13.11.12

Fußball

Das seltsame Jubiläum der Weltmarke Brasilien

Fern der Heimat bestreitet die brasilianische Nationalelf am Mittwoch gegen Kolumbien ihr 1000. Spiel. Einst erhob sie den Fußball zur Kunst, doch die Gegenwart schmerzt inzwischen sehr.

Von Florian Haupt
Foto: dpa
Neymar
Brasiliens Bester: Neymar gilt als Hoffnungsträger für die WM 2014 im eigenen Land

In Europa braute sich gerade der Erste Weltkrieg zusammen, als in der neuen Zivilisation eine andere große Erzählung der Moderne ihren Ursprung nahm: Am 14. Juli 1914 begegnete eine Auswahl der besten Fußballspieler aus São Paulo und Rio de Janeiro dem englischen Klub Exeter City. Die Annalen führen das 2:0 der Amateure gegen die Profis aus dem Mutterland des Fußballs als erstes Länderspiel einer brasilianischen Nationalmannschaft.

Im Nachhinein betrachtet war die Partie vor rund 5000 Schaulustigen im Stadion von Fluminense Rio de Janeiro so etwas wie eine zweite Geburt. Aus einem rauen Wettstreit, entstanden auf den schlammigen Wiesen Britanniens, machten die Brasilianer im Lauf der Generationen eine Kunstform, aus einem bloßen Spiel das "schöne Spiel", das Jogo Bonito.

Die epochalen, in ihrer Brillanz unerreichten WM-Siege von 1958 und 1970 betörten den Planeten, das gelbe Trikot wurde zu einem weltweit verstandenen Etikett für Lebensfreude, das fruchtbare Miteinander von weißen und schwarzen Spielern in der "Seleção" zu einem Leuchtturm der menschlichen Universalität.

Zudem lässt sich aus heutiger Sicht, da der Fußball bekanntlich immer mehr zum Geschäft geworden ist, festhalten: An diesem 14. Juli 1914 wurde die wertvollste Marke des Sports getauft.

Diesen Umstand schlachten die Fußballfunktionäre des Landes begierig aus, weshalb der Mittwoch zugleich ein sehr freudiger und auch ein etwas trauriger Tag ist. Knapp ein Jahrhundert nach dem Match gegen Exeter City spielt die brasilianische Nationalelf ihr 1000. Länderspiel. Sie erreicht diesen Meilenstein als erste Auswahl der Welt, natürlich.

Heimspiel in New Jersey

Was für ein Anlass, eine große Party zu feiern und möglichst viele Menschen teilhaben zu lassen in dem riesigen Land, das nicht zuletzt von einer quasireligiösen Verehrung des Fußballs zusammengehalten wird. Ja, es könnte wirklich eine denkwürdige Manifestation des Brasilianertums werden – fände das Spiel gegen Kolumbien in Rio oder São Paulo statt, in Belo Horizonte oder Porto Alegre. Und nicht in New Jersey.

Ein undurchsichtiger Vertrag mit einer Vermarktungsfirma sorgt seit Jahren dafür, dass die Brasilianer kaum noch vor heimischem Publikum auftreten – nicht einmal für das "Jogo 1000" wird eine Ausnahme gemacht. Das Jubiläum an trister Szenerie, der sturmgeplagten amerikanischen Ostküste, steht damit auch sinnbildlich für die korrupte Verbandsherrschaft, die immer häufiger den sportlichen Glanz trübte.

So nach dem verlorenen WM-Finale 1998, als ein Parlamentsausschuss den Einfluss des omnipräsenten Hauptsponsors Nike sowie andere Anzeichen von Vetternwirtschaft untersuchte und im Ergebnis polizeiliche Ermittlungen gegen Verbandschef Ricardo Teixeira empfahl. Es dauerte dann allerdings bis zum Frühjahr 2012, ehe Teixeira derart in die Enge getrieben war, dass er endlich seinen Hut nahm.

Eine außerordentliche historische Gemeinheit

Aber nicht nur moralisch war der Zustand des brasilianischen Fußballs schon mal besser – auch und gerade auf dem Platz. Es ist schon eine außerordentliche historische Gemeinheit, dass der Rekordweltmeister (1958, 1962, 1970, 1994, 2002) und Träger von 57 durch den Weltverband Fifa anerkannte Titel ausgerechnet zu einem Zeitpunkt sein Millennium erlebt, da er nicht mal zu den Top Ten der Weltrangliste gehört (13.). Glatt ließe sich der Kick gegen die Kolumbianer zum symbolischen Ende des brasilianischen Fußballzeitalters erklären – wäre nicht just Brasilien das Ausrichterland der nächsten WM.

Vor ein paar Tagen wurden die sechs Stadien für den vorgeschalteten Konföderationenpokal 2013 benannt, "es gibt jetzt kein Zurück mehr", sagte ein Fifa-Sprecher. Irgendwie wird trotz zahlreicher Verzögerungen schon alles fertig werden, darauf vertrauen die Organisatoren, und Meister im Improvisieren sind die Brasilianer ja nicht nur auf dem Spielfeld. Weshalb die Anhänger zu Hause als kritischste Turnierbaustelle auch nicht die Logistik empfinden. Sondern eben ihre Mannschaft.

Trauma in der DNA

Als Brasilien schon einmal die WM veranstaltete, 1950, verlor es den Titel im letzten Spiel sensationell an den kleinen Nachbarn Uruguay. Das Ereignis hat sich als Trauma in die nationale DNA eingebrannt. Wenn das Weltturnier übernächsten Sommer erneut im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro beendet wird, darf sich die Geschichte unter keinen Umständen wiederholen. Der Druck auf die Spieler wird, mit anderen Worten, so ziemlich alles Dagewesene in den Schatten stellen.

Selbst abgeklärte Haudegen ließe das nicht kalt, wie soll es da erst den Youngstern um den schillernden Angreifer Neymar gehen? Der unzweifelhaft talentierte Jahrgang hat bisher ein ausgemachtes Problem mit der Wettkampfhärte. Bei der Copa America 2011 schied er im Elfmeterschießen gegen Paraguay aus, ohne einen einzigen Strafstoß zu nutzen. Das Olympiafinale 2012 wurde gegen Angstgegner Mexiko vergeigt.

Der umstrittene Nationaltrainer Mano Menezes, laut Ex-Star und Parlamentsabgeordnetem Romário eine "Schande für unseren Fußball", hat darauf reagiert und mit Kaká einen der alten Granden reaktiviert. Zuletzt gab es mit einem 4:0 gegen Japan schon Fortschritte auf dem Weg zu einer "Mannschaft, der wir vertrauen können". Dies verlangt, im Namen des Volkes, Pelé. Der Mann, der wie kein anderer den Fußball zum Spiel der Brasilianer machte.

Die 23 nominierten Spieler zum Weltfußballer 2012

Sergio Agüero (Argentinien / Manchester City)

 

Mario Balotelli (Italien / Manchester City)

 

Karim Benzema (Frankreich / Real Madrid)

 

Gianluigi Buffon (Italien / Juventus Turin)

 

Sergio Busquets (Spanien / FC Barcelona)

 

Iker Casillas (Spanien / Real Madrid)

Didier Drogba (Elfenbeinküste / FC Chelsea, inzwischen Shanghai Shenhua)

 

Radamel Falcao (Kolumbien / Atletico Madrid)

 

Zlatan Ibrahimovic (Schweden / AC Mailand, inzwischen Paris St.-Germain)

 

Andres Iniesta (Spanien / FC Barcelona)

 

Lionel Messi (Argentinien / FC Barcelona)

 

Manuel Neuer (Deutschland / Bayern München)

Neymar (Brasilien / FC Santos)

 

Mesut Özil (Deutschland / Real Madrid)

 

Gerard Pique (Spanien / FC Barcelona)

 

Andrea Pirlo (Italien / Juventus Turin)

 

Sergio Ramos (Spanien / Real Madrid)

 

Cristiano Ronaldo (Portugal / Real Madrid)

Wayne Rooney (England / Manchester United)

 

Yaya Toure (Elfenbeinküste / Manchester City)

 

Robin van Persie (Niederlande / FC Arsenal, inzwischen Manchester United)

 

Xabi Alonso (Spanien / Real Madrid)

 

Xavi (Spanien / FC Barcelona)

Foto: Getty

Lionel Messi läuft allen davon. Auch preislich. Der Markwert des Argeniniers liegt bei 120 Millionen Euro.

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