Ballack-Vertreter
Lahm will über WM hinaus Kapitän bleiben
Philipp Lahm liebäugelt auch nach der WM mit dem Kapitänsamt in der Nationalelf. Freiwillig werde er die Binde nicht mehr hergeben, sagt er.
Von Lars Wallrodt und Lars Gartenschläger
Bei der Weltmeisterschaft 1966 in England berät Bundestrainer Helmut Schön (l.) mit Franz Beckenbauer die Taktik für das Spiel gegen die Spanier.
Es ist still in der Einöde zwischen den Ortschaften Gerhardsville und Erasmia, wo das "Velmore Grande" liegt, das Hotel der deutschen Nationalmannschaft. Still im wörtlichen wie übertragenen Sinne: Höchstens das Zirpen der Grillen stört die Ruhe auf dem Gelände. Und auch aus dem Team dringen seit Turnierbeginn nur leise Töne nach außen. Töne voller Harmonie und Einklang. Umso lauter schrillen die Sätze, die Philipp Lahm mehreren Zeitungen in die Diktiergeräte sprach.
"Die Rolle des Kapitäns macht mir sehr viel Spaß. Ich habe Freude daran. Wieso sollte ich das Amt dann freiwillig abgeben?", zitiert ihn beispielsweise die "Bild-Zeitung". Es sei doch klar, dass er die Kapitänsbinde gerne behalten möchte: "Wenn man seine Rolle auf dem Platz ausfüllt und sie in Griff hat, so wie ich auf meiner Position, dann will man mehr. Dann will man mehr Verantwortung, dann will man sich um das Ganze kümmern. Und das ist jetzt bei mir der Fall", sagte Lahm. Die "Bild" nahm den Ball von Lahm dankbar auf und titelte in ihrer Online-Ausgabe: "Machtkampf in der Nationalmannschaft" (hier).
Tatsächlich ist Lahms Ode an die Binde bei näherer Betrachtung eine Aussage, die brisant ist. Denn Lahm ist nicht Kapitän der deutschen Mannschaft. Er ist Ersatzkapitän für Michael Ballack, den verletzten "Capitano". Es wird das Selbstverständnis des 33-jährigen Neu-Leverkuseners sein, das er nach seiner Genesung in die Eliteauswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zurückkehren will. Und er wird dies nicht als Mitläufer tun, sondern Mannschaftsführer. Als Kapitän.
Die Meldung, die der DFB um 17.15 Uhr herausgab, unterstreicht diesen plötzlich ausgebrochenen Machtkampf. Es mag Zufall sein, dass Ballack ausgerechnet zu der Zeit unvermittelt aus dem Mannschaftsquartier abreiste, aber es passt ins Bild: Kaum ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. "Da mein Heilungsverlauf glänzend verläuft und schneller vorangeht als geplant, sind für mich hier aber die Bedingungen für meine Reha-Behandlung nicht mehr optimal. Der Fokus der medizinischen Abteilung des DFB liegt derzeit ganz klar auf dem Team", gab Ballack bekannt und schob Grüße ans Team hinterher: "Ich habe einen hervorragenden Eindruck von der Mannschaft gewonnen. Ich finde es super, dass sie ins Halbfinale eingezogen ist und wünsche ihr natürlich jetzt den WM-Titelgewinn."
Die Sätze Lahms dürften ihm spätestens nach der Landung in Deutschland in den Ohren geklungen haben. Oder wusste er schon vorher davon? Waren sie gar Grund für die unvermittelte Abreise? Auch Ballack wird sich nun fragen, was den eigentlich so besonnenen Philipp Lahm bloß dazu getrieben hat, diese Baustelle jetzt aufzumachen, wenige Tage vor dem Halbfinale gegen Spanien. Lahm wird sich der Unterstützung der Mannschaft sehr sicher gewesen sein, zumindest des Mannschaftsrates, in dem neben dem Münchner Außenverteidiger noch Per Mertesacker, Arne Friedrich, Miroslav Klose und Bastian Schweinsteiger angehören.
Doch vielleicht ist Lahm gar nicht so besonnen, wie es stets den Anschein hat. Im Herbst 2009 platzierte er ein Interview, in dem er die Einkaufspolitik seines Arbeitgebers, des FC Bayern München, scharf kritisierte. Und vor der Saison bewarb er sich offen um das Amt des Bayern-Kapitäns, obwohl der Spielführer der Vorsaison noch im Verein war. Mark van Bommel behielt die Binde.
Schon länger wird diskutiert, ob die junge deutsche Mannschaft, die sich nach Ballacks Ausfall neu formierte und in dieser Form bisher eine brillante Weltmeisterschaft spielt, den verletzten Leithammel überhaupt noch braucht. Mit Lahm hat sie einen Kapitän, mit Sami Khedira einen sportlichen Ersatz und mit Bastian Schweinsteiger einen neuen Antreiber auf dem Feld gefunden. Lahms Vorstoß könnte also der Anfang vom Ende des Nationalspielers Ballack sein – eine Palastrevolution, wenn man so will.
Dazu passt, wie Lahm sich wand, als er auf die Möglichkeit angesprochen wurde, dass Ballack nach der WM das Kapitänsamt wieder einfordern könnte. "Das wird man sehen", sagte er, und auch auf die Frage, ob die Nationalelf Ballack überhaupt noch brauche, wich Lahm aus: "Es steht mir nicht zu, dass ich bei dieser Frage ja oder nein sage." Noch vor Wochen hätte sich diese Frage kaum gestellt, und wäre sie dennoch gestellt worden, hätten sich die Nationalspieler vermutlich in den Staub geworfen und Ballacks Unersetzbarkeit beteuert.
Die DFB-Auswahl hat sich von ihrem alten Anführer emanzipiert, und es drängt sich der Eindruck auf, die Tierwelt Afrikas habe die Spieler inspiriert: Wenn hier der alte Löwe Schwächen zeigt, jagen die Jungen den Rudelführer fort. Darwins Gesetzt scheint auch vor der Nationalmannschaft nicht Halt zu machen. Doch manchmal beißt der alte Löwe noch zurück…
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