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21.01.12

Handball-EM

Provokateur Silvio Heinevetter hält meisterhaft

Füchse-Spieler Silvio Heinevetter hat mit seinen Paraden viel zum Erfolg der deutschen Handballer gegen Schweden beigetragen - auch wenn der Torwart öfters bei Gegenspielern und Teamkollegen aneckt.

picture alliance / Digitalfoto M/DFM/Gelhot

Torwart: Silvio Heinevetter (Füchse Berlin)

15 Bilder

Die Augen matt, der Kopf gesenkt: Die Szenerie tief unten in den Katakomben der Cair-Arena von Nis hatte etwas Surreales. Wie ein Häuflein Elend schleppte sich Silvio Heinevetter den Gang zur deutschen Umkleidekabine entlang. Der sonst so extrovertierte Torhüter, kurz zuvor Matchwinner beim 29:24 der deutschen Handballer gegen Schweden , wollte nur noch ins Bett. Trotz eines Magen-Darm-Infekts lieferte Heinevetter gegen die Skandinavier eines seiner besten Länderspiele – wohl auch wegen einer gehörigen Portion Wut im Bauch.

Silvio Heinevetter hasst es, auf der Bank zu sitzen. Geschlagene 53 Minuten lang hatte er zwei Tage zuvor zusehen müssen, ehe er seinen Torwart-Kollegen Carsten Lichtlein im EM-Spiel gegen Mazedonien ablösen durfte. Der Keeper mit dem unorthodoxen Stil, der bei Paraden gerne mal quer in der Luft liegt, sieht sich als klare Nummer eins. "Ich will immer spielen. Wer auf der Bank sitzt, ist mir egal", hatte Heinevetter bereits vor der EM angekündigt.

Heinevetter eckt an. "Als Torwart musst du nicht viel halten, du musst die wichtigen Bälle rausholen", sagt der 27-Jährige. Der Keeper der Füchse Berlin liebt die Provokation, rennt auch gern mal über den halben Platz, um einem Gegenspieler die Leviten zu lesen. "Es fällt mir schwer, mich zu zügeln", sagt Heinevetter und ergänzt: "Ich werde immer ausrasten. Das gehört bei mir dazu. Der eine braucht das halt, der andere nicht."

Mit seinem auffälligen Gebaren gibt Heinevetter den kompletten Widerpart zum introvertierten und unspektakulären Lichtlein. Während sich sein Torhüter-Kollege seit der Weltmeisterschaft 2007 mit der kleinen Nachtmusik von Wolfgang Amadeus Mozart auf ein Spiel vorbereitet, hält Heinevetter nicht viel von Ritualen. Auch in Sachen Spielvorbereitung hält er sich kurz. "Man muss sich auf die Schützen des Gegners vorbereiten – klar", sagt Heinevetter: "Aber ich bin nicht der Typ, der sich darauf versteift. 30 Prozent sind Vorbereitung, der Rest ist Intuition."

Bundestrainer Martin Heuberger mag die Mischung seiner Torleute. Besonnenheit bei Lichtlein, das Tollkühne, mitunter ein bisschen Verrückte bei Heinevetter. "Wir sind ein Team – jeder mit seinen Stärken und Schwächen. Die beiden ergänzen sich sehr gut", sagt Heuberger. Mit der Nominierung von Lichtlein im Mazedonien-Spiel stachelte er Heinevetter zur Höchstform an. "Ich kann mich auf Silvio verlassen. Immer wenn es um die Wurst geht, ist er da", sagt Heuberger.

Der Berliner Keeper ist zu einer Marke geworden – auch abseits des Handball-Feldes. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin und Tatort-Kommissarin Simone Thomalla, gehört er inzwischen zum Berliner Jetset, ziert nicht selten die Klatschseiten der Regenbogen-Presse. "Das ist mir völlig egal. Ich lasse so etwas gar nicht an mich heran. Bunte Blätter lese ich nicht", sagt Heinevetter.

Torhüter ist zum Teamplayer gereift

Sportlich ist der Torhüter in der Hauptstadt gereift, hat seine Starallüren bei dem Champions-League-Klub weitgehend in den Griff gekriegt. "Ich sehe bei Silvio eine gewisse Entwicklung", sagt Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar: "Er hat erkannt, dass man sich über die Mannschaft definiert, nicht über den Einzelnen."

Über diesen Teamgeist freut sich natürlich auch der Bundestrainer. Ist ja immer gut, wenn die Mannschaft im Vordergrund steht, das ist nämlich auch das Credo von Heuberger. "Martin ist sehr kommunikativ. Vor den Spielen findet er immer die richtigen Worte und weiß, bei wem er welchen Knopf drücken muss", lobt Spielmacher Michael Haaß seinen Chef, der flache Hierarchien pflegt und doch großen Respekt genießt. Heuberger versteht sich voll und ganz als Teamplayer. "Ich spreche alles mit der Mannschaft durch. Dann entwickeln wir gemeinsam die Dinge, die wir umsetzen wollen. Die Jungs müssen sich mit den Vorgaben ja auch wohlfühlen", erklärt der Bundestrainer, der zunehmend an Profil gewinnt und langsam aus dem langen Schatten seines Vorgängers Heiner Brand zu treten scheint.

Brand stand jahrelang für den deutschen Handball. Er war Weltmeister als Spieler (1978) und als Trainer (2007). Auch sein Schnauzer machte ihn zur Ikone. In Serbien aber findet Brand kaum statt. Er sitzt auf der Tribüne und hält sich in seiner neuen Rolle als Manager des Deutschen Handballbundes (DHB) zurück. Heuberger und seiner Mannschaft gehört die Bühne. Und das Team feiert mit Willen, Selbstvertrauen und Leidenschaft starke Auftritte. "Der Trainerwechsel im vergangenen Sommer war auch ein Neuanfang", sagt Abwehrchef Oliver Roggisch.

Heuberger ist ein Mann, der seiner Linie treu bleibt. "Ich habe meinen Weg und den habe ich von Anfang an beschritten", sagt der Schutterwalder, der schon die deutschen Junioren zu je zwei WM- und EM-Titeln führte. Heuberger hat einen Plan und trifft mitunter gewagte Personalentscheidungen. Mutige Maßnahmen, erfolgreiche Maßnahmen. Oder einfach: Heubergers Händchen. Zumal der Coach es hinbekommt, dass von keiner Seite auch nur der Hauch eines Murrens zu vernehmen ist. "Unsere Stärke ist die mannschaftliche Geschlossenheit", sagt Heuberger immer wieder. Seine Spieler wissen, dass er es ernst meint.

Heißer Kampf um Olympia

Qualifikation: Nach dem Vorrunden-Aus Russlands und Norwegens streiten neben der deutschen Mannschaft noch vier weitere Teams bei der Handball-EM in Serbien um eines der beiden Tickets für ein vorolympisches Qualifikationsturnier. Serbien, Polen, Mazedonien aus der deutschen Hauptrundengruppe 1 sowie Slowenien in der zweiten Gruppe hoffen noch auf die Teilnahme an den Olympischen Spielen in London. Die drei Qualifikationsturniere werden Anfang April ausgetragen.

5 Mannschaften sind bereits sicher für die Olympischen Spiele qualifiziert. Nach Weltmeister Frankreich, Gastgeber Großbritannien, Argentinien und Südkorea hat nun auch Tunesien das Ticket für das Zwölferfeld in London gelöst, weil es im Finale der Afrikameisterschaft mit 23:20 (12:6) gegen Algerien gewann. Durch die Final-Teilnahme sicherte sich Algerien einen Platz in einem der drei vorolympischen Qualifikationsturniere. Gegner der Algerier sind dort nach aktuellem Stand Dänemark, Ungarn und das beste noch nicht für Olympia qualifizierte Team der zurzeit laufenden Europameisterschaft in Serbien.

Quelle: BM
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