Handball
Füchse dürfen wieder auf Europa hoffen
Bei den Rhein-Neckar Löwen in karlsruhe haben die Füchse Berlin überraschend deutlich gesiegt - und das eröffnet dem Berliner Handballteam neue Perspektiven.
Von Alexandra Gross
Silvio Heinevetter ist ein Mann der großen Emotionen. Gestenreich begleitet der Torhüter der Füchse Berlin jeden Angriff seiner Teamkollegen und schreit sie nach vorn. Wenn er selbst einen Wurfversuch des Gegners vereitelt, ballt er die Hand zur Faust und berauscht sich am guten Gefühl der akrobatischen Parade. Im Bundesligaspiel bei den Rhein-Neckar Löwen kam nun eine ganz neue Erfahrung hinzu. Heinenvetter musste seine Augen ein ums andere Mal mit der Hand vor der tief stehenden Nachmittagssonne schützen. "Ich habe ab Mitte der zweiten Halbzeit keinen Ball mehr gesehen", sagte der 25-Jährige, dessen Ärger sich freilich in Grenzen hielt. Und die Beeinträchtigung offenbar auch, denn der Nationaltorhüter ebnete mit einer überragenden Leistung den 33:26 (14:13)-Erfolg der Berliner.
Als die Sensation perfekt war, jubelte Heinevetter ausgelassen mit seinen Mannschaftskameraden. "Wir wussten von Anfang an, dass wir hier nicht chancenlos sind", sagte der Schlussmann, "uns war klar, dass das hier eine Überraschung werden kann, wenn wir kämpfen." Bereits das Hinspiel gegen die von SAP-Milliardär Dietmar Hopp unterstützten Löwen hatten die Füchse gewonnen (33:28). Nun also der zweite Coup gegen die Badener.
"So abgezockt gespielt - das war große Klasse"
"Ein Riesenlob an die Mannschaft, sie hat großartig gekämpft und keine Nerven gezeigt", freute sich Trainer Dagur Sigurdsson. Der Isländer hatte gegen die Löwen eine offensive Abwehr aufs Feld geschickt und sich damit für die richtige Taktik entschieden. Zudem kauften die Berliner den hochbezahlten Gastgebern mit gut herausgespielten Treffern den Schneid ab. Neben Heinevetter brillierte der erst 19 Jahre alte Johannes Sellin auf Rechtsaußen. Er leistete sich keinen Fehlwurf, war mit acht Treffern neben Michal Kubisztal bester Berliner Schütze. Sehr zur Freude von Geschäftsführer Bob Hanning, der die Partie von seinem Kurz-Urlaub aus in Spanien verfolgte: "Das sind Momente, für die du im Sport lebst. Johannes hat so abgezockt gespielt, das war große Klasse." Dagur Sigurdsson bedachte die Leistung des Youngsters gar mit dem Wort "sensationell".
Sellin hat sich voll und ganz reingehauen – wie alle anderen Füchse-Spieler. Auch jene, die den Verein im Sommer verlassen werden wie Kjetil Strand, Mark Bult und Rico Göde. "Wir haben zurzeit einen sehr guten Lauf", sagt Sigurdsson, "in Berlin wächst gerade eine richtig gute Mannschaft zusammen." Und Hanning ist einfach nur noch stolz: "Die Mannschaft verdient meinen allerhöchsten Respekt."
In den letzten neun Bundesligapartien gingen die Füchse acht Mal als Gewinner vom Platz, der Erfolg gegen den Rhein-Neckar Löwen war der vierte Sieg in Folge. Zwei Spieltage vor Schluss der Handball-Bundesliga dürfen die Berliner nun sogar hoffen, sich vom neunten Rang womöglich noch bis auf Platz sieben zu verbessern. Dort steht mit zwei Punkten Vorsprung der TBV Lemgo, Achter ist der TV Großwallstadt. Dieser Rang kann im besten Fall sogar zur Teilnahme am europäischen Wettbewerb reichen, allerdings ist das stark abhängig vom Abschneiden der Konkurrenz. Silvio Heinevetter ist skeptisch. "So viel wird nicht mehr gehen. Wir gucken uns nicht an, was die anderen machen." Auch Dagur Sigurdsson hält sich bedeckt. "Wir werden nicht anfangen zu rechnen", beteuert der Coach, räumt aber auch ein: "Unser Lauf spricht derzeit grundsätzlich für sich."
Die Ehre der Sportstadt Berlin retten
Bei den Diskussionen um das mögliche Erreichen eines Europapokalplatzes behält Hanning einen klaren Kopf. "Natürlich sind die Möglichkeiten da, und wenn es tatsächlich schon in der dritten Bundesligasaison für uns dafür reichen sollte, werden wir es nicht ablehnen", sagt der 42-Jährige. "Es wäre doch schön, wenn wir als Füchse die Ehre der Sportstadt Berlin retten würden, nachdem Hertha abgestiegen ist und Alba und die Eisbären bereits im Play-off-Viertelfinale gescheitert sind." An Rechenspielen will er sich jedoch auch nicht beteiligen. Nur soviel: "Wir haben es nicht selbst in der Hand."
Damit der Sprung nach Europa gelingt, müssen folgende Situationen eintreten: Die Füchse müssen ihre restlichen zwei Spiele gewinnen, am Ende einen Punkt mehr haben als der TV Großwallstadt. Gummersbach und Lemgo müssen den Pokal der Pokalsieger beziehungsweise den Pokal des europäischen Verbandes EHF gewinnen. Nach den Hinspielen sieht es für beide Vereine sehr gut aus. Und die Rhein-Neckar Löwen dürfen nicht Dritter werden. Für Letzteres haben die Füchse mit ihrem Sieg über die Rhein-Neckar Löwen immerhin selbst gesorgt.
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