WM 2010 beim ZDF
Müller-Hohenstein bedauert "Reichsparteitag"
ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein spricht von Kloses Treffer und einem "inneren Reichsparteitag". Der Zentralrat der Juden warnt davor, den Lapsus "hysterisch" zu behandeln.
Von Jörg Winterfeldt
Moses Mabhida-Stadion in Durban, die 26. Minute im WM-Spiel Deutschland gegen Australien. Philipp Lahm kickt den Ball vor das australische Tor, Australiens Keeper Mark Schwarzer geht nach vorn, bekommt den Ball aber nicht zu fassen - denn da ist Miroslav Klose. Und der macht das 2:0 für Deutschland. Im ZDF-Studie sagt Oliver Kahn (über Torwart Schwarzer): "Klarer Torwartfehler: Wenn er die Linie verlässt, dann muss er die Flanke abfangen." Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein: "Und für Miroslav Klose ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst - dass der heute hier trifft." Kahn: "Ja, das ist für ihn Erlösung, immer als Stürmer, wenn du so stark in der Kritik stehst wie, wie Miro, ist das dann, das gibt Dir diese Freiheit, und, sieht man dass Löw hier auch wieder die richtige Entscheidung mit, mit Miroslav Klose getroffen hat."
Die Formulierung vom "inneren Reichsparteitag" fiel in einer Sendung, die der fast 28 Millionen Menschen am Fernsehen verfolgten: Laut Media Control erreichte die Übertragung des ersten deutschen Spiels bei der WM 2010 in Südafrika "außergewöhnlich hohe 74,4 Prozent" Marktanteil mit durchschnittlich 27,91 Millionen Zuschauern - wobei die Public-Viewing-Veranstaltungen nicht erfasst wurden. Allein in Berlin waren 30.000 Menschen bei der Übertragung auf dem Fan-Fest am Olympiastadion dabei.
Der "innere Reichsparteitag" löst mittlere Aufregung aus - wahrnehmbar vor allem im Netz und über den Twitter-Account von ZDF.de. Noch am Sonntag reagierte ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz: Katrin Müller-Hohenstein habe sich "im Eifer der Halbzeitpause" eine "sprachliche Entgleisung" geleistet. Die Moderatorin bedauere die Formulierung: "Es wird nicht wieder vorkommen."
Bis dahin sind bei der Online-Redaktion des ZDF schon so viele Hinweise und Beschwerden zu der Formulierung eingegangen, dass die Redaktion sich in der Sache mehrfach über den Microbloggingdienst Twitter mitteilt: "Liebe Follower, wir verstehen Eueren Unmut. Wir geben das morgen weiter." Die obligatorischen Facebook-Gruppen werden gegründet. Ein Form-Beschwerdebrief wird online angeboten. Inzwischen hat sich die Debatte erweitert: Diskutiert wird, unter Verweis auf das "Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten" und eine Diskussion um einen Wikipedia-Eintrag von 2008 etwa bei Twitter, wie der Ausdruck "das ist mir/ihm/ihr ein innerer Reichsparteitag" aufzufassen ist: Ist er gebräuchlich? Ist er verständlich? Ist er missverständlich? Ist er grundsätzlich ironisch? Drückt er per se eine Distanz zur nationalsozialistischen Ideologie aus?
"Innerer Reichsparteitag" ist laut Dieter Gruschwitz vor allem "ein umgangssprachlicher Ausdruck, der nicht in die Fernsehsprache gehört". Konsequenzen für die Journalistin schloss der Sender aus. Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, mahnte zur Besonnenheit. "Die Moderatorin hat es bedauert, das ZDF hat es bedauert. Da gibt es deutlich keine böse Absicht", sagte Graumann der Leipziger Volkszeitung (Dienstag-Ausgabe): "Wir sollten das nicht hysterisch betrachten." Bei Twitter und auch bei Facebook hat der Begriff "Reichsparteitag" am Montag sichtbar Konjunktur .
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