08.10.12

Duell mit Messi

Ronaldos Schaulaufen für seine große Obsession

Der Shootout zwischen Lionel Messi und Cristiano Ronaldo prägte das 2:2 im Clásico zwischen Barca und Real. Es war ein Duell von einem anderen Planeten – und für den Portugiesen besonders wichtig.

Foto: DAPD
Cristiano Ronaldo
Beobachtet von Barcas Adriano Correia, versucht sich Cristiano Ronaldo an einem waghalsigen Fallrückzieher. Der Portugiese verletzt sich – zu seinem Glück aber nur leicht – an der Schulter

Das ganz große Heldenepos ist dann doch ausgeblieben. Wie sich am Montag herausstellte, hat sich Cristiano Ronaldo bei einem missglückten Fallrückzieherversuch in der zweiten Halbzeit nur leicht die Schulter lädiert (eine Stauchung), er darf die kommenden Länderspiele absolvieren, sogar ganz normal trainieren. Das wird ihn sicherlich sehr gefreut haben, andererseits hätte eine ernsthaftere Blessur natürlich schon einen gewissen Charme gehabt.

Ronaldo ignoriert schlimmste Schmerzen, um Real Madrid zu erlösen: Solche Schlagzeilen wären dann um die Welt gegangen, und vielleicht hätten sie ja am Ende den Ausschlag geben können, das Pendel auf seine Seite schwingen lassen in diesem unkalkulierbaren Duell, das den schönen Portugiesen beschäftigt wie nichts anderes. Für das er sich täglich schindet, pflegt und pudert, dem er sein Seelenheil opfert und viele Vergnügungen, die das Leben zu bieten hätte.

Am 7. Januar 2013 wird in Zürich der Weltfußballer des Jahres ernannt. Ronaldo hat diesen Termin seit Monaten vormarkiert, er ist wild entschlossen, dass es endlich mal wieder sein Tag werden soll. "In mir spüre ich große Hoffnung zu gewinnen": das sagte er schon vorigen Frühsommer, und er meinte nicht EM oder Champions League, er meinte diese Wahl.

Wer war der Beste im vergangenen Jahr?

Eher wenig beachtet in Nord- und Mitteleuropa, hält sie den iberisch geprägten Teil der Fußballwelt seit Monaten in Atem. Von Maradona bis Pelé – alle haben sie ihre Meinung kundgetan zu der epischen Frage: Wer war der Beste im vergangenen Jahr?

Zu jeder anderen Epoche der Fußballgeschichte bräuchte sich Ronaldo wohl keine Sorgen machen, so beeindruckend sind seine Bewerbungsunterlagen. 60 Tore vorige Saison, 53 in der davor, im Schnitt mehr als eines pro Spiel, seit er 2009 zu Real Madrid wechselte – beispiellose Zahlen, nicht von dieser Welt. Nur dass sie 600 Kilometer weiter östlich in Barcelona einer Jahr für Jahr egalisiert, wenn nicht verbessert.

Lionel Messi hat vorige Saison sogar 73 Tore geschossen, ebenfalls 53 in der davor und auch mehr als eines pro Spiel im Schnitt seit 2009. Und weil bei ihm alles noch ein bisschen selbstverständlicher und virtuoser aussieht, weil er dazu mehr am Kollektivspiel teilnimmt und seine Mannschaft in der Regel mehr Titel einfuhr, hat er die vergangenen drei Wahlen zum Weltfußballer allesamt gewonnen. Ronaldo geht das so auf die Nerven, dass er es vermeidet, auch nur Messis Namen auszusprechen.

Warum die Balz als offener denn je gilt

Im ablaufenden Jahr nun gewann er mit der spanischen Liga den wichtigeren Titel als Messi (Pokal), weshalb die Balz um den Goldenen Ball als offener gilt denn zuletzt. Folglich stieg in Barcelonas Camp Nou am Sonntagabend nicht nur der ritualisierte Prestigekampf der beiden spanischen Fußball-Mächte, der Clásico bedeutete auch den letzten großen Termin im Werben um die Gunst der Wahljury, den Trainern und Kapitänen der Nationalmannschaften sowie ausgewählten Journalisten.

Showdown der Kandidaten, High Noon der Superstars: Man hat oft erlebt, dass der Mannschaftssport Fußball dem erwarteten Skript gerade an solchen Tagen ein Schnippchen schlägt und die vermeintlichen Titanen nichts zustande bringen. Aber dieses Duell hat folkloristische Grenzen längst überschritten. Ronaldo, in seinen ersten Duellen mit Barcelona noch gehemmt und gedemütigt, stellte schon nach 23 Minuten einen neuen Rekord auf. Mit seinem 1:0, ein technisch perfektes Finish ins kurze Eck, traf er auch im sechsten Clásico nacheinander – das hatte es in 110 Jahren und 254 Partien zuvor noch nie gegeben.

CR7 und sein neuer Frisurenspleen

Die Kollegen streichelten CR7 über seinen neuesten Frisurspleen, eine in die Schläfe rasierte Linie, und Madrid schien nahtlos daran anzuknüpfen, wo es beim vorherigen Ligaduell im April aufgehört hatte. Damals hatten die Hauptstädter mit einem 2:1 die Meisterschaft entschieden, jetzt demonstrierten sie erneut, wie sie den Barça-Code geknackt haben – durch perfekte Raumaufteilung im Mittelfeld und Konter in Lichtgeschwindigkeit. Zwei Minuten nach der Führung traf Benzema aus bester Position nur den Pfosten, die Gastgeber, ohne ihre verletzten Verteidiger Puyol und Piqué, drohten böse überrollt zu werden. Bis Messi auftauchte.

Nach einem Abwehrfehler von Pepe staubte er mit der Ruhe eines Sonntagsfahrers zum 1:1 ab, nach Wiederbeginn schlenzte er einen Freistoß mit atemberaubender Brillanz in den Winkel. Selten überschwänglich jubelte Messi mit einem Lauf über das halbe Feld, es war sein 17. Clásico-Tor, nur noch eines fehlt ihm in dieser Kategorie jetzt noch zum Allzeitbesten, seinem Landsmann Alfredo Di Stéfano.

Es war natürlich auch ein besonders schönes Tor, ein besonders wichtiges und ein willkommener Beleg seines Ausnahmestatus. Auch wenn seine Eitelkeit geringer ist, seine Obsession für persönliche Auszeichnungen nicht so ausgeprägt wie bei Ronaldo.

Als Ronaldo plötzlich am Boden lag

Der sah die Beweispflicht jetzt wieder auf seiner Seite, gleich bei nächster Gelegenheit unternahm er diesen Fallrückzieherversuch. Ball nicht getroffen, Ronaldo am Boden, noch dazu mit Schmerzen – es hätte die Briefmarke der Niederlage werden können. Aber nach rustikalem Ballgewinn durch Sami Khedira und genialem Zuspiel des starken Mesut Özil stand er plötzlich wieder, und zwar allein vor Torwart Valdés. Sein erneut formvollendeter Abschluss sorgte für das 2:2, das Barças Schlussphase überstand und letztlich das korrekte Ergebnis für ein aufregendes Match war.

In der Tabelle bleibt Barcelona damit acht Zähler vor Madrid (überraschend ist dessen Lokalrivale Atlético punktgleich Zweiter). Dennoch zeigte sich Gäste-Trainer José Mourinho extrem aufgeräumt, ja geradezu freundlich. "Ich habe ein großes Spiel gesehen" sagte er.

Sogar von seiner üblichen Lobbyarbeit für Schützling Ronaldo sah er ab und unterbreitete stattdessen einen Vorschlag, der ihn zum Chefunterhändler im Nahen Osten qualifizieren könnte. "Cristiano und Messi sind beide von einem anderen Planeten. Es sollte verboten sein zu sagen, wer der Beste der Welt ist."

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