15.11.12

Traumtorschütze

Die Diva Ibrahimovic ist genial, aber unvollendet

Mit seinem sensationellen Treffer per Fallrückzieher schreibt Zlatan Ibrahimovic Sportgeschichte. Dennoch ist der Schwede in seiner schillernden Karriere oft bloß der richtige Mann am falschen Ort.

Von Florian Haupt

Blau und Gelb sind die Farben, wenn es im Fußball um Spektakel geht. Das klingt erst mal nach einem alten Hut, allerdings gibt es da eine neue Nuance. Wer sehen will, was in diesem Spiel möglich ist, schaut nicht mehr zu den Brasilianern, die soeben ihr 1000. Länderspieljubiläum mit einem schmucklosen 1:1 gegen Kolumbien begingen. Pflichttermine im internationalen Spielkalender sind inzwischen vielmehr die Auftritte der Schweden.

Einen Monat nach dem 4:4 in Deutschland schockten die Comeback-Könige aus Skandinavien die nächste Fußballgroßmacht. Zur Einweihung der neuen Stockholmer "Friends Arena" besiegten sie England nach 1:2-Rückstand noch 4:2. Was allein schon eine bemerkenswerte Geschichte wäre, verkam jedoch zum statistischen Ornament einer der größten Einzelleistungen, welche dieser Sport je gesehen hat.

Dass alle Tore in so einem Match derselbe Spieler erzielt, gibt es nicht allzu oft – gegen die Engländer hatte in ihren 140 Jahren Länderspielgeschichte überhaupt noch niemand viermal getroffen. Dass darüber hinaus in diesem Torpoker auch noch so eines dabei ist, das war pure Magie.

Zlatan Ibrahimovic also, welcher Schwede auch sonst, hatte bereits dreimal getroffen, als die Nachspielzeit anbrach. Beim 1:0 den Ball clever ins Eck gespitzelt, beim 2:2 einen weiten Pass in vollem Lauf mit der Brust angenommen und volley versenkt, zum 3:2 einen 30-Meter-Freistoß flach ins Eck gejagt. Kein Stürmer verbindet die Wucht von 1,95 Meter Körpergröße so kongenial mit den Instinkten des Straßenfußballers und der Eleganz des Technikers, dafür hat der 31-Jährige im vergangenen Jahrzehnt unzählige Beweise geliefert. Doch "Ibra" bringt nicht nur Talente zur Anwendung, "Ibra" ist auch "Ibrakadabra": Zauberer, Grenzgänger, Genie. Einer, der macht, was andere nicht einmal zu denken wagen, und der denkt, wofür anderen auch nur die entfernteste Vorstellung fehlt.

"Magisch, magisch, ha, ha… ich weiß nicht, was mir da durch den Kopf ging", sagte er nach Spielende und versuchte sich dann doch in der Rekonstruktion, die damit begann, dass Englands Keeper Joe Hart weit außerhalb seines Strafraums einem hohen Ball begegnen musste. "Ich sah den Torwart rauskommen und dachte, soll ich den Zweikampf suchen oder darauf warten, dass er ihn klärt?" Hart durfte ja seine Hände nicht benutzen, weshalb er den Ball in hohem Bogen zur Seite köpfte. "Als ich das sah, dachte ich an Torschuss."

Schwarzer Gürtel in Taekwondo

Ibrahimovic, wohlgemerkt, befand sich rund 30 Meter vom Tor entfernt, derweil der Ball in seitlicher Richtung von ihm weg flog. Er eilte hinterher und schmiss sich zum Fallrückzieher in die Luft. Soweit der artistische Teil, der wohl Menschen vorbehalten ist, die, wie er seit dem 17. Lebensjahr, einen schwarzen Gürtel in Taekwondo besitzen. Kein Kampfsportler jedoch wäre in der Lage, aus dieser Flugposition in einigen Metern Höhe einen Fußball so ideal zu treffen, dass er sich in harter, perfekter Kurve ins Tor senkt.

"Es war ein guter Versuch, das ist alles", sagte Ibrahimovic nonchalant, "das erste Tor bedeutet mehr, weil es Geschichte war, das erste im neuen Stadion." Mit dieser Priorität stand er aber erwartungsgemäß ziemlich allein da, denn die anderen rangen doch nur um Worte für sein finales 4:2. Steven Gerrard, Englands Kapitän, der sein 100. Länderspiel absolvierte, sagte: "Es ist das beste Tor, dass ich jemals live gesehen habe. Einen größeren Tribut kann ich nicht zollen."

"Unglaubliche Dinge", wie in einem PC-Spiel

Erik Hamren wiederum bezeichnete sich als Privilegierten, weil er mit Ibrahimovic arbeiten dürfe. "Du hast das Gefühl, einem Computerspiel zuzuschauen, weil er all diese unglaublichen Dinge machen kann. Dieses vierte Tor, es ist unmöglich, das zu schießen", sagte Schwedens Nationaltrainer.

Gerrard oder Hamren waren damit nur die ersten von Millionen Gratulanten. Über das Internet wuchs das Wundertor schnell zum Weltereignis. Selbst sportfremde Portale rund um den Globus stellten das Video von dem Treffer auf ihre Seiten, von Alaska bis Timbuktu schwelgten Fußballfans so euphorisch wie der deutsche Profi und Twitter-Guru Hans Sarpei nach seinem Besuch des Deutschland-Spiels: "Eintrittskarte fürs Länderspiel 50 Euro, Amsterdam-Reise 200 Euro, nach dem Kick auf dem Handy das Ding von Zlatan sehen: unbezahlbar." Wie der für gewöhnlich eher nüchterne Trainer des 1..FC Nürnberg, Dieter Hecking, festhielt: "Das war ein außergewöhnlicher Moment des Sports."

War es das schönste Tor überhaupt?

In den spontan einsetzenden Debatten, ob es sich um das schönste Tor der Geschichte handelt, geht es natürlich um Geschmacksfragen: Bevorzugt einer die Schönheit eines perfekt orchestrierten Spielzugs wie vor dem berühmten Treffer von Brasiliens Carlos Alberto im WM-Finale 1970 oder den einzelnen Akt des Genies?

Unbestritten dürfte dagegen sein, dass der Schwede viele Erkenntnisse über den zeitgenössischen Fußball konterkariert. Das Spiel wird immer mehr von der Gruppe geprägt, dennoch findet er, der Individualist noch seinen Raum – und macht aus einer mediokren Truppe wie den Schweden im Alleingang ein Happening.

Vielleicht wäre es an der Zeit, dies auch mit den einschlägigen Auszeichnungen zu würdigen. Zum "Tor des Jahres" wird es sein Treffer zwar nicht bringen, kurioserweise wurde just einige Stunden vor Anpfiff die Kandidatenliste veröffentlicht. Für eine wichtigere Wahl könnte sich das Timing jedoch als ideal herausstellen. Bis zum Freitag sollten die Trainer und Kapitäne der Nationalteams ihre Stimme für den Weltfußballer des Jahres abgeben.

Richtiger Mann, falsche Liga

Erstaunlicherweise stand Ibrahimovic dabei noch nie auf dem Podest, auch dieses Jahr drohte im ewigen Getöse um Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo unterzugehen, dass der Schwede für den AC Mailand in Italien die Torjägerkrone gewann, um nach seinem Wechsel zu Paris St. Germain sogleich auch die französische Schützenliste anzuführen.

Ibrahimovic, das ist das Problem, spielt in den falschen Ligen, und er ist mit seiner bisweilen großkotzigen Art kein Trainer- oder Kollegenliebling. Zumindest des Votums von Steven Gerrard kann er sich jedoch fast sicher sein. "Ibrahimovic ist nicht jedermanns Sache", sagte der Augenzeuge des Wundertores, "aber meine ganz bestimmt."

Sehen Sie hier die zehn zur Wahl stehenden Tore im Video

Pressestimmen zu Ibrahimovics Traumtor

SCHWEDEN:

Svenka Dagbladet:

"Wahnsinnig, verrückt, wunderbar."

 

Dagens Nyheter:

"Eine magische Premiere vor 49.967 Fans."

ENGLAND

The Sun:

"Wonder4ul – Der Super-Schwede krönte eine sensationelle One-Man-Show mit einem unfassbaren Fallrückzieher aus einer Distanz von über 20 Metern. Am Ende wurde Kapitän Gerrards 100. Länderspiel von einem Tor überschattet, das man nie vergessen wird."

 

Daily Mail:

"Die englischen Fans applaudierten dem schwedischen Kapitän. Manchmal ist es einfach nur spannend, solche aufblitzenden Momente von schönem Fußball zu beobachten."

Daily Mirror:

"Ibracadabra – Vernichtet durch den großen 'Underachiever', geschlagen von dem Mann, an den niemand in Großbritannien geglaubt hat. Aber während Zlatan Ibrahimovic gestern Abend England in 13 unvergesslichen Minuten ein Ende gemacht hat, ist Roy Hodgsons erste Niederlage kein Desaster."

 

The Guardian:

"Es wäre einfach zu sagen, dass die Engländer kapituliert haben, aber Ibrahimovic spielte einfach brillant."

SPANIEN:

El Mundo:

"Ein solches Kunstwerk gelingt nur einem verwegenen und talentierten Spieler wie Ibrahimovic. Eine Augenweide!"

 

El Periódico:

"Der stratosphärische Fallrückzieher war eines der schönsten Tore in der Fußballgeschichte. Vielleicht sogar das schönste?"

Marca:

"Super, einzigartig, spektakulär. Es fehlen die Worte, um die Darbietung von Super-Ibra zu beschreiben. So ist Zlatan: Er ist zum Schlimmsten, aber auch zum Besten fähig. Mit dem Spiel gegen England ging er in die Fußballgeschichte ein."

 

Sport:

"Ibrahimovic wie er leibt und lebt! Mal wird er als herausragender Fußballer in den Himmel gelobt, mal wegen seiner zweifelhaften Persönlichkeit verdammt."

ITALIEN

Tuttosport:

"Ibracadabra. Was war denn das für ein Tor?!"

 

La Gazzetta dello Sport:

"Ein historischer Ibra macht vier Tore gegen England. Das hat noch niemand geschafft. Jetzt ist er Wonderful Ibra. Was für ein Schlusspunkt: Eine akrobatischer Fallrückzieher aus 25 Metern!"

 

Corriere dello Sport:

"Ein Wahnsinns-Ibra! Vier Tore gegen England. Eins war sensationell. Was für ein Fallrückzieher."

FRANKREICH

L'Équipe:

"Ibrahimagisch! Zlatan holt zehn von zehn möglichen Punkten. Mit seinen Toren katapultiert er sich in die vierte Dimension."

 

lemonde.fr:

"Zlatan Ibrahimovic schießt das Tor des Jahrzehnts und macht Englands Torwart lächerlich. Dieser Spieler schießt Tore nicht nur – er erfindet sie."

lefigaro.fr:

"Zlatan Ibrahimovic terrorisiert England. Mit den Schweden wird es nie langweilig. Einen Monat nach dem spektakulären Unentschieden gegen Deutschland sorgen die Skandinavier wieder für einen großen Moment der Fußballgeschichte. "

 

Le Parisien:

"Ein verrücktes Tor. Ein zlateneskes Tor."

SCHWEIZ

Blick.ch:

"Ibracadabras Zauberschuss – Hat die Fußball-Welt schon so ein Tor gesehen? Mein lieber Schwede. In der 90. Minute setzt Ibrahimovic seiner Tor-Gala die Krone auf."

 

Tagesanzeiger.ch:

"Ibrahimovics Traumtor gegen England – Zlatan Ibrahimovic demontierte England beim 4:2-Sieg der Skandinavier im Alleingang."

 

nzz.ch:

"Gala von Ibrahimovic – In der zweiten Halbzeit gelang Ibrahimovic innerhalb von 14 Minuten ein Hattrick."

ÖSTERREICH

Kronen Zeitung:

"Wundertor als Krönung von Zlatans Viererpack."

 

Kurier:

"Ibrahimovic war England eine Nummer zu groß."

 

oe24.at:

"Das Tor hat gute Chancen, in die Geschichte als Tor des Jahrzehnts einzugehen."

NORWEGEN

Aftenposten:

"Zlatan Ibrahimovic richtet gegen England Chaos an und sichert den 4:2-Sieg für Schweden. Was für eine Party zur Eröffnung des neuen Stadions."

 

Dagbladet:

"Ein nicht zu stoppender Zlatan bezwingt England im Alleingang, schießt vier Tore – am Ende mit einem der besten Tore aller Zeiten."

FINNLAND

Hufvudstadsbladet:

"Zlatans außergewöhnliche Nacht gegen England: Vier Tore!"

 

RUSSLAND

Ria Nowosti:

"Ibrahimovic zerstört England: Schwedens Stürmerstar vermiest Steven Gerrard mit vier Toren das 100. Länderspiel."

 

gazeta.ru:

"Fantastischer Ibrahimovic! Schweden rächt sich für die EM-Niederlage gegen England."

UKRAINE

fanat.ua:

"Fußball als großes Theater: Ibrahimovics erstaunlicher Stil ist bühnenreif."

 

KASACHSTAN

Vesti:

"Ibrahimovic sichert sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern."

Foto: Getty

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