05.09.12

Lars Bender

"Der Fußball wird von Chaoten missbraucht"

Der Leverkusener Nationalspieler Lars Bender spricht im Berliner Morgenpost-Interview über den Fall des ehemaligen Kölners Kevin Pezzoni, sein Vorbild Sami Khedira und den Rekordtransfer des FC Bayern.

Foto: augenklick/firo Sportphoto
Lars Bender
Nationalspieler Sven Bender

Bei der vergangenen EM war Lars Bender einer der Senkrechtstarter in der deutschen Nationalmannschaft. Mit seiner Spielintelligenz und Übersicht auf dem Platz hat der defensive Mittelfeldspieler von Bayer Leverkusen sogar Interesse beim FC Bayern geweckt.

Doch das Angebot der Münchner durfte er wegen seines bis Sommer 2017 laufenden Vertrags nicht annehmen. Vor dem Start in die WM-Qualifikation am Freitag gegen die Färöer (20.45 Uhr, ZDF) macht der 23-Jährige dennoch einen zufriedenen Eindruck, obwohl ihn der Fall Kevin Pezzoni auch nachdenklich gestimmt hat.

Berliner Morgenpost: Im deutschen Fußball wird seit Tagen über den Fall Kevin Pezzoni diskutiert. Der Spieler hat seinen Vertrag beim 1. FC Köln aus Angst vor Repressalien aufgelöst. Wie beurteilen Sie den Vorfall?

Lars Bender: Ich finde es erschreckend, welche Ausmaße das angenommen hat. Es ist völlig normal, dass Fans im Stadion emotional sind und Reaktionen zeigen. Aber wenn ein Spieler außerhalb des Stadions angegangen wird, überschreitet das alle Grenzen. Ich denke, wenn sich ein Spieler im Privatleben nicht mehr sicher fühlen kann, ist das mehr als bedenklich. Und es ist nur nachvollziehbar, dass Kevin Pezzoni dann diese Schlüsse daraus gezogen hat. Jetzt ist es aber auch wichtig, dass dagegen gesteuert wird und die richtigen Maßnahmen ergriffen werden. Denn dieser Einzelfall darf nicht zur Normalität im deutschen Fußball werden.

Berliner Morgenpost: Haben Sie Angst? Immerhin spielen Sie für Leverkusen, wohnen aber in Köln, der Stadt des Erzrivalen.

Bender: Angst habe ich nicht. Aber ich weiß um die Brisanz. Als Miroslav Kadlec damals angegriffen wurde (der Leverkusener Spieler wurde nach einem Diskobesuch von Kölner Hooligans attackiert – d.R.) war ich mit einigen andern Spielern von uns mit vor Ort. Da machst du dir natürlich Gedanken. Es ist schade, dass der Fußball hier und da von einigen Chaoten missbraucht wird. Wie gesagt, Emotionen gehören ins Stadion. Doch wenn es handgreiflich und bedrohlich wird, geht das viel zu weit.

Berliner Morgenpost: Denken Sie manchmal darüber nach, wie schmal der Grat für Sie als Profi ist? Frei nach dem Motto: heute noch gefeiert, morgen schon verdammt?

Bender: Es gibt mir hin und wieder schon zu denken, wie schnelllebig dieses Geschäft doch ist und wie wenig oftmals bei aller Kritik darüber nachgedacht wird, dass es am Ende um Menschen geht. Ich denke, die Medien haben auch einen Teil dazu beigetragen, dass es so ist, wie es ist. Sie bilden Meinungen und beeinflussen damit vielleicht auch Fans, die manchmal gar nicht im Stadion waren und sich selbst ein Urteil bilden konnten. Ich denke, wir sollten alle etwas mehr Rücksicht aufeinander nehmen.

Berliner Morgenpost: Sie haben im Sommer für Schlagzeilen gesorgt – zum einen durch gute Auftritte bei der EM, und dann gab es da noch ein Angebot des FC Bayern, das Sie aber nicht annehmen durften.

Bender: Beides bestätigt doch nur, dass ich in der vergangenen Saison nicht alles falsch gemacht habe. Es ist eine Ehre für jeden, wenn der größte deutsche Klub sein Interesse bekundet. Aber ich habe einen Vertrag in Leverkusen, und das zählt.

Berliner Morgenpost: Die Bayern haben nun für 40 Millionen Euro Javier Martinez geholt. Was macht defensive Mittelfeldspieler heutzutage so wertvoll?

Bender: Unser Spielertyp ist unheimlich wichtig, weil wir das Bindeglied zwischen Offensive und Defensive sind. Dieser Spielertyp war immer schon wichtig. Ist es aber heute umso mehr, da das Spiel besser und schneller geworden ist.

Berliner Morgenpost: Gibt es Kollegen, die Ihnen auf dieser Position imponieren?

Xabi Alonso, Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira sind Weltklasse. Von ihnen kann ich mir einiges abgucken.

Berliner Morgenpost: Wie sehen Sie denn bei der Konkurrenz von Schweinsteiger und Khedira überhaupt Ihre Chancen in der deutschen Nationalelf?

Bender: Natürlich will auch ich am liebsten immer spielen. Aber es ist nun mal so, dass wir in der deutschen Nationalmannschaft viele gute Fußballspieler haben. Ich denke, ich habe mir durch die Europameisterschaft ein gutes Standing erarbeitet. Nun beginnt alles wieder bei Null. Ich werde mich weiter anbieten. Und wenn mir das über einen langen Zeitraum perfekt gelingt, werde ich sicher meine Chance bekommen. Wir müssen ja dazu sagen, dass ich auch noch nicht solange dabei bin und keine Ansprüche stellen möchte. Ich will mich beim Bundestrainer bestmöglich präsentieren und so viel wie es geht mitnehmen. Wenn es dann am Ende für Einsätze reicht, bin ich froh.

Berliner Morgenpost: Die EM war Ihr erstes Turnier und nach dem Aus haben Sie hautnah miterlebt, wie heftig die Kritik ausfallen kann. Was fehlt dem Team aus Ihrer Sicht denn noch?

Bender: Ich denke, die Kritik ist so extrem ausgefallen, weil alle fest damit gerechnet haben, dass wir ins Finale kommen und dort dann sogar den Titel holen. Wir haben gegen Italien verdient verloren. Das war für viele enttäuschend, weil die Qualifikation so beeindruckend war. Aber das ist vorbei. Jetzt zählt die Qualifikation für die WM 2014. Ich denke, es ist wichtig, dass wir als Mannschaft noch mehr verinnerlichen, im wirklich entscheidenden Moment da zu sein. Denn das ist es immer, was wieder angesprochen wird, wenn es nicht läuft.

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