24.02.13

Nascar-Unglück

"Es war wie im Krieg. Überall flogen Teile herum"

Nach dem Crash mit 32 verletzten Nascar-Fans ist eine Debatte über die Sicherheit der Fans entbrannt. Während die Piloten bestens geschützt sind, zerfetzten umherfliegende Trümmerteile den Fangzaun.

Von Simon Pausch
Quelle: Reuters
24.02.13 0:40 min.
Bei einem Autorennen in den USA sind am Samstag mindestens 28 Zuschauer und ein Fahrer verletzt worden. Bei dem Massencrash waren zehn Wagen während des Rennens in Daytona ineinandergekracht.

Als die Schwerverletzten versorgt waren, stand der Fahrer des Abschleppwagens des Daytona International Speedways vor einem Problem. Beim Versuch, den verkohlten Nascar-Boliden von Kyle Larson an seinen Haken zu nehmen, merkte er, dass da nichts mehr war, woran er den Haken hätte befestigen können.

Stoßstange, Motorhaube, Getriebe, im Prinzip das ganze Auto jenseits der Frontscheibe lagen in 1000 Fetzen hinter dem Zaun, der angeblich die Sicherheit der Zuschauer gewährleisten sollte. Mit Hilfe von Seilen und im Schritttempo zerrte der Abschleppwagen den blechernen Schrotthaufen später vom Asphalt.

Zu dem Zeitpunkt lag die Zahl der unmittelbar Betroffenen des spektakulären Unfalls beim 300-Meilen-Rennen in Florida noch bei einem guten Dutzend, später wurde sie auf 32 korrigiert. Zwei der Verletzten sollen in Lebensgefahr geschwebt haben. Insgesamt zwölf Autos hatten sich in der Schlussrunde ineinander verkeilt, das von Larson hatte abgehoben und wie ein bunt lackiertes Schrapnell den Fangzaun zerfetzt.

Umherfliegende Trümmerteile

Die Zuschauer auf den Rängen im unteren Bereich der Zielgerade waren den umherfliegenden Trümmerteilen quasi schutzlos ausgesetzt. "Es war wie im Krieg", schilderte ein Augenzeuge, der unversehrt blieb: "Überall flogen Teile herum, überall war Rauch. Eltern schrien nach ihren Kindern. Es war furchterregend." Ein Rad mitsamt Aufhängung fand sich in Reihe 40 auf der Tribüne.

Es ist der schlimmste Unfall in der populärsten amerikanischen Motorsportdisziplin seit dem Tod von Rennfahrer Dan Wheldon im Oktober 2011. Ums Leben kam diesmal wie durch ein Wunder niemand, weshalb die Veranstalter des legendären 500-Meilen-Rennens am Sonntag auf ein größeres Innehalten verzichteten. Die Strecke wurde wieder hergerichtet und neue Stahlseile für den Zaun wurden angefordert. "Wir sind bereit für das Rennen", sagte der Präsident des Daytona International Speedways, Joie Chitwood.

Stoßstange an Stoßstange bei Tempo 200

Immerhin verzichtete der Gewinner des Rennens auf eine opulente Siegerehrung. "Ich habe den Unfall im Rückspiegel gesehen", erzählte Tony Stewart: "Es ist schlimm, wenn die Fans mitbetroffen sind. So sehr ich auch gern feiern würde, so wichtig der Erfolg auch war, meine Sorgen um die Zuschauer sind gerade einfach größer."

Seine Ängste sind nicht unbegründet, denn mit der Karambolage von Daytona haben die Crashs bei Nascar-Rennen eine neue Dimension erreicht. Dass sich die Boliden, die mit Tempo 200 Stoßstange an Stoßstange ein Oval mit Steilkurven entlangrasen, irgendwann touchieren, ineinander verkeilen und gegenseitig von der Strecke rammen, ist durchaus kalkuliert. Zumal in der Schlussrunde, die in fast jedem Rennen über Sieg oder Niederlage entscheidet.

500.000 Aufrufe bei Youtube

Wie sehr derartige Crashs die Erwartungen der vornehmlich amerikanischen Fans erfüllen, zeigt die Tatsache, dass das Video beim Internetportal Youtube schon nach zwei Stunden später mehr als eine halbe Million mal angeschaut worden ist. Entsprechend viel wurde in der Vergangenheit für die Sicherheit der Fahrer getan, die auch in Daytona allesamt mit dem Schrecken davonkamen. Die Zuschauer jedoch kamen in diesen Bestrebungen bislang zu kurz.

Während die Besucher bei Formel-1-Wettbewerben oder anderen europäisch geprägten Autorennen das Geschehen meist aus großer Distanz verfolgen, können die Besucher der Nascar- oder Indycar-Serien quasi den Luftzug der vorbeirasenden Wagen auf ihren Sitzen spüren. Voraussetzung dafür ist ein blickdurchlässiger Zaun anstelle einer massiven Betonwand. "Es muss eine bessere Lösung geben", sagte Indy-Legende Dario Franchitti mit Blick auf die Proportionen: Während der Zaun sieben Meter hoch gen Himmel ragt, misst die vorgelagerte Mauer nicht einmal zwei Meter.

Fahrer besser geschützt als Zuschauer

In den vergangenen 15 Jahren wurde das Tempo bei Nascar-Rennen gedrosselt und die Infrastruktur der Strecken wurden angepasst: höhere Fangzäune, breitere Asphaltbänder, weitläufigere Auslaufzonen in den Innenraum des Ovals. Der Pilot wird durch einen Stahlrohrkäfig im Wageninnern geschützt, außerdem wurde die Zugkraft seines Sicherheitsgurtes erhöht.

Gemessen an den Sechzigern und Siebzigern, als bei jedem Autorennen auch eine gute Portion Lebensgefahr mitfuhr, sind die Piloten von heute geradezu komfortabel geschützt. Im Vergleich zu den Zuschauern sowieso.

Wucht der Nascar-Boliden kaum kontrollierbar

Ein Nascar-Wagen wiegt ungefähr zweieinhalbmal so viel wie ein Formel-1-Bolide. Die Trümmerteile, die über den Daytona International Speedway flogen, zerschnitten die zentimeterdicken, in einem Abstand von einem halben Meter parallel verlaufenden Stahlseile, als wären sie aus Papier.

Während bei einem vergleichbaren Unfall in der Formel 1, in der weit höhere Geschwindigkeiten erreicht werden, durch die eine modifizierte Bauweise der Autos kaum noch Trümmerteile umherfliegen, ist die Wucht der Nascar-Boliden kaum kontrollierbar. Bruchpilot Kyle Larson jedenfalls begab sich direkt nach der medizinischen Untersuchung in psychologische Betreuung.

Foto: REUTERS

Eine strahlende Siegerin: Danica Patrick startet bei den Daytona 500 von der Pole Position.

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