12.09.12

Homosexualität

Die tägliche Selbstverleugnung des schwulen Profis

Erstmals spricht ein schwuler Bundesligaprofi über seinen Alltag. Seine Beziehung zerbrach am Versteckspiel. Er sagt: "Ich weiß nicht, ob ich den ständigen Druck noch bis zum Karriereende aushalte."

Von Anja Schramm
Foto: Getty
Fußball und Homosexualität
In der Bundesliga gibt es keinen einzigen Spieler, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt

Kein Name, kein Klub, nichts, was auf die Identität hindeutet. Hoch und heilig musste Adrian Bechtold seinem Interviewgast Verschwiegenheit versprechen. In einem Jahr könnten sie sich wieder treffen, vielleicht setze er dann seinen Namen unter das Gesprochene, sagte er. Aber jetzt nicht.

Es ging um ein Thema, das im deutschen Männerfußball immer noch tabuisiert wird: Bechtold sprach für das Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung mit einem schwulen Bundesligaspieler über Homosexualität.

Er ist der erste Bundesligaprofi in Deutschland, der über die tägliche Schauspielerei und Selbstverleugnung, die Angst vor einem Outing und all die aberwitzigen Verhaltensmuster gesprochen hat, die jenes Versteckspiel nach sich ziehen. "In der Situation im Stadion oder nach dem Spiel wird jeder kleine Anlass in der Gruppe zu einer ganz großen Angelegenheit. Ich wäre nicht mehr sicher, wenn meine Sexualität an die Öffentlichkeit käme", sagt er.

"Pures Gift für eine Partnerschaft"

Dem Fußball habe er sein Privatleben geopfert. "Ich hatte sogar mal eine Beziehung. Aber ein monatelanges Versteckspiel ist pures Gift für eine Partnerschaft. Ich musste mich entscheiden. Klar, der Erfolg im Fußball danach war schön. Der Preis war entsprechend."

Zu öffentlichen Anlässen erscheint er gar in weiblicher Begleitung. "Nur bezahlen musste ich nie", sagt er, "schließlich habe ich als richtiger Schwuler auch beste Freundinnen." Diesen Schein würden auch alle anderen homosexuellen Spieler der Liga wahren, er kenne mehrere, "das machen alle so".

Es sind mitunter auch banale Einblicke in den Alltag eines Sports, in dem die sexuelle Neigung rein gar nichts mit der Leistung zu tun hat, aber dennoch einem Tabu unterliegt.

Schon im Jugendalter, sagt Ethnologin Tatjana Eggeling, würden Fußballspieler erfahren, dass Schwule vermeintlich minderwertig seien. All die Beschimpfungen wie "Weichei" oder "Warmduscher", Wortschöpfungen wie "schwuler Pass", die im Fußballalltag gang und gäbe sind, seien "sinnbildlicher Ausdruck der fortdauernden Homophobie", sagt sie.

"So trainieren jungen Fußballspieler nicht nur den versierten Umgang mit dem Ball, sondern auch das Vermeiden all dessen, was als schwul wahrgenommen werden könnte."

Auf dem Platz wie Terrier

Vor einigen Jahren hatte Marcus Urban der Homosexualität im Fußball einen Namen und ein Gesicht gegeben. Urban spielte einst für Rot-Weiß Erfurt. Er erzählte von all dem psychischen Druck, von dem täglichen Versteckspiel, das ihn in die Ecke gedrängt hatte, und seiner Reaktion darauf, besonders männlich wirken zu wollen.

"Das hatte zur Folge, dass ich auf dem Platz wie ein Terrier war, üble Fouls beging und mich insgesamt schlimm verhielt." Als er sich öffentlich outete, war er längst nicht mehr Profi.

Es gibt nur wenige, die das in ihrer aktiven Zeit taten. In Schweden etwa bekannte sich im vorigen Jahr Anton Hysen zu seiner Homosexualität. Der damals 20-Jähirge spielte in der vierten Liga, bei Utsiktens BK.

"Ich bin Fußballspieler, und ich bin schwul, sagte er dem Magazin "Offside". Und dass sein Coming-out keine große Sache sein solle. Es wurde aber eine. Auch weil seine Verwandtschaftsverhältnisse ihm eine exponierte Stellung verschafften.

Sein Vater Glenn war einst Kapitän in Liverpool, sein Bruder Tobias spielt in der schwedischen Nationalmannschaft. Die Reaktionen auf sein Outing waren fast durchweg positiv. "Aber wo zum Teufel sind all die anderen", fragte Hysen. "Das ist doch krank."

"Der Preis für meinen Traum ist hoch"

Wissenschaftler gehen davon aus, dass zwischen fünf und zehn Prozent der deutschen Männer homosexuell sind. In den Profiligen dürfte dieser Anteil geringer sein, viele halten das Leben in Parallelwelten schon in den Nachwuchsmannschaften nicht aus.

Auch Bechtolds anonymer Bundesligaprofi sagt: "Der Preis für meinen gelebten Traum von der Bundesliga ist hoch. Ich weiß nicht, ob ich den ständigen Druck zwischen dem heterosexuellen Vorzeigespieler und der möglichen Entdeckung noch bis zum Ende meiner Karriere aushalten kann."

Es ist nicht nur die Angst vor Repressalien in den Stadien, die ihn von einem Outing abhalten. "Auch wenn ich mit den Fans klarkäme, wäre die pure Öffentlichkeit schlimmer." Die Geschichten und Titelseiten, die schmierigen Fragen nach intimen Details.

"Alle würden gern rausfinden, was ich wohl Schlimmes mit meinem Partner unter der Bettdecke anstelle. Wer beim super-männlichen Fußballspieler wohl unten und wer oben liegt."

Im Dinosaurier-Zeitalter

Dem Fußball komme eine herausragende Bedeutung in der Konstruktion von Männlichkeit zu, schreibt Gabriele Dietze, Professorin für Kulturwissenschaften, in der Zeitschrift "Feministische Studien". "Homosexualität wird als Feminisierung begriffen." Das mag in Kultur und Politik toleriert werden, aber im Fußball?

So bleibt die Frage, ob der Fußball das archaische Feld der Ewiggestrigen ist? Der Sport, sagt John Amaechi, der ehemalige Basketballprofi, sei bei dieser Thematik noch "im Dinosaurier-Zeitalter", erst recht der Fußball.

Auch so lässt sich der mitunter fast schon hilflos wirkende Umgang manch prominenter Spieler erklären. In seiner Biografie "Der feine Unterschied. Wie man Spitzenfußballer wird" erklärte Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm gleich auf etlichen Seiten, dass er nicht schwul sei.

Und Arne Friedrich, einst Nationalverteidiger, ließ seine Freundin Linn gar einen offenen Brief verfassen: "Scheinbar muss es einmal Schwarz auf Weiß stehen: Arne ist nicht schwul."

Bessere Rahmenbedingungen als vor einigen Jahren

Mitte Januar hatte Theo Zwanziger, damals noch Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, beim Dialogforum "Vor dem Ball sind alle gleich – Sexuelle Identität im Fußball" gesprochen. Er sagte, er wünsche sich, dass homosexuelle Spieler den Mut haben, sich zu erklären.

"Klar ist, dass Mut nur der haben muss, der weiß, dass ihm Nachteile drohen." Aber die Rahmenbedingungen seien viel besser als noch vor einigen Jahren. "Das ist alles gut gesagt, wenn du nicht am nächsten Spieltag ins Stadion musst", sagt Bechtolds Bundesligaprofi. "Vielleicht wäre es zu verschmerzen, wenn sich mehrere Spieler outen würden, aber da sehe ich momentan wenig Hoffnung."

Was er sich für Zukunft wünsche, fragte Bechtold seinen Gesprächspartner noch. "Ein Stück Normalität würde mich schon freuen", antwortete er. "Einfach mit einem zukünftigen Partner in aller Öffentlichkeit in ein Restaurant gehen. Ein Traum."

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