14.11.12

Leukämie

Der frühe Tod des Kunstschützen Alex Alves

Anfang des vorigen Jahrzehnts war Alex Alves bei Hertha der Mann für die besonderen Momente – wie das Tor des Jahres 2000 gegen Köln aus dem Mittelkreis. Im Alter von 37 Jahren starb er an Leukämie.

Von Uwe Bremer

Bestürzende Nachricht aus Brasilien: Am Mittwoch um 8.40 Uhr Ortszeit ist Alex Alves im Hospital Amaral Carvalho in Jaú im Bundesstaat São Paulo verstorben. Das bestätigte eine Sprecherin des Krebskrankenhauses. Alves, bei dem im Juni 2007 Leukämie festgestellt worden war, wurde nur 37 Jahre alt.

Der Hämatologe des Krankenhauses, Mair Pedro de Souza, sagte dem Internetportal globoesporte.com: "Alex hat heldenhaft gekämpft und in allen Aspekten mitgearbeitet, aber es gab viele Schwierigkeiten." Eine Transplantation von Stammzellen eines Bruders sei zwar erfolgreich gewesen. Das Knochenmark habe sich erholt, "doch es war zugleich die Ursache dafür, dass der Körper es wieder abstieß". Zuvor hatte schon eine Chemotherapie nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Alves hinterlässt seine ehemalige Frau Nadya Franca und seine in Berlin geborene Tochter Alessandra (13).

Preetz ist "erschüttert"

Bei Hertha BSC herrschte Bestürzung. "Wir sind tief erschüttert", sagte Manager Michael Preetz. "Wir hatten gehofft, dass die Behandlung bei Alex anschlägt. Das ist sehr bitter und traurig." Preetz hat ebenso gemeinsam mit Alves für Hertha gestürmt wie Andreas Thom. Der ist heute Jugendtrainer beim Hauptstadt-Klub und sagte: "Man ist erschüttert, das ist unglaublich traurig. 37 ist kein Alter."

Hertha BSC und Alex Alves, das war in der Jahreswende 1999/2000 ein Versprechen auf eine goldene Zukunft. Die Berliner hatten sich in ihrem zweiten Bundesliga-Jahr nach dem Wiederaufstieg sensationell für die Champions League qualifiziert. Das war die Zeit, als die großen Vereine große Summen ausgaben. Da wollte auch Hertha mithalten. Die damalige sportliche Leitung, Manager Dieter Hoeneß und Trainer Jürgen Röber, entschieden sich für den in Europa unbekannten Stürmer Alves. Die 7,5 Millionen Euro, die Hertha an Cruzeiro Belo Horizonte überwies, sind bis heute Rekordablöse des Klubs. Der Stürmer mit dem dynamischen Antritt und der außerordentlichen Wendigkeit sollte helfen, Hertha dauerhaft im Konzert des Fußball-Adels zu etablieren.

"Ein Mann für die besonderen Momente"

Doch die Pläne gingen nicht auf. Alves erzielte zwar 25 Tore in 81 Einsätzen für Hertha, aber der Brasilianer tat sich schwer. Der fremde Kontinent, die fremde Kultur, die fremde Sprache – Alves verstand vieles nicht. Rene Tretschok, damals Teamkollege, sagte: "Ich bin mit Alex immer gut ausgekommen. Wir alle wussten: Er ist unser Mann für besondere Momente. Ich weiß noch wie heute, wie wir im Heimspiel gegen Köln 0:2 zurücklagen. Und Alex aus Frust direkt vom Anstoß draufhaute. Bei uns hatte nur er das technische Vermögen, so zu schießen, dass der Ball im Tor landete." Dieser Treffer hat Alves bundesweit berühmt gemacht. Der 52-Meter-Treffer wurde "Tor des Monats" und "Tor des Jahres" 2000.

Jürgen Röber, damals Trainer von Alves, erzählt, dass es diesen Moment nie gegeben hätte – wäre es nach Alves gegangen. "Alex stand damals bei mir im Trainerzimmer. Unten wartete seine Frau im Wagen mit laufenden Motor." Er sei im Kopf kaputt und brauche Erholung, habe Alves erzählt. Er fahre jetzt nach Paris ins Disneyland. Röber staunte. "Alex, das geht nicht. Wir spielen morgen gegen Köln. Du bleibst hier."

Am Tag nach dem Spektakel, Hertha gewann 4:2, war Alves wieder im Trainerzimmer. "Er hat sich bedankt, dass ich ihn nicht habe gehen lassen." Das sei sein schönster Moment gewesen. Alle hätten ihn gefeiert: "Kollegen, Fans, Presse."

Röber, der die Nachricht vom Tode Alves' auf den Malediven erhielt, war schockiert. "Das ist einfach traurig. Alex war ein so überragender Fußballer."

Zur Weihnachtsfeier im Pelzmantel

In Berlin stand er beinahe täglich in den Medien. Weil er den staunenden Kollegen den Tanz Capoeira vorführte. Weil er zu spät zum Training kam. Von Sommer- und Winterzeit wüsste er nichts. Weil er das Training verpasste, die Schranke der Parkgarage sei nicht hoch gegangen. Weil er wieder mal seinen Führerschein abgeben musste. Weil er seinen Heimaturlaub um zwölf Tage überzogen hatte. Bis heute hält Alves mit 130.000 Euro den Rekord an internen Strafen. Und jeder Hertha-Fan kennt das Foto von der Weihnachtsfeier 2000. "Na ja", erinnert sich Röber, "wenn da ein Spieler im Dezember mit einem weißem Pelzmantel kommt, schaut jeder hin und fragt: Was ist das für einer?"

Dieses Image hatte Alves nicht nur in Deutschland. Auch in Nachrufen in Brasilien, etwa bei esportes.terra wird der Stürmer gewürdigt. Unter der Überschrift "Obrigado Alex" heißt es: Ob auf dem Platz oder daneben, Alves sei stets für das Besondere zuständig gewesen. Konventionen hätten ihn nicht gekümmert. Preetz beschrieb Alves als "bunten Hund, auch außerhalb des Platzes, im positiven Sinn".

Anständig und ein bisschen verrückt

All das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Alves einsam war. Dieter Hoeneß sagte der "Welt": "Die Nachricht stimmt mich sehr traurig. Als ich von der Diagnose Leukämie gehört habe, war ich sehr erschrocken. Alex war ein sehr guter Kerl, der damals in Berlin durch einige in seinem Umfeld etwas falsch beraten war. Trotzdem: Wer ihn näher gekannt hat, hat gespürt, dass er im Kern ein sehr anständiger Kerl und sicherlich auch ein bisschen verrückt war."

Von den Millionen, die er verdient hat, ist bei Alves nichts hängengeblieben. Am Ende seines Lebens war er verarmt. Nach dem Weggang von Hertha wechselte er in Brasilien alle paar Monate den Klub, kam aber nie wieder auf die Beine. "Hertha zu verlassen, war die schlechteste Entscheidung meines Lebens", sagte er später.

Als die Tragweite seiner Krankheit vor drei Wochen in Berlin bekannt wurde, machten sich Ex-Kollegen wie Tretschok, Andreas Neuendorf und andere bei Hertha daran, ein Benefizspiel zu organisieren, um Geld für den Bedürftigen zu sammeln. Hertha wird zu Ehren von Alves am Montag im Punktspiel gegen den FC St. Pauli mit Trauerflor spielen.

Mitarbeit: Jörn Meyn und Lars Gartenschläger

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