Handball
Füchse rechnen sich Mini-Chance gegen Kiel aus
Im Halbfinale der Champions League ist der THW ganz klar in der Favoritenrolle. Die Berliner hoffen nun auf ein Wunder.
Die zwei Worte sind wohl gewählt und zeugen von einem unerschütterlichen Vertrauen in die eigene Stärke. "Krönt Euch", steht auf dem T-Shirt, das der THW Kiel eigens für das Final Four der Champions League am Wochenende in Köln produzieren ließ. Und Alfred Gislason, Trainer des Handball-Bundesligaklubs, lässt keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieses Vorhabens. "Dieses Turnier ist größer als die Olympischen Spiele, es ist der Höhepunkt dieser Saison für uns – und wir wollen den Titel." Doch auch die Füchse Berlin, Kiels Gegner im ersten Halbfinale heute in der mit 20.000 Zuschauern ausverkauften Lanxess-Arena (15.15 Uhr, live bei Eurosport), machten vor dem Anwurf in Textil. "Das Wunder geht weiter…mal wieder", bringt der Spruch die Gefühlslage der Berliner auf den Punkt.
Brand glaubt an Norddeutsche
Mit dem Gewinn der Champions League wollen die Kieler ihre Mission vom Tripel erfolgreich beenden. Den deutschen Meistertitel hat sich der Nordklub bereits vorzeitig gesichert und bislang nicht einen einzigen Zähler in der Beletage des deutschen Handballs abgegeben, ebenso souverän gelang der Sieg im Pokal. Jetzt soll also die Krönung in Köln erfolgen, um dann am 2. Juni auf dem Kieler Rathausbalkon den Fans alle drei Trophäen präsentieren zu können. "Wir sind der THW. Wir sind immer titelgeil", sagt Rückraumspieler Kim Andersson. Bereits zweimal konnten sich die Kieler die europäische Handballkrone aufsetzen, 2007 und 2010. "Meine Spieler sind mit den Gedanken schon seit einiger Zeit hier", sagt Gislason und stuft die Champions League "wichtiger als die Meisterschaft" ein. Der frühere Bundestrainer Heiner Brand jedenfalls glaubt an den Durchmarsch des Nordklubs. "Sie haben das Sieger-Gen. Ich bin sicher, dass die Kieler das Final Four dominieren werden", sagt der Gummersbacher. Das zweite Halbfinale bestreiten Debütant AG Kopenhagen und der dreimalige Cupsieger Atletico Madrid (18 Uhr), die Finalspiele steigen am Sonntag.
Gegen die Füchse ist Kiel natürlich der große Favorit. Eine Rolle, die der THW gut kennt, ebenso wie die Füchse jene als Jäger, wenn es gegen den Branchenprimus geht. Trotz der überragenden Saison, die Kiel gespielt hat, rechnen sich die Berliner aber sogar eine kleine Chance aus. Und das, obwohl sie in der laufenden Spielzeit schon dreimal gegen den THW verloren haben, "aber in einem Spiel, in dem es um alles geht, kann man Kiel schlagen", sagt Berlins Torhüter Silvio Heinevetter. Ähnlich sieht es Geschäftsführer Bob Hanning: "An einem bestimmten Tag, an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit ist auch die Überraschung gegen den großen THW Kiel möglich. Man muss uns nur lassen. Ich glaube, dass wir in Köln auf jeden Fall den Sympathiebonus des Underdogs auf unserer Seite haben. Und träumen ist bei uns ausdrücklich erlaubt." Dabei erkennt der Manager die Favoritenrolle des Gegners an, aber man fahre ja nicht nach Köln, um freiwillig abzuschenken. "Wir haben den Anspruch, Kiel zu ärgern."
Mit breiter Brust
Während Kiel seit vielen Jahren den Handball hierzulande dominiert – der Verein ist deutscher Rekordmeister und Rekord-Pokalsieger – können die Füchse noch keinen Titel vorweisen. Mit der direkten Qualifikation für die Champions League hat sich die Mannschaft von Trainer Dagur Sigurdsson aber vergangene Saison zu einem Spitzenklub entwickelt, auch in dieser Spielzeit agieren die Berliner auf konstant hohem Niveau und haben sich mit dem Einzug ins Final Four einen großen Traum erfüllt. "Das ist das Wunder vom Wunder vom Wunder", sagt Hanning. Im Achtelfinale warfen die Berliner den Deutschen Meister HSV Hamburg aus dem Rennen, eine Runde später holten sie gegen Ademar Leon sensationell einen Elf-Tore-Rückstand auf. Aufgrund dieser jüngsten Erfolge treten die Füchse mit breiter Brust an. "Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Wir spielen einfach das, was uns in dieser Spielzeit so erfolgreich gemacht hat", sagt Nationalspieler Heinevetter.
Mit dem Franzosen Thierry Omeyer steht im Tor der Kieler ebenfalls ein Ausnahmekönner. Er ist einer von zahlreichen Weltstars, die Trainer Gislason aufbieten kann. Mit Kim Andersson, Filip Jicha, Momir Ilic oder Daniel Narcisse stehen im THW-Kader so viele internationale Top-Spieler wie nirgendwo anders im Klub-Handball. Allerdings, und das monierte in seiner Amtszeit schon Weltmeister-Trainer Heiner Brand, kommen die deutschen Spieler dabei viel zu wenig zum Zug. Im Gegensatz zu den Füchsen, wo verstärkt auf deutsche Spieler gesetzt wird. Und die Personalpolitik zeigt Wirkung, so stehen mit Sven-Sören Christophersen, Markus Richwien, Johannes Sellin und Silvio Heinevetter gleich vier Berliner im Aufgebot der A-Nationalmannschaft für das WM-Play-off im Juni gegen Bosnien-Herzegowina. Vom Rekordmeister Kiel wurde lediglich Dominik Klein nominiert.
Wichtigstes Spiel der Karriere
Auch ein Blick auf die Saison-Etats verrät rasch, dass zwischen beiden Vereinen wirtschaftlich Welten liegen. Die Füchse stoßen mit ihrem Budget an die Grenze von fünf Millionen Euro, in Kiel sollen die Ausgaben sich auf zwölf Millionen Euro belaufen. Neid empfinden die Berliner gegenüber dem THW aber nicht, Respekt trifft es eher. Trainer Dagur Sigurdsson sagt: "Für mich ist das Halbfinale gegen Kiel das wichtigste Spiel meiner Karriere. Und Kiel ist vielleicht die beste Handball-Mannschaft aller Zeiten." Ärgern wollen die Füchse den THW heute in Köln aber trotzdem.
















