30.11.12

Real Madrid

Plötzlich steht Mourinho vor der Entlassung

Vor dem Derby gegen Atlético liegt Real in der Tabelle weit zurück, die Zuschauer pfeifen den Trainer aus und im Team verliert er immer mehr Rückhalt. Auf Präsident Pérez wächst der Druck zu handeln.

Von Florian Haupt
Foto: AFP

Platz eins: José Mourinho polarisiert durch seine aufbrausende Art. Zugleich eilt ihm der Ruf voraus, einer der besten Fußballtrainer der Welt zu sein. Der mit dem höchsten Einkommen ist er jedenfalls: Mit 15,3 Millionen Euro Jahresgehalt steht der Coach von Real Madrid Mourinho an der Spitze der Topverdiener unter den Übungsleitern.

14 Bilder

Derby-Zeit in Madrid, und nichts ist, wie es war. In der Tabelle liegt Atlético acht Punkte vor dem gastgebenden Real. Es ist das erste Mal überhaupt in diesem Milllenium, dass der Arbeiterklub aus dem Süden mit einem Vorsprung in den Stadtkampf gegen den Weltverein aus dem bürgerlichen Norden geht.

In einer anderen Maßeinheit ausgedrückt ist es elf Trainer her, dass Guus Hiddink im Januar 1999 mit einem Rückstand von einem Punkt in ein Derby ging, das er 3:1 gewann. John Toshack, Vicente del Bosque, Carlos Queiroz, José Antonio Camacho, Mariano García Remón, Vanderlei Luxemburgo, Juan Ramón López Caro, Fabio Capello, Bernd Schuster, Juande Ramos und Manuel Pellegrini haben ihre Teams fortan zum Stichtag stets vor Atlético gehalten.

So gar nicht mehr "Special One"

Diese Serie bricht nun ein gewisser José Mourinho, der in den 13 Spieltagen dieser Saison sogar schon acht Punkte Rückstand auf Atlético angesammelt hat. Das ist so gar nicht "Special One". Und entsprechend apokalyptisch ist die Stimmung im Verein.

"Das Derby des jüngsten Gerichts" erwartet die Renommierzeitung "El País". Natürlich hat das auch mit Atléticos wiedergefundener Stärke unter Trainer Diego Simeone zu tun. Aber dennoch geistert ein Szenario durch die Stadt, das noch vor kurzem völlig ausgeschlossen gewesen wäre: Dass Mourinho, sollte er am Samstag ab 22 Uhr (laola1.tv live) auch noch als erster Real-Trainer im laufenden Jahrtausend ein Spiel gegen Atlético verlieren, die Tür gewiesen bekommt.

Mehr Macht als je ein Trainer zuvor

Klubpräsident Florentino Pérez soll sich dieser Tage im tiefen inneren Konflikt befinden. Auch weil er eingesehen hatte, dass das permanente Heuern & Feuern von Übungsleitern während seiner ersten Amtszeit (2000 bis 2006) in sportlichen Verfall mündete, hat er sich Mourinho verschrieben wie nie einem Coach zuvor.

Der Portugiese bekam das höchste Trainergehalt des Weltfußballs und Carte Blanche, den Verein nach seinen Vorstellungen zu formen. Pérez opferte ihm sogar seinen geschätzten Sportdirektor Jorge Valdano und beschönigte noch die peinlichsten Entgleisungen wie das Fingerbohren im Auge von Barcelonas (damaligem Assistenz-)Trainer Tito Vilanova beim Supercup 2011. "Niemand verteidigt die Werte des Madridismus besser als Mourinho", sagte der mächtige Bauunternehmer wenig später in einer seiner seltenen öffentlichen Reden zur Klubpolitik.

Das allerdings war schon damals eine sehr gewagte These. Mourinhos pragmatischer Soldatenfußball und seine wenig galanten Tiraden gegen Rivalen, Schiedsrichter oder Verbände konterkarieren für viele Anhänger das ästhetische Selbstbild des Klubs aus den Zeiten von Di Stefáno bis Raúl. Die Opposition hielt sich naturgemäß etwas zurück, wenn es Erfolge gab wie den Ligatitel im Sommer, aber sie verschwand nie, so sehr Mourinho auch alle Kritiker als "verkleidete Madridistas" zu desavouieren versuchte. Jetzt hat sie sich so deutlich bemerkbar gemacht wie noch nie.

Nur die Ultras stehen noch zu ihm

Beim Pokalspiel am Dienstag gegen den Drittligisten Alcoyano kam es zu einer Kakophonie auf den Rängen, welche die ganze Zerrissenheit unter den Anhängern ans Licht brachte. Die Ultras in der Kurve stimmten wiederholt Gesänge auf den Trainer an. Doch jedes "José Mourinho" wurde von einem beträchtlichen Teil des übrigen Publikums niedergepfiffen. Die besorgniserregende Botschaft für Pérez: Unter den Radikalen verfängt Mourinhos Personenkult wie eh und je. Die durchschnittlichen Stadionbesucher jedoch sind seiner weitgehend überdrüssig.

Auf sie aber und auf die insgesamt 93 000 Mitglieder kommt es an für den Präsidenten, denn nächstes Frühjahr will er wiedergewählt werden. Pérez ist extrem sensibel gegenüber den Stimmungen an der Basis, in regelmäßigen Abständen lässt er Umfragen unter den Dauerkartenbesitzern durchführen. Und auch diese zeigten zuletzt: Mourinhos Popularität ist im Keller.

Taktisch überraschend eindimensional

Das hat neben generellen Antipathien natürlich mit den Ergebnissen dieser Saison zu tun. Real mühte sich mehr schlecht als recht durch seine Champions-League-Gruppe, die es hinter Dortmund als Zweiter beenden wird, und hat in der Liga schon fast so viele Punkte liegen lassen (13) wie in der kompletten letzten Saison (14). Ohne die richtigen Resultate aber verliert Mourinho sein Schutzschid, seine Daseinsberechtigung. Dann retten ihn weder sein Fußball, monoton, noch seine Persönlichkeit, arrogant.

Nicht umsonst gilt der mit Meisterschaften in England, Italien und Spanien sowie zwei Champions-League-Titeln hoch dekorierte Mourinho als Trainer für kurze bis mittlere Engagements, einer, der sich und die Menschen um ihn herum relativ schnell verbraucht. Die Intensität seines Spielstils wie seiner Teamführung lässt sich nicht beliebig lang aufrecht erhalten.

In Madrid scheint er zudem immer größere Teile der Mannschaft verloren zu haben. Über seine Dauerfehde mit dem spanischen Lager um die Kapitäne Iker Casillas und Sergio Ramos hinaus sollen sich immer mehr Spieler über die taktische Eindimensionalität des vermeintlichen Megatrainers wundern. So fand er etwa in den Champions-League-Duellen mit Bayern München vorige Saison und jetzt mit Borussia Dortmund nie die richtige Gegenstrategie für zwei Rivalen, die ihrerseits den Fußball von Real ziemlich problemlos zu durchschaut haben schienen.

Angst vor der Goldenen Ananas

Hat er den großen Wurf für Real trotzdem noch in sich? Kann er den "besten Kader unserer Geschichte" (Pérez) im kommenden Frühjahr zum ersehnten Champions-League-Sieg führen? Diese Fragen würde der Präsident prinzipiell nach wie vor mit Ja beantworten. Das Problem ist: Kann er Mourinho noch so lange durchschleppen?

Pérez' Horroszenario lässt sich in etwa wie folgt beschrieben: Bei bereits elf Punkten Rückstand auf Barcelona bedeutet jede weitere Niederlage das endgültige Aus im Meisterschaftsrennen. Die Champions League kommt mit dem Achtelfinale aber erst ab Mitte Februar zurück. In der Zwischenzeit würde Real um nicht viel mehr spielen als um die Goldene Ananas.

Die disziplinierende Wirkung des Fernduells mit Barcelona wäre verloren, die Spannungen zwischen Trainer und Mannschaft würden noch deutlicher zutage treten, dazu gäbe es bei jedem Heimspiel das Referendum von den Tribünen durchzustehen. Der Präsident würde zu den Wahlen einen gespaltenen, chaotischen Verein repräsentieren.

Ende mit Schrecken?

Besser als dieser Schrecken ohne Ende, so sollen es dem Präsidenten einige seiner Berater laut "El País" nahegelegt haben, wäre ein Ende mit Schrecken – die Entlassung des Trainers. Sie würde ein paar unangenehme Fragen auf sich ziehen, weil zusätzlich zu den bereits in Mourinho investierten 20 Millionen Euro Ablöse vor zweieinhalb Jahren an Inter Maiiland und den 15,3 Millionen Euro Gehalt eine Abfindung von weiteren 20 Millionen Euro nötig würde. Aber sie ließe genug Zeit, um den Klub rechtzeitig wieder zu befrieden.

Mourinho würde es dann letztlich auch nicht anders ergehen als seinen vielen Vorgängern, die er mal relativ pauschal als ungeeignet, weil zu schwach für Real bezeichnete. Mit dem Unterschied, dass er sogar noch Atlético vorbeiziehen lassen hat.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Belästigungsvideo "Ich betreibe Kampfsport und habe trotzdem…
Vorsicht Kamera! Hochzeit aus der Sicht einer Whiskey-Flasche
Nach Pokalsieg Pep Guardiola denkt nur noch an Borussia Dortmund
Israel Radikaler Rabbiner überlebt Attentat
1. Bundesliga Spielplan
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Kleine Horror-Show

Halloween, das Fest des Gruselns

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote