15.11.12

Nationalelf

Löw verbannt Podolski auf die Reservebank

Nach der EM scheint sich Joachim Löw intensiv darüber nachgedacht zu haben, ob er noch uneingeschränkt Verwendung für Lukas Podolski hat. Offenbar ist er zu einem negativen Schluss gekommen.

Von Lars Wallrodt
Foto: AFP
Lukas Podolski
Lukas Podolski wurde von Bundestrainer Joachim Löw trotz großer Stürmernot erst in der 72. Minute eingewechselt

Herbe Enttäuschungen scheinen Fußballspieler am besten im Mannschaftsbus verarbeiten zu können. Als Zoltan Sebescen am 23. Februar 2000 bei seinem Debüt für Deutschland so oft ausgespielt wurde, dass Bundestrainer Erich Ribbeck ihn zur Pause vom Feld nahm und damit die internationale Karriere des Verteidigers auch gleich wieder beendete, verkroch der sich umgehend im Bus. An derselben Stelle endete in den Katakomben der Amsterdam-Arena auch für Lukas Podolski einer seiner bittersten Tage im Kreis der Fußball-Nationalmannschaft.

Über geheime Wege war der 27-Jährige um die Mixedzone mit den Journalisten herum zum Bus geschlichen. Bloß schnell weg. Dabei gab es einige Fragen, schließlich hatte Joachim Löw seinen einstigen Liebling 72 Minuten auf der Reservebank sitzen lassen. Und das in einer Partie, in der dem Bundestrainer neun Stammspieler gefehlt hatten, darunter Miroslav Klose und Mario Gomez, die beiden etatmäßigen Mittelstürmer. Doch statt seinen mit 106 Länderspieleinsätzen erfahrensten Mann zu bringen, wagte Löw lieber ein Experiment und ließ Mario Götze auf der zentralen Stürmerposition agieren. Eine ungewöhnliche Entscheidung, dort auf einen gelernten Mittelfeldspieler zu setzen, während Podolski draußen bleiben musste.

Er kommt nicht an Reus vorbei

Der hatte erst kürzlich angemerkt, dass er sich durchaus vorstellen könne, von seiner angestammten linken Seite wieder in die Sturmspitze zu wechseln. Auf links kommt er nicht an Marco Reus vorbei. Der Dortmunder hat dem Profi des FC Arsenal nach der Europameisterschaft schlichtweg den Rang abgelaufen. In Polen und der Ukraine hatte Podolski schwach gespielt, und Löw scheint sich anschließend intensiv Gedanken gemacht zu haben, ob er noch uneingeschränkt Verwendung für ihn hat. Offenbar ist der Bundestrainer bei diesen Überlegungen zu einem negativen Schluss gekommen.

Bei den Beobachtern, die die deutsche Mannschaft nach Amsterdam begleitet hatten, wurde Podolskis Nichtberücksichtigung für die Startelf nahezu unisono als Affront gegen den ehemaligen Kölner ("Prinz Poldi") gedeutet. Wenn neun Spieler fehlen und Podolski trotzdem nicht spielt, ist das ein klares Zeichen, wo Löw den Londoner derzeit sieht. Dass es der Anfang vom Ende der bisher so ruhmreichen Nationalmannschaftskarriere des Instinktstürmers ist, wie bereits gemunkelt wird, darf vorerst aber noch bezweifelt werden.

Löw konterkarierte seinen Matchplan

"Lukas hat in England eine gute Entwicklung genommen. Wir können ihn allemal immer gut gebrauchen", sagte Löw nach dem Spiel und konterkarierte damit seinen Matchplan. Denn im Niederlande-Spiel schien er ihn ja eben nicht zu benötigen. "Seine Zeit wird auch wieder kommen", sagte Löw zudem und erklärte, dass er sich für Götze entschieden habe, weil der so gut den Ball mit dem Rücken zum Tor annehmen könne, um dann aus der Drehung zu schießen. Eine Fähigkeit, die er Podolski offenbar weniger zutraut.

So brachte die vermutlich langweiligste Partie in der jüngeren Länderspielgeschichte zumindest eine Geschichte hervor. Durch die Absagen wichtiger Schlüsselspieler auf beiden Seiten war die Partie nämlich zum öffentlichen Großversuch verkommen. Die Trainer Löw und Louis van Gaal hatten experimentiert wie zwei Pennäler mit ihren neuen Chemiebaukästen.

Wo steht die Nationalelf wirklich?

So stand das letzte Länderspiel der deutschen Mannschaft irgendwie symbolisch für das gesamte Fußballjahr 2012: Irgendwie weiß niemand so genau, wo das Team von Bundestrainer Joachim Löw wirklich steht. Der makellosen EM-Qualifikation und den drei Siegen in der stärksten Vorrundengruppe steht das enttäuschende Ausscheiden gegen Italien im Halbfinale des Turniers gegenüber. Und natürlich das 4:4 nach 4:0-Führung gegen Schweden. Mit vier Niederlagen, zwei Remis und acht Siegen gab es die schlechteste Jahresbilanz seit 2004. Mehr Niederlagen (5) hatte die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes zuletzt 1984 hinnehmen müssen.

Joachim Löw hat aus dem Spiel in Amsterdam dennoch "wichtige Erkenntnisse" gewonnen, sagte er. Er habe gesehen, dass seine Mannschaft positionstreu, kompakt und diszipliniert gespielt habe. Auch sein Rivale van Gaal gab bekannt, zufrieden zu sein: "Ich habe das Spiel richtig genossen." So hat der Langweiler immerhin zwei Menschen zufrieden gemacht…

Die Einzelkritik der deutschen Nationalspieler

Manuel Neuer:

Dürfte sich in Amsterdam ebenso gut erholt haben wie seine Mannschaftskollegen Schweinsteiger, Boateng, Kroos und Gomez. Die hatten verletzt abgesagt und damit gefühlt ebenso viele Ballkontakte wie Neuer. Nur in der 77. Minute parierte er einmal schön gegen Janmaat.

Note: 3

 

Benedikt Höwedes:

Der Bundestrainer darf weiter knobeln, wer der zweitbeste Außenverteidiger Deutschlands nach Philipp Lahm ist. Besonders unter Druck hat ihn Höwedes nicht gesetzt. Potenzial hat der Mann, das ist klar. Aber das zeigte er am Mittwochabend nur häppchenweise.

Note: 4

Per Mertesacker:

Faltete in der 78. Minute Thomas Müller wegen eines Stellungsfehlers zusammen und hatte damit seine beste Szene. Ansonsten bemerkenswert wenig gefordert von enttäuschenden Niederländern.

Note: 3

 

Mats Hummels:

Siehe Mertesacker. Durch die Mitte ging wenig bei den Niederlanden, wofür auch die durchaus solide deutsche Innenverteidigung verantwortlich war.

Note: 3

Philipp Lahm:

Spielte wie immer: Recht engagiert, aber er ist keiner, der ein Spiel auch mal an sich reißen kann. Eine echte 0:0-Leistung.

Note: 4

 

Lars Bender (bis zur 82. Minute):

Bei der Europameisterschaft wurde er zu Deutschlands Darling, als er im letzten Vorrundenspiel gegen Dänemark den Siegtreffer schoss. Da war er allerdings rechter Verteidiger, diesmal ein "Sechser". Und da muss er noch nachschulen. An Schweinsteiger und Khedira kommt er so jedenfalls nicht vorbei.

Note: 4

Ilkay Gündogan:

Lief jede Lücke zu, die er irgendwo erspähte. Das ist eine der primären Aufgaben eines Sechsers. Eine andere ist es, das Spiel nach vorne anzukurbeln. Und das machte er bei weitem nicht so gut wie die Sache mit den Lücken.

Note: 4

 

Thomas Müller (bis zur 84. Minute):

"Das ist ein Klassetermin, auf den wir uns alle freuen. Da werden wir mit voller Leidenschaft unser Land vertreten und das tun, wofür wir alle geboren wurden: Für Deutschland Fußball spielen." Das hat Müller vor dem Spiel gesagt. Das war ironisch. So spielte er dann auch.

Note: 5

Lewis Holtby (bis zur 87. Minute):

Gelegentlich musste sich der geneigte Beobachter am Aufstellungsbogen orientieren. Ja, da stand jemand unter Holtbys Namen mit der Nummer 18. Auf dem Feld wurde der Schalker hingegen nur sehr gelegentlich gesichtet. Mesut Özil wird es sich auf seinem Sofa bequem gemacht haben und später mit der Erkenntnis selig entschlummert sein: "Mein Stammplatz als Spielmacher ist gesichert".

Note: 5

Marco Reus:

Ob es ein Lob ist, in diesem Spiel der aktivste Spieler gewesen zu sein, muss noch abschließend geklärt werden. Immerhin hatte er gelegentlich so etwas wie Torchancen und bereicherte die Fußballwelt zudem mit einer bisher noch nie gesehenen Eckballvariante, als er den Ball mit einem bizarren Bogen Richtung Mittellinie eiern ließ (35.).

Note 3

Mario Götze (bis zu 72. Minute):

Wird er in Zukunft in einem Atemzug mit Horst Hrubesch, Gerd Müller und Klaus Fischer genannt werden? Ein festes Mitglied der Garde der großen deutschen Mittelstürmer? Wohl eher nicht. Das Experiment, den kleinen Dortmunder in die Sturmspitze zu berufen, dürfte sich genaugenommen erledigt haben. Ein Kopfballungeheuer wird er jedenfalls nicht mehr.

Note: 4

Lukas Podolski (ab der 72. Minute für Götze):

Was für eine Demütigung für den erfahrensten Nationalspieler. Joachim Löw stellte lieber Mario Götze in die Sturmspitze statt den gelernten Stürmer Podolski. Und brachte ihn dann erst nach 72 Minuten, so dass er nicht mehr ernsthaft etwas bewegen konnte.

Ohne Note

 

Sven Bender (ab der 82. Minute für Lars Bender):

Bruder für Bruder – wann gab es das zuletzt? Bei den Gebrüdern Förster in den 80er Jahren? Auf jeden Fall lustig. Mehr gibt's dazu nicht zu sagen.

Ohne Note

Andre Schürrle (ab der 84. Minute für Müller):

Hat nun ein Länderspiel mehr. Glückwunsch!

Ohne Note

 

Roman Neustädter (ab der 87. Minute für Holtby):

52. Debütant in der Ära Löw. Moment, welche Ära?

Ohne Note

 

Julian Draxler (ab der 90.+2 Minute für Reus):

War handgestoppte 32 Sekunden auf dem Platz. Kein Ballkontakt, kein Zweikampf.

Erst recht ohne Note

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