14.08.12

DFB-Team

Löws Nationalspieler in der Bringschuld

Nach dem bitteren EM-Aus nimmt Bundestrainer Joachim Löw seine Mannschaft in Schutz. Nun ist das Team gefragt, neues Vertrauen aufzubauen. Gegen Argentinien will die DFB-Auswahl damit anfangen.

Foto: dpa
Özil und Messi
Der Argentinier Lionel Messi (r.) bei der WM 2010 im Zweikampf gegen Mesut Özil. Das Spiel im Viertelfinale endete 4:0 für Deutschland

Mit dem Wort "geil" ist das so eine Sache. So richtig fein ist es nicht, eher Jugendslang, obwohl es längst Einzug in alle Schichten und Generationen gehalten hat. Und eindeutig ist es auch nicht: Es kann "super" oder "toll" heißen, aber auch "etwas unbedingt wollen".

In letzterem Sinne wurde das Wort am Dienstag fast inflationär oft benutzt. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte die Nationalspieler Marco Reus und Sami Khedira gebeten, sich vor dem Länderspiel gegen Argentinien tags darauf (20.45 Uhr/ZDF) zu äußern, aber natürlich kreisten die Fragen der Journalisten vor allem um die Wutrede des Bundestrainers, der 24 Stunden zuvor an selber Stelle den Hammer kreisen ließ und die Kritik am Ausscheiden im Halbfinale der Europameisterschaft als unverhältnismäßig darstellte.

100 Prozent Vertrauen in Löw

Andererseits hatte Joachim Löw auch die volle Verantwortung übernommen für das 1:2 gegen Italien und seinen Spielern damit ein unverhältnismäßig großzügiges Alibi verschafft. Nun holten Khedira und Reus zum mildtätigen Gegenschlag aus. "Italien sei einfach geiler darauf gewesen, das Spiel zu gewinnen", sagte Reus, nachdem Khedira ihm den Steilpass geliefert hatte, indem er anmerkte, die deutsche Mannschaft müsse noch "geiler darauf werden, so eine Partie gewinnen zu wollen".

Es hätten eben Kleinigkeiten gefehlt, führte der Profi von Real Madrid weiter aus, vielleicht hätten sich die Spieler selbst zu sehr unter Druck gesetzt. Mit dem Trainer habe das nichts zu tun: "Wir standen auf dem Platz und haben seine Vorgaben nicht zu 100 Prozent umgesetzt." Zu ebenjenem Prozentsatz aber würde die Mannschaft Löw weiterhin vertrauen.

Khedira ärgert sich über Hymnen-Debatte

Und natürlich beteiligte sich Khedira auch an der Schelte, die schon Löw über Teile der Medien hatte niedergehen lassen. "Es wurden Dinge kritisiert, die nichts mit Sport zu tun hatten. Das war teilweise beleidigend", sagte der 25-Jährige mit Blick auf Schlagzeilen wie "Memmen gegen Männer" und "Luxus-Versager".

Er, dessen Vater aus Tunesien stammt, werde jedenfalls auch in Zukunft die Nationalhymne nicht mitsingen: "Nur durch Singen ist man noch lange kein guter Deutscher. Das auf die Hymne zu reduzieren ist nicht fair." Schließlich hätten die Sangeskünste der Italiener, die vor dem Halbfinale so hoch gelobt worden waren, ihnen im Endspiel auch nicht viel geholfen: "Das war schon böse, was die Spanier mit ihnen gemacht haben. Und da hat keiner über die Hymne gesprochen."

Die Nation ist gekränkt

Ja, es war ein wahrer Sympathie-Ping-Pong, den Trainer und Mannschaft vor dem Argentinien-Spiel da hinlegten. Zwar nicht sonderlich zielführend bei der Aufarbeitung des Ausscheidens bei der Europameisterschaft, es wird aber zumindest für gute Stimmung hinter den Kulissen gesorgt haben. Khedira war jedenfalls "froh, dass sich Löw vor uns stellte".

Doch so breit sich der Bundestrainer auch machte vor der Partie in Frankfurt: Verdecken kann er nicht, dass die deutsche Nationalmannschaft plötzlich in einem anderen Licht dasteht. Mit einer "goldenen Generation" war sie nach Polen und die Ukraine gereist. Nun muss sie Acht geben, nicht zur "Generation Blech" zu werden.

Denn die Enttäuschung in Deutschland, trotz der Vielzahl an hochbegabten Kickern schon wieder keinen Titel gewonnen zu haben, ist weitaus größer als noch 2010 oder 2008. Stellvertreterdiskussionen wie die um das Mitsingen bei der Nationalhymne oder um verhätschelte Spieler zeigen, wie gekränkt das Land nach der Niederlage gegen Italien immer noch ist.

Da ist es auch unerheblich, dass die Nationalelf vor dem Halbfinale 15 Pflichtspiele in Folge gewonnen hatte. Im entscheidenden Moment, so grummelt Volkes Bauch, hatte das Team nicht genug Mumm in den Knochen – und wieder einmal versagt.

Kritik am Länderspiel-Termin

Die deutsche Eliteauswahl ist also erstmals seit Jahren in der Bringschuld, und es gilt, neues Vertrauen aufzubauen. Doch just die erste Chance, durch eine beherzte Vorstellung ein Zeichen zu setzen, fällt auf den unbeliebtesten Termin des Fußballkalenders. Dass der Weltverband ausgerechnet kurz vor den Starts der Ligen zum internationalen Vergleich ruft, dienst seit Jahren allen als Anlass, gegen die Fifa zu schimpfen.

"Schwachsinn", nannte zum Beispiel NürnbergsTrainer Dieter Hecking unlängst den Zeitpunkt. Christian Seifert von der Deutschen Fußball Liga (DFL) bezeichnete ihn als "Blödsinn". Immerhin: Auf Druck der europäischen Klubs wird der Augusttermin in Zukunft abgeschafft.

Doch diesmal gilt es für die Spieler noch einmal, sich aus der laufenden Vorbereitung heraus für das Länderspiel zu motivieren. Dass anderthalb Wochen vor Beginn der Bundesliga niemand sein leibliches Wohl in die Waagschale werfen wird, ist dabei durchaus verständlich. Dasselbe gilt immerhin auch für den Gegner.

Sechs Leistungsträger fehlen

Doch sollte Argentiniens Superstar Lionel Messi die deutsche Hintermannschaft zur Saisoneinstimmung vernaschen, werden die kritischen Töne in Deutschland kaum leiser werden.

Mit Bastian Schweinsteiger (wird geschont), Manuel Neuer (angeschlagen), Philipp Lahm (erwartet Nachwuchs), Mario Gomez (wurde operiert), Per Mertesacker und Lukas Podolski (beide starten am Samstag mit Arsenal London in die englische Premier-League-Saison) fehlen gleich sechs erfahrene Kräfte. Vielleicht war die Partie auch deshalb bis Dienstagmittag noch nicht ganz ausverkauft.

Dabei war es ausgerechnet Argentinien, gegen das die deutsche Mannschaft den Grundstein für die unvergleichliche Sympathiewelle legte, auf der sie zwei Jahre lang schwamm. Das 4:0 im WM-Viertelfinale in Südafrika war wohl eine der größten Fußballsensationen, die Deutschland seit Bern 1954 erlebt hatte. Mit einer Leichtigkeit düpierte Löws junge Truppe die südamerikanischen Fußballgrößen, dass die Fans vor Verzücken jauchzten.

Nun bräuchte die DFB-Auswahl einen ähnlichen Kick. Übrigens noch so ein Wort mit zwei Bedeutungen. Wie "geil"…

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