15.11.12

DFL-Chef Rauball

"Theo Zwanzigers Aussage ist nicht hinnehmbar"

Reinhard Rauball, Chef des Ligaverbands DFL, ist besorgt darüber, dass der frühere DFB-Präsident in seinem Buch Interna verrät. Zwanzigers Aussagen über Nachfolger Niersbach machen ihn "betroffen".

Von Lars Wallrodt
Foto: pa/Sven Simon
Reinhard Rauball, Theo Zwanziger
Reinhard Rauball, Präsident des Ligaverbandes DFL, und der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger

Es sind ereignisreiche Zeiten für den deutschen Fußball. Zunehmende Fangewalt, üppiges Fernsehgeld – und ein früherer DFB-Präsident, der mit einem umstrittenen Buch für Aufsehen sorgt. Viel Arbeit für Reinhard Rauball, den Präsidenten des Ligaverbandes.

Die Welt: Am Donnerstag gab der Ligavorstand bekannt, das Positionspapier "Sicheres Stadionerlebnis" deutlich entschärft zu haben. Warum sind Sie zurückgerudert?

Reinhard Rauball: Wir sind nicht zurückgerudert. Wir sind kein Gesetzgeber, sondern empfehlen den Profivereinen nur bestimmte Inhalte und Strukturen. In diesem Fall haben wir das Papier "Sicheres Stadionerlebnis" aufgrund von Signalen erstellt, die von der Innenministerkonferenz ausgesendet worden sind. Dort wurde unmissverständlich gefordert, dass der Fußball sich intensiver dem Thema Gewalt widmen und nicht nur über Maßnahmen reden soll, sondern auch welche liefern muss. Was sonst droht, wurde ja ebenfalls von den Politikern formuliert. Zum Beispiel, dass die Vereine für die Kosten der Polizeieinsätze aufkommen müssen. Dass gegebenenfalls Bundesligaspiele abgesagt werden, wenn die Sicherheit nicht gewährleistet werden kann.

Die Welt: Die Reaktionen der Fans und zum Teil auch der Vereine auf das erste Konzept war verheerend. Hat die Liga überreagiert?

Rauball: Nein. Gerade weil wir nicht allen Forderungen von Politik und Polizei nachgeben wollen, braucht der Fußball unbedingt eine eigenständige Position. Das Positionspapier wurde von Praktikern aus den Klubs erstellt und war eine Diskussionsgrundlage, auf Basis derer die Vereine mit ihren Fanorganisationen und Gremien diskutieren sollten. Das war von Anfang an so angelegt. Wir haben das sehr transparent gemacht, indem wir jeden Klub gebeten haben, eine Stellungnahme zu dem Papier "Sicheres Stadionerlebnis" abzugeben.

Die Welt: Einige Klubs haben es abgelehnt.

Rauball: Das stimmt, und es ist selbstverständlich, dass wir die Reaktionen in die Weiterentwicklung des Konzepts einfließen lassen. Bis zum 22. November können die Vereine es noch einmal diskutieren, dann hoffe ich, dass wir bis zum 12. Dezember mehrheitsfähige Anträge für die Mitgliederversammlung zustande bringen.

Die Welt: Die Politik macht Druck. Ist das die letzte Chance des Fußballs, seine Autonomie zu erhalten?

Rauball: Im Grundgesetz wird den Verbänden und Vereinen garantiert, dass sie ihre Angelegenheiten selbst regeln können. Hier stehen wir in der Verantwortung. Diesen Spielraum dürfen wir nicht verlieren, darum müssen wir den schmalen Grat finden, der uns das Einverständnis der Innenminister und gleichzeitig die Autonomie des Sports sichert.

Die Welt: Inwiefern werden die Fans in diesen Prozess integriert?

Rauball: Unser Konzept stellt die Prävention und den Dialog in den Vordergrund. Die Vereine sollen den Dialog mit den Fans pflegen. Das haben wir in der Neufassung noch einmal deutlich herausgestrichen. Die AG Fanbelange, in der große Fanorganisationen vertreten sind, wurde bereits gehört. Eine erneute Diskussionsrunde ist kurzfristig geplant.

Die Welt: Hat es Sie enttäuscht, dass Vereine wie Union Berlin oder der VfL Wolfsburg sich effektheischend gegen den ersten Entwurf gestellt haben?

Rauball: Grundsätzlich hätte ich mir eine mehr interne Diskussion gewünscht als eine über die Medien. Dadurch ist ein falsches Bild entstanden, das sich an einigen Stellen verselbständigt hat. Viele Vereine haben das Konzept offenbar nicht so verstanden, wie es angedacht war. Es gab eine Kategorie, die unverzichtbar war und auch bleibt. Das ist das Nein zu Gewalt, Rassismus, Antisemitismus und Pyrotechnik. Das ist nicht verhandelbar. Andere Punkte waren als Empfehlung vorgeschlagen.

Die Welt: Am vergangenen Wochenende wurden vor dem Spiel des FC Bayern gegen Eintracht Frankfurt Fans in eigens aufgestellten Zelten gefilzt. Das weckte mancherorts die Angst nach rechtlich bedenklichen Kontrollen.

Rauball: Auch hier ist vieles dramatisiert worden. Fakt ist: Der Ligaverband plant keine statuarische Verankerung von sogenannten Vollkontrollen.

Die Welt: War die teilweise Rücknahme der Forderungen eine Reaktion auf die Kritik an der Aktion in München?

Rauball: Nein, eine Festschreibung von Vollkontrollen war von Beginn an nicht Bestandteil des Konzeptes.

Die Welt: Hat die Gewalt denn wirklich zugenommen? Das wird in Fankreisen bezweifelt.

Rauball: In Bezug auf die Statistiken wird viel diskutiert. Die Argumentation hängt dabei vielfach von der individuellen Interessenlage ab. Klar ist, dass jeder Verletzte einer zu viel ist. Alle Beteiligten sollten daher in aller Sachlichkeit die Lage analysieren und über Lösungen nachdenken. Auch die organisierten Fangruppierungen stehen in der Verantwortung. Es hilft wenig, abstrakt über Zahlen zu reden.

Die Welt: Deutlich angenehmer als die Auseinandersetzung mit den Fans dürfte die Verteilung der Mehreinnahmen aus dem neuen Fernsehvertrag gewesen sein – immerhin 216 Millionen Euro mehr als bisher für vier Jahre. Sind alle Vereine zufrieden?

Rauball: Ja. Die Liga hat mit dem Beschluss erneut Solidarität gezeigt, sowohl innerhalb der Bundesliga als auch gegenüber der Zweiten Liga, die einen deutlich höheren Anteil bekommt, als es ihrem realen Vermarktungswert entspricht. So ein Miteinander der Ligen ist in Europa einmalig. Es ist jetzt Aufgabe der Klubs, diese Solidarität weiter zu leben.

Die Welt: Wolfgang Holzhäuser, Leverkusens Geschäftsführer, äußerte jüngst den Vorschlag, die Mehreinnahmen nicht den Klubs zuzuführen, sondern damit andere Sportverbände zu unterstützen.

Rauball: Zum Zeitpunkt der Entscheidung lag dem Ligaverband kein solcher Antrag von Herrn Holzhäuser vor, und der liegt auch heute nicht vor. Wir unterstützen über die Bundesliga-Stiftung bereits unter anderem die Deutsche Sporthilfe. Sollte es den Wunsch von Herrn Holzhäuser geben, daran etwas zu ändern, mag er einen konkret strukturierten Antrag stellen. Da ich weiß, dass es Vereine gibt, die auf jeden Euro angewiesen sind, wage ich zu bezweifeln, dass sein Vorschlag auf große Gegenliebe stoßen wird.

Die Welt: Ein weiteres Thema ist die Torlinientechnologie. Der Ligavorstand hat abgelehnt, sie zur kommenden Saison einzuführen. Wieso?

Rauball: Weil diese zentrale Frage diametral beurteilt wird von den beiden großen Verbänden. Während die Fifa sie unterstützt, favorisiert die Uefa das System mit Torlinienrichtern. Es muss die Frage geklärt werden, ob es eine einheitliche Lösung geben kann. Der zweite Punkt ist, dass uns nun zu Ohren gekommen ist, dass die Fifa eine Messtoleranz bei der Torlinientechnologie von drei Zentimetern akzeptieren würde. Man stelle sich vor, das System zeigt Tor an, während die Fernsehkameras etwas anderes belegen. Dann wäre die Irritation groß.

Die Welt: Wir können dieses Interview nicht beschließen ohne eine Frage nach dem Buch von Theo Zwanziger. Die Autobiografie des ehemaligen DFB-Präsidenten hat für reichlich Wirbel gesorgt. Was sagen Sie dazu?

Rauball: Wir haben gerade im Ligavorstand darüber gesprochen und missbilligen, dass Theo Zwanziger wichtige Interna herausgegeben hat. Wir müssen deutlich die Frage stellen, ob das für einen ehemaligen DFB-Präsidenten und ein noch aktives Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees angemessen ist. Der Ligavorstand ist der Auffassung, dass es möglich sein muss, vertrauliche Gespräche zu führen, ohne befürchten zu müssen, dass diese irgendwann in einem Buch thematisiert werden.

Die Welt: Was meinen Sie konkret?

Rauball: Es ist nicht hinnehmbar, was Theo Zwanziger in Bezug auf den Auschwitz-Besuch einer DFB-Delegation vor der Europameisterschaft geschrieben und gesagt hat. Dieser Besuch ist intensiv vorbereitet worden. Ich war selbst zum ersten Mal dort und persönlich sehr betroffen wie alle Mitglieder der Delegation – gleichgültig, ob Offizielle, Spieler oder Trainer. Nun dieser Aktion die Ernsthaftigkeit und Nachhaltigkeit abzusprechen, ist in keiner Weise nachvollziehbar. Jetzt den Eindruck erwecken zu wollen, die sportpolitische Mission, die wir in Polen und der Ukraine verantwortlich wahrgenommen haben, sei zu kurz gekommen, geht an den Tatsachen vorbei.

Die Welt: Sie scheinen persönlich betroffen.

Rauball: Ja. Ich bin persönlich betroffen, dass Theo Zwanziger seinem Nachfolger Wolfgang Niersbach attestiert, mit den Lehren aus der deutschen Geschichte nicht angemessen umgegangen zu sein.

Welches Team beschäftigte die meisten Trainer in der Bundesliga-Geschichte?
Frage 1 von 20
© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Welches Team beschäftigte die meisten Trainer in der Bundesliga-Geschichte?
Frage 1 von 20
Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Erotik-Roman Erster heißer Trailer zu "Fifty Shades of…
Gaza-Konflikt Vermittlungen zwischen Hamas und Israel erfolglos
James Rodriguez Das ist der neue 80-Millionen-Mann von Real Madrid
Tschechien Starke Regenfälle überschwemmen Straßen in Prag
1. Bundesliga Spielplan
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

"Tatort"-Krise

Furtwängler & Co. – "Tatort"-Kommissare zum Weinen

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote