnte Müller über Babbels Zukunft richten – natürlich in Absprache mit Dietmar Hopp.

Ein Affront gegen Tim Wiese

Der Mäzen weilt zwar dieser Tage in Florida, um sich zu erholen, und wird erst zum Spiel gegen Borussia Dortmund am 16. Dezember zurück erwartet. Doch selbst wenn Franz Beckenbauer, ein enger Freund von Hopp, vor einer Woche meinte, dass wohl keine Entscheidung getroffen wird, solange Hopp in Florida ist, wird dieser bei weiteren Misserfolgen seiner TSG sicher nicht tatenlos bleiben.

Es liegt also an Babbel, seinen Chef von sich und der Nachhaltigkeit seines Tuns zu überzeugen. Nur ist es seit dieser Woche mehr als fraglich, ob die Spieler dem Trainer überhaupt noch Gefolgschaft leisten werden. Erst hatte Babbel seinen Star-Transfer Tim Wiese massiv infrage gestellt, indem er ungefragt verriet, dass er unabhängig von der Verletzung des Keepers über einen Torwartwechsel nachgedacht habe. Nach der Pleite in Nürnberg erklärte Babbel dann auch noch, dass ihn seine Spieler langweilen würden: "Sie denken: Das machen wir jetzt so, wie wir meinen. Und wenn"s nicht funktioniert, hören wir wieder auf den Trainer. Das langweilt langsam", sagte Babbel.

Es bedarf wohl keiner pädagogischen Ausbildung, um zu erahnen, wie solche Aussagen bei den Profis angekommen sein dürften. Sie sind zwar Angestellte des Vereins und haben für ihre teils fürstlichen Gehälter ordentliche Leistungen abzuliefern. Doch schon das Beispiel des VfL Wolfsburg hat jüngst gezeigt, wohin es führt, wenn die Chemie zwischen Mannschaft und Trainer nicht mehr stimmt. Wolfsburg spielt zwar seit der Entlassung von Felix Magath noch immer nicht beständig. Aber allein das Spiel eins nach dem Rauswurf – das 4:1 in Düsseldorf – wirkte wie eine Befreiung.

Schlammschlacht in Berlin hat Babbels Ansehen geschadet

Markus Babbel bleibt am Sonntag nur die Hoffnung auf einen Sieg seiner Mannschaft gegen Bremen. Sollte er den sportlichen Umschwung noch einmal schaffen, würde er damit auch etwas für seine Reputation als Trainer tun. Denn sein Ansehen hatte mächtig gelitten, nachdem das Engagement bei Hertha BSC vor einem Jahr in einer Schlammschlacht geendet war. Babbel und sein damaliger Arbeitgeber hatten sich zuvor mit Vorwürfen der Lüge und der Täuschung überhäuft. Von "Baron Münchhausen" war die Rede und von Leuten, die missbraucht wurden.

"Die Leute bei Hertha sind selbst verantwortlich für die aktuelle Situation und für das, was sie nach der Trennung von mir gemacht haben. Ich empfinde keine Schadenfreude", hatte Babbel später in einem Interview dazu gesagt. Es ist zu erwarten, dass die Berliner Reaktionen bei einem Scheitern Babbels in Hoffenheim ähnlich klingen werden.

Herthas Rosenkrieg in Zitaten
"Es geht darum, dass ich rechtzeitig Bescheid gegeben habe. Das war Anfang November in der Länderspielpause."
(Trainer Markus Babbel auf die Frage, wann er Hertha über seine Entscheidung, den Vertrag nicht verlängern zu wollen, informiert hat)
"Das ist schlichtweg falsch."
(Manager Michael Preetz über diese Aussage von Babbel)
"Am Dienstag habe ich ihn zu einem Gespräch gebeten und ihm gesagt: 'Ich möchte jetzt deine Entscheidung wissen, weil ich dir ehrlich gesagt nicht abkaufe, dass du mir nicht sagen kannst, in welche Richtung es geht'. Er bat um Bedenkzeit, und in einem Telefonat am Abend habe ich dann Kenntnis von seiner Entscheidung erlangt."
(Preetz auf die Frage, wie und wann er von Babbels Entscheidung wusste)
"Die Geschichte, die Babbel erzählt, ist nicht das, was Michael Preetz Stein auf Bein schwört. Wir sollten uns nicht durch Baron-Münchhausen-Geschichten die Arbeit der letzten eineinhalb Jahren kaputt machen."
(Hertha-Präsident Werner Gegenbauer über den Streit in der sportlichen Führung)
"Das ist natürlich ein bisschen enttäuschend, dass ich als Münchhausen dargestellt werde."
(Babbels Reaktion auf Gegenbauers Aussage)
"Obwohl meine Zukunft klar war, habe ich der Mannschaft nichts gesagt, ich habe den Medien nicht die Wahrheit gesagt. Das war nicht angenehm, aber für den Verein habe ich nichts gesagt."
(Babbel über die Gründe, warum er so lange geschwiegen hat)
"Jeder, der mich kennt, weiß: Wenn ich etwas sage, dann ist es auch so. Wenn jemand eine andere Meinung hat, dann hat er vielleicht nicht richtig zugehört."
(Babbel über ein mögliches Kommunikationsproblem mit Preetz)
"Bei so einem sensiblen Thema habe ich immer beide Ohren auf Empfang."
(Preetz' Konter auf diese Aussage von Babbel)
"Sie war kühl."
(Preetz über die Atmosphäre beim Telefongespräch mit Babbel, als er dem Trainer die Entlassung mitteilte)
"In diesen Tagen frage ich mich, ob das nicht ein einseitiger Wunsch war."
(Preetz über die Vertragsverlängerung, die er Babbel bereits im Mai anbot)
"Ich habe ein dickes Fell."
(Babbel auf die Frage, ob er angesichts des Streits überhaupt weitermachen wolle)
"Das will ich nicht ausschließen."
(Preetz über mögliche arbeitsrechtliche Maßnahmen des Klubs gegen Babbel)
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