13.11.12

Niederlande

Van Gaal fiebert Spiel gegen Deutschland entgegen

Noch immer hat der Bondscoach seinen Rauswurf bei Bayern München nicht verwunden. Das Duell mit der Auswahl von Joachim Löw kommt ihm recht, um die eigene Biografie abzurunden.

Von Oliver Müller
Quelle: SID
10.11.12 2:09 min.
Louis van Gaal findet im verbalen Streit mit Uli Hoeneß kein Ende. Der niederländische Bondscoach betonte vor allem, dass der FC Bayern ihm beispielsweise das aktuelle Spielsystem zu verdanken habe.

Louis van Gaal zeigt zurzeit gern, dass er auch ein kommunikativer Mensch sein kann. Seine Mittagspause zum Beispiel verbringt er gern mal mit den niederländischen Journalisten. Isst mit ihnen ein Sandwich, löffelt eine Tasse Hühnersuppe, plaudert, schaut interessiert auf die Bildschirme ihrer Laptops und lacht, wenn er die Berichterstatter dadurch etwas irritiert.

Vor dem prestigeträchtigen Freundschaftsspiel gegen Deutschland am Mittwoch in Amsterdam geht es van Gaal richtig gut. In der Sportakademie des niederländischen Fußballverbandes KNVB in Zeist, wo sich die Mannschaft vorbereitet, zeigt er sich von seiner Schokoladenseite: offen und gut gelaunt.

Desaströse Europameisterschaft

Es läuft unerwartet rund für Oranje, und einen besseren Start in seine zweite Amtszeit hätte sich der frühere Trainer von Bayern München kaum erträumen können. Das Team der Niederlande lag nach dem desaströsen Abschneiden bei der Europameisterschaft, als nach drei Niederlagen in der Vorrunde Schluss war und Bert van Marwijk gehen musste, am Boden. Das Klima in der Mannschaft war vergiftet, die Stimmung in der Heimat war gefühlt unter dem Meeresspiegel. Van Gaal übernahm, und seine Bilanz kann sich sehen lassen: Mit vier Siegen, 13:2 Toren und 12 Punkte führt sein Team die WM-Qualifikationsgruppe D an, drei Zähler vor den punktgleichen Verfolgern Ungarn und Rumänien.

"Wir können nicht unzufrieden sein", sagt van Gaal: "Aber erst nach dem Spiel gegen Deutschland wissen wir, wo wir stehen." Die einzelnen Hürden, die Mannschaft in der Qualifikation locker genommen hatte, waren zu niedrig für eine ernsthafte Standortbestimmung gewesen. Zumal van Gaal auch allerlei experimentiert hatte.

Zunächst hatte es so ausgesehen, als ob er auf einen radikalen personellen Umbruch setzten würde, doch seit einigen Wochen ergänzt er die junge Mannschaft wieder mit erfahrenen Spielern. "Ich denke nicht, dass wir von Revolution sprechen können", sagt er, wenn er sein aktuelles Aufgebot analysiert: "Ich habe nur noch fünf Spieler aus der jüngeren Generation nominiert." Hinzu kämen vier weitere Talente aus der Ehrendivision, die er bereits getestet hat, die aber eine Pause bekommen.

Fünf Legionäre aus der Bundesliga

In Arjen Robben (Bayern München), Eljero Elia (Werder Bremen), Klaas-Jan Huntelaar, Ibrahim Afellay (beide Schalke 04), und Rafael van der Vaart (Hamburger SV) gehören fünf Bundesligaprofis zum Aufgebot. Van der Vaart und Afellay waren für die ersten drei Länderspiele unter van Gaal nicht nominiert worden. Offizielle Begründung: Ihnen würde Praxis fehlen, sie sollten sich zunächst bei ihren neuen Klubs integrieren. Vor einem Monat dann, vor den Siegen über Andorra (3:0) und Rumänien (4:1) waren sie wieder dabei. Huntelaar, der auch nach der EM nicht über die Ersatzrolle hinaus gekommen war, dürfte Mittwoch eine Chance bekommen: Konkurrent Robin van Persie muss wegen einer Oberschenkelverletzung passen.

Nationaltrainer van Gaal hat die Anfangsphase seiner zweiten Amtszeit genutzt, Alternativen zu testen und die Elf unabhängiger von mitunter launischen Stars zu machen. Er wollte die verkrustete Hierarchie aufbrechen, die bei der EM zum Problem geworden war. Mit Erfolg: Immerhin haben es vier junge Spieler in die Stammelf geschafft: Rechtsverteidiger Ricardo van Rhijn (21), Linksverteidiger Martins Indi (20), der linke Mittelfeldspieler Kevin Strootman (22) und Linksaußen Luciano Narsingh.

Pragmatischer Systemfanatiker

Van Gaal hat aus den Fehlern seiner ersten Amtszeit gelernt. Vor zehn Jahren waren die Niederländer in der Qualifikation zur WM 2002 auch gescheitert, weil der Trainer trotz schwacher Leistungen die Mannschaft nur selten geändert hatte. "Ich schenke nun keinem Spieler mehr großes Vertrauen, sondern nur noch für ein Spiel", erläutert er sein Umdenken: Der Systemfanatiker ist pragmatischer geworden.

Angetrieben wird er von seinem brennenden Ehrgeiz, in Brasilien Weltmeister zu werden – egal wie schwer das auch werden sollte. "Große Fußballländer haben es sicher leichter als unser kleines Land mit 18 Millionen Einwohnern", stapelt er vor dem Sparring mit den Deutschen tief. Das Spiel ist für ihn durchaus speziell, da die Wunden wegen seines frühen Rauswurfs bei Bayern München im März 2011 noch längst nicht verheilt sind.

Er sei "Fan von Deutschland", scherzte er: Schließlich würde der Rivale ja nicht nur sein System spielen, auch setze Löw die Münchner Nationalspieler exakt auf den Position ein, die er für sie erdacht habe. "Für mich ist das speziell", sagt er vor einem Spiel, das für ihn weit mehr als ein Test ist. Er will es unbedingt gewinnen, auch zur Abrundung einer Biografie.

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