16.08.12

Nationalmannschaft

Heftige Debatte nach Generalkritik von Oliver Kahn

Die Gleichgültigkeit der Nationalspieler nach der Niederlage gegen Argentinien bringt Oliver Kahn in Rage. Hat er recht? Ist die Nationalelf im Begriff, die wohl wichtigste Sporttugend einzubüßen?

Von Lars Wallrodt
Quelle: dapd
16.08.12 1:59 min.
Die deutsche Fußballnationalmannschaft verliert 1:3 gegen Argentinien. Bereits die vierte Niederlage im Jahr 2012. Eine Rote Karte und ein Eigentor brachten Joachim Löws Team früh ins Hintertreffen.

Das Gewitter kam zu spät. Erst drei Stunden nach Abpfiff ging ein gewaltiger Guss über Frankfurt nieder und kühlte die Stadt ab, die zuvor bei 35 Grad gedampft und geschwitzt hatte.

Immerhin waren die tropischen Temperaturen von den deutschen Fußball-Nationalspielern nicht als Erklärung für das 1:3 (0:1) gegen Argentinien angebracht worden. Es war von Pech die Rede, von einem unglücklichen Spielverlauf und dem unglücklich gewählten Termin. Und dafür setzte es ein Donnerwetter.

Nicht von Bundestrainer Joachim Löw. Der hatte seine Spieler in bewährter Manier in Schutz genommen, hatte die Rote Karte hervorgehoben, die Torwart Ron-Robert Zieler nach einer halben Stunde gesehen hatte und das Eigentor kurz vor der Pause, das Sami Khedira unterlaufen war.

Kahn unter Dampf

Nein, es war Oliver Kahn, der am ZDF-Mikrofon lospolterte wie zu jenen Zeiten, als die Gegenspieler noch vor ihm zitterten und die Kollegen stramm standen, wenn er die Zähne bleckte. "Soll ich jetzt auch noch in den Tenor einstimmen: Alles toll, alles gut? 1:3 verloren, wo ist das Problem?", fragte er Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein.

Es war eine rhetorische Frage, natürlich. Denn Kahn stand unter Dampf, das war offensichtlich, und Müller-Hohenstein brauchte ihn nur anzupieksen, schon ging er hoch. Die Defensive, die habe ihm nicht gefallen, schimpfte er, "wir alle wissen, was große Mannschaften brauchen: Kompaktheit in der Defensive". Löw müsse sich langsam mal Gedanken machen, ob seine Spielphilosophie, die ja auf offensives, schnelles Spiel setzt, wirklich sinnvoll sei.

Die deutschen Spieler in der Einzelkritik

Ron-Robert Zieler

Tragische Figur des Spiels. Hatte in seinem zweiten Länderspiel zunächst wenig zu tun, verursachte dann in der 30. Minute einen Foulelfmeter und wurde des Feldes verwiesen. Geht als erster Nationaltorwart mit einer Roten Karte in die Länderspielgeschichte ein. Note: 5

   

Jerome Boateng

Rückte nach dem Hummels-Ausfall in die Innenverteidigung, wo er sich sichtbar wohler als auf der rechten Seite fühlt. Note: 5

Holger Badstuber

Nicht immer im Bilde. Offenbarte Mängel im Stellungsspiel und hatte zudem oft in der Luft das Nachsehen. Note: 5

   

Mats Hummels

Musste nach 24 Minuten verletzt das Feld verlassen. Der Dortmunder hatte sich elf Minuten zuvor bei einem Zweikampf mit Higuain eine Halswirbelverrenkung zugezogen und war anschließend nicht mehr im Vollbesitz seiner Kräfte. ohne Note

Marcel Schmelzer

Einmal mehr in der Nationalelf ein Schatten seiner selbst. Kann seine guten Leistungen bei Borussia Dortmund in Länderspielen nicht bestätigen. Note: 5

 

Lars Bender

Der Leverkusener agierte im defensiven Mittelfeld, spielte unauffällig, aber effektiv. Vergab in der fünften Minute nach Reus-Zuspiel eine gute Chance. Note: 4

Sami Khedira

Unglücksrabe des Spiels. Zeigte im defensiven Mittelfeld eine starke Leistung, lenkte den Ball aber kurz vor der Pause nach einer scharfen Ecke von Di Maria zum 0:1 ins eigene Netz. Note: 4

   

Thomas Müller

Einige gute Ansätze. Aber seine Aktionen verpufften zumeist wie schon bei der EM. Muss weiterhin um seinen Stammplatz bangen. Wurde nach Zielers Roter Karte gegen ter Stegen ausgewechselt. ohne Note

Mesut Özil

Dreh- und Angelpunkt des deutschen Spiels. Setzte seine Nebenleute gut in Szene und hatte selbst zu Beginn eine gute Chance. Pech dass sein vermeintliches 1:1 kurz nach der Pause wegen einer Abseitsstellung nicht anerkannt wurde. Note: 4

   

Marco Reus

Bewies eindrucksvoll, warum er zum "Fußballer des Jahres" gewählt wurde. Mit Abstand bester Akteur der Gastgeber. Sprühte vor Spielfreude, hatte viele starke Aktionen und in der 50. Minute Pech bei einem Pfostenschuss. Note: 3

Miroslav Klose

Der Ersatzkapitän überzeugte als Vorbereiter, kam selbst aber selbst nur selten zum Abschluss. Machte in der 62. Platz für Schürrle. Note: 4

   

Benedikt Höwedes

Der Schalker kam nach 25 Minuten für Hummels, spielte aber in der Viererkette auf der rechten Seite. Machte defensiv seine Sache ordentlich und konnte zudem im neunten Spiel seinen ersten Treffer in der Nationalelf feiern. Note: 4

Marc-Andre ter Stegen

In seinem zweiten Länderspiel parierte der Gladbacher Keeper Sekunden nach seiner Einwechslung den Foulelfmeter von Weltfußballer Lionel Messi. Konnte auch anschließend einige Male seine Klasse unter Beweis stellen, sah allerdings beim 0:3 nicht gut aus. Dennoch besser als bei seiner Länderspielpremiere vor der EM beim 3:5 gegen die Schweiz in Basel, wo er einen rabenschwarzen Tag erwischt hatte. Note: 3

Andre Schürrle

Kam in der 62. Minute für Klose und konnte noch mit zwei, drei guten Aktionen auf sich aufmerksam machen. ohne Note

Ilkay Gündogan

Konnte in der Schlussphase auf der Khedira-Position nicht mehr viel ausrichten. ohne Note

Toni Kroos

Ersetzte in der 69. Minute Özil, hatte aber keine Gelegenheit mehr, sich auszuzeichnen. ohne Note

Mario Götze

Unterstrich wenige Minuten nach seiner Einwechslung seine Klasse, als er gekonnt das 1:3 von Höwedes vorbereitete. ohne Note

Doch es ging es dem einstigen Welttorhüter gar nicht um die Abwehr oder die defensiven Mittelfeldspieler, und auch nicht um Sami Khedira, den er zu weit vorn verortet hatte. Es ging Kahn ums Prinzip. "Wir verlieren blutleer gegen Italien. Kriegen nun wieder drei Stück von Argentinien. Und dann stellen sich die Jungs hin und sagen: 'Pffft, morgen geht's weiter'", sagte Kahn und sah aus, als ob er das als persönliche Beleidigung empfinden würde. Er jedenfalls würde sich ärgern bei solch einer Niederlage.

Sechs Stammspieler fehlten

Kahn darf das sagen, denn wenn ihm zu aktiven Zeiten etwas nicht vorzuwerfen war, dann, dass er Niederlagen klaglos hinnahm. Er schüttelte Mitspieler durch, jagte Gegner mit Kung-Fu-Tritten durch den Strafraum und deutete auch schon mal einen Halsbiss an, wenn ihm jemand seiner Meinung nach zu nahe gekommen war.

Doch hat er recht mit seiner Generalkritik? Haben die deutschen Nationalspieler bei all ihrer Begabtheit die wohl wichtigste Sporttugend nicht verinnerlicht: das Gewinnen-wollen – koste es, was es wolle?

Das Argentinien-Spiel allein taugt nur begrenzt, diese Frage zu beantworten. Der Sinn des Termins anderthalb Wochen vor dem Ligastart ist hinreichend diskutiert und kritisiert worden, das Fehlen von sechs deutschen Stammkräften tat ein Übriges – und in der Tat ist es gegen die spielstarken Argentinier nahezu unmöglich, eine Stunde in Unterzahl unbeschadet zu überstehen.

"Wir haben uns den Schneid abkaufen lassen"

Und doch rührt Kahns Kritik am Kern eines Problems, das offenbar bislang von der spielerischen Klasse der deutschen Mannschaft überdeckt wurde. Es war schon ein bisschen sehr unterwürfig, wie Benedikt Höwedes nach dem Spiel schwärmte, Lionel Messi habe offenbar "einen Magneten im Schuh", so gut spiele er. Und schon beim Halbfinalaus bei der Europameisterschaft gegen Italien hatte der deutschen Mannschaft jenes Feuer gefehlt, das auf höchstem Niveau oft über Sieg und Niederlage entscheidet.

"Wir haben uns den Schneid abkaufen lassen", hatte Khedira damals analysiert und Marco Reus vielsagend ergänzt, die Italiener wären wohl "geiler auf den Sieg gewesen". Wie so etwas in einem derart wichtigen Spiel möglich sein kann, diese Frage blieb leider unbeantwortet. Nun steht sie wieder im Raum.

Doch ist da tatsächlich ein grundsätzliches Problem, das sich da eingeschlichen hat und das "undeutscher" kaum sein könnte? Schließlich war der eiserne Siegeswille stets das größte Kapital der deutschen Nationalmannschaft.

Brehme sieht das anders

"Nein", sagt Andreas Brehme, der 1990 die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit seinem Elfmeter im Finale gegen Argentinien zum Weltmeistertitel schoss. Gegen Italien habe die Nationalmannschaft einen schlechten Tag erwischt, "so etwas kommt vor und ist leider nicht immer zu erklären". Dass aber Löws Männern prinzipiell der Biss fehlen würde, sieht Brehme nicht: "Das Spiel gegen Argentinien können wir doch nicht werten. Zu diesem Zeitpunkt und unter diesen Umständen ist es ein Muster ohne Wert."

Das findet auch Hansi Müller, der zwischen 1978 und 1983 in 42 Länderspielen das Trikot mit dem Adler trug. "Ich halte es für Unfug, solch ein Spiel als Maßstab für eine Kritik zu nehmen, wie sie Oliver Kahn geübt hat", sagte Müller der "Welt", "ein paar Sachen von denen, die Kahn im Fernsehen genannt hat, kann ich ja nachvollziehen. Aber es bringt doch jetzt nichts, unter den gegebenen Umständen derart hart mit der Mannschaft ins Gericht zu gehen."

Wieder körperbetonter spielen

Sein ehemaliger Mitspieler Karlheinz Förster, der in 81 Länderspielen die Gegner das Fürchten lehrte, hat deutlich mehr für Kahns Thesen übrig – zumindest für die Kritik an der offensiven Ausrichtung: "Im Prinzip hat er recht. Als ehemaliger Abwehrspieler weiß ich, dass zu viel Offensive zu Lasten der Defensive geht.

Dieses Problem hatten wir schon bei der EM, als wir gegen Italien gleich 0:2 zurücklagen." Mit Blick auf die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien müsse Löw mit seinem Team daran arbeiten, weniger Chancen zuzulassen: "Und wir müssen wieder etwas körperbetonter spielen. Wie die Spanier oder die Italiener. Die gehen zum Teil ganz schön zur Sache."

Löw sieht kein grundlegendes Problem

Kahns Kritik hat Löw zur Kenntnis genommen, zum Teil stand er nach dem Spielende im ZDF-Studio ja sogar neben seinem ehemaligen Torwart. "Ich teile seine Meinung bedingt", sagte der Bundestrainer: "Gegen Argentinien haben wir es im Zentrum schwer gehabt. Einige Situationen hätten wir besser lösen können."

Ein grundlegendes Einstellungsproblem sieht Löw aber nicht. Schon vor dem Spiel hatte er angemerkt, dass es sein Ziel sei, eine Mannschaft zu formen, die einen eigenen, dominanten Spielstil pflege und Titel gewinnen könne.

Auf diesem Weg steht als Nächstes die Qualifikationsrunde für Brasilien 2014 an. Am 7. September treffen Löw und seine Getreuen dabei in Hannover auf die Färöer. Dort muss dann gelingen, was gegen Argentinien versagt blieb: der 500. Sieg der deutschen Nationalmannschaft in ihrer Geschichte.

Quelle: Mitarbeit: Klaus Schlütter
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