30.11.12

Geschäft Fußball

Wie Vereine ihre Stars zur Verlängerung drängen

Immer häufiger sollen Fußballspieler auf Druck der Klubs Verträge zu ihren Ungunsten unterzeichnen. Prominenter Fall ist Inters Wesley Sneijder. Auch in Deutschland wird mit harten Bandagen gekämpft.

Von Mischa Karth
Foto: dpa
Wesley Sneijder
Wesley Sneijder hat sich geweigert, einen Vertrag zu schlechteren Konditionen zu unterschreiben. Seither spielt er bei Inter Mailand keine Rolle mehr

Als Cristiano Ronaldo im Sommer verkündete, er sei "traurig" und dies habe "berufliche Gründe", reagierte sein Verein Real Madrid prompt und kündigte eine Gehaltserhöhung von zehn auf 16 Millionen Euro an, um den Portugiesen bei Laune zu halten. Dass die Madrilenen hoch verschuldet sind und wie der gesamte spanische Fußball seit Jahren über ihre Verhältnisse leben, wurde dabei geflissentlich ignoriert. Superstars wie Ronaldo sind Aushängeschilder der Klubs – und damit immens wichtig, um das Prestige und die Einnahmen aus Merchandising-Artikeln hochzuhalten.

Dass das (eigentlich nicht vorhandene) Geld für diese Aushängeschilder an anderer Stelle eingespart werden muss, bekam jüngst der niederländische Nationalspieler Wesley Sneijder zu spüren. Der Offensivspieler steht bei Inter Mailand unter Vertrag, hat bei seinem Verein aber keinen echten Rückhalt mehr und in dieser Saison nur acht Pflichtspiele bestritten. Dafür verdient der 28-Jährige in Mailand viel Geld. Offenbar zu viel.

Sneijder kostet zu viel Geld

Laut der internationalen Vereinigung der Fußballprofis FIFPro hat Mailand Sneijder einen Vertrag vorgelegt, der das Arbeitsverhältnis vorzeitig um ein Jahr verlängert – wobei die Gesamtsumme des Gehalts gleich bleibt. Dies würde bedeuten, dass Sneijder eine Einbuße bei den Einkünften hinnehmen müsste. Sneijder habe die Verlängerung des Vertrages zu seinen Ungunsten abgelehnt. Seitdem sei er von Trainer Andrea Stramaccioni nicht mehr berücksichtigt worden.

Tatsächlich lief Sneijder zuletzt am 26. September 2012 gegen Chievo Verona für die Mailänder auf. Inter-Sportdirektor Marco Branca sagte zur Personalie Sneijder: "Der Verein hat beschlossen, vorübergehend den Spieler nicht einzusetzen, bis mehr Klarheit eintritt. Dies ermöglicht unserem Coach, anderen Spielern mehr Raum zu lassen."

Stehen Leistung und Gehalt in einem Missverhältnis?

Mit anderen Worten: Sneijder ist in Mailand nicht mehr erwünscht. Leistung und Gehalt stehen aus Sicht des Vereins in einem Missverhältnis. Dass Inter trotzdem den Vertrag verlängern will, erscheint paradox. Doch gewänne der Klub das zweifelhafte Vertragsspiel mit Sneijder, würde der Verein am Ende Geld einsparen und hätte weiterhin einen potenziellen Weltklasse-Mann in seinen Reihen.

Ähnlich ergeht es derzeit Fernando Llorente bei Athletic Bilbao. Der Spanier hat bei den Basken einen Vertrag bis Sommer 2013. Nachdem er sich im vergangenen Sommer geweigert hatte, seinen Kontrakt vorzeitig zu verlängern, sitzt der Angreifer in Bilbao die meiste Zeit auf der Bank.

Bei Llorente ist der Fall jedoch etwas anders gelagert als bei Sneijder. Er gilt mit 27 Jahren noch immer als großes Talent, stand im Sommer im Kader der spanischen Europameister-Elf. Sein Marktwert wird auf 30 Millionen Euro taxiert. Llorentes Vertrag sollte verlängert werden, damit Bilbao bei einem möglichen Wechsel gutes Geld verdient. Nach aktuellem Stand der Dinge kann Llorente den Verein jedoch im kommenden Jahr ablösefrei verlassen.

"Erpresserisches Verhalten"

Diese Missstände, in denen auf die Spieler Druck aufgebaut wird, damit der Verein einen höheren Verkaufserlös bekommt oder Gehalt einspart – letzten Endes also schlicht mehr Geld auf dem Konto hat –, hat die FIFPro in einem Statement jüngst heftig kritisiert. Die Spielervereinigung spricht von einem "erpresserischen Verhalten" der Klubs, das beendet werden müsse.

Nach Angaben der FIFPro komme es immer häufiger zu Fällen wie bei Sneijder und Llorente. "Für die Vereine scheint Fußball mehr zu einem Geschäft geworden zu sein. Der Fußball selbst kommt erst an zweiter Stelle", kommentiert die FIFPro auf ihrer Internetseite.

FIFPro-Generalsekretär Theo van Seggelen konkretisierte gegenüber der niederländischen Zeitung "Volkskrant" die Kritik: "Diese Praxis war bislang eine Ausnahme. Leider beobachten wir, dass inzwischen Klubs in allen Ländern Europas auf diese Maßnahmen zurückgreifen."

Spieler sollen mürbe gemacht werden

Die Motive der Vereine, die Spieler unter Druck zu setzen, sind praktisch immer finanzieller Natur. Entweder soll ein verheißungsvoller Akteur langfristig an den Verein gebunden werden, um bei einer Steigerung des Marktwertes eine höhere Ablöse generieren zu können, oder das Gehalt eines Spielers soll reduziert werden, um Kosten einzusparen.

Solange der Spieler sich keine Verfehlungen leistet, sind weder die Auflösung des Vertrages noch Änderungen der Konditionen möglich. Daher soll der Spieler durch seine Nichtberücksichtigung mürbe gemacht werden, um vielleicht doch noch einzulenken.

Auch in Deutschland wird Druck aufgebaut

In Deutschland vertritt die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) die Interessen der Fußballspieler. VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky sagte gegenüber der "Welt": "Es wird auch in Deutschland versucht, Spieler mit unterschiedlichen Mitteln unter Druck zu setzen. Allerdings ist im Lizenzbereich kein aktueller Fall bekannt." Dies liege daran, dass die Spieler im Lizenzbereich ein vertraglich zugesichertes Recht auf die Teilnahme am Spielbetrieb haben, mindestens in der zweiten Mannschaft.

Problematisch dagegen sei das Verhalten mancher Vereine in der Regionalliga und vereinzelt in der dritten Liga. "In den unteren Ligen wird mit härteren Bandagen gekämpft", so Baranowsky. Die Klubs verfügten über begrenzte Budgets, viele könnten nur durch Kostensenkungen der drohenden Insolvenz entgehen.

"Es ist der Klassiker: Ein Verein muss Geld einsparen und macht einem Spieler ein schlechtes Angebot zur Vertragsverlängerung." Um den Spieler zur unfreiwilligen Unterzeichnung des Kontraktes zu bewegen, seien die Mittel vielfältig. "Die Spieler werden isoliert. Sie müssen Sonderschichten mit Einzeltrainern absolvieren oder werden nur in der Reservemannschaft eingesetzt." Auch die Streichung von Privilegien und die Erhöhung des öffentlichen Drucks seien gängige Maßnahmen.

Problemfeld Jugendbereich

Besorgt ist Baranowsky vor allem über die jüngsten Entwicklungen bei den deutschen Nachwuchsspielern. "Im Jugendbereich ist ein Kampf entbrannt, Spieler auch langfristig zu binden." Dabei komme es gehäuft zu Vertragskonstruktionen, die arbeitsrechtlich nicht haltbar seien.

So seien der VDV Fälle bekannt, in denen Jugendspieler und deren Eltern massiv unter Druck gesetzt worden seien. Einem Spieler, der beabsichtigte, im Sommer seinen Verein zu verlassen, sei signalisiert worden: "Dann spielst du ein halbes Jahr nicht mehr." Merkwürdig sei auch ein Fall, in dem fünf Spieler, die an einer Sport-Eliteschule unterrichtet wurden, den Verein wechseln wollten, woraufhin ein drastischer Notenabfall in der Schule zu verzeichnen war. Drei der fünf Spieler wurden am Ende des Schuljahres nicht versetzt.

Gerade für die jungen Spieler, die vom Fußball (noch) nicht leben können, wiegen solch Maßnahmen schwer. Sie sind bereits Teil eines Systems, das sie vorrangig als potenzielle Wertobjekte sieht, erst in zweiter Instanz als Persönlichkeit. Die wenigsten dieser Nachwuchsspieler werden später ansatzweise in die Nähe eines Cristiano Ronaldo kommen – und sich ein Trostpflaster in Höhe von sechs Millionen Euro im Jahr abholen dürfen.

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