31.01.13

Nürburgring

"Der Mythos lebt" – Aber auf wessen Kosten?

Die Formel 1 kommt nun doch an den Nürburgring. Weltmeister Vettel und Chefpromoter Ecclestone loben die Historie der Strecke: "Dieses Erlebnis dürfen wir nicht aussterben lassen."

Von Simon Pausch
Foto: dpa
Formel 1 auf dem Nürburgring
So soll es auch im Jahr 2013 aussehen: Sebastian Vettel dreht seine Runden beim Grand Prix auf dem Nürburgring

Das erste Geburtstagsgeschenk erhielt Sebastian Vettel schon ein halbes Jahr zu früh. "Sehr wichtig" sei es, sagte der sichtlich erfreute dreimalige Weltmeister, dass die Formel 1 in diesem Jahr nach monatelangem Hin und Her nun doch in die Eifel komme: "Der Nürburgring ist jedem ein Begriff. Alles, was drum herum dazu gehört, ist ein Erlebnis. Dieses Erlebnis dürfen wir nicht aussterben lassen."

Vier Tage nach seinem 26. Geburtstag werden am 7. Juli die edlen Boliden über die Nordschleife kreiseln. Nicht nur Vettel dürfte das mehr überrascht haben als jedes andere Präsent.

Seit dem Bau eines Vergnügungsparks, der Investoren und Besucher in die strukturschwache Gegend locken sollte, stand der Nürburgring für eine fast schon groteske Pannenserie: Dutzende Millionen Euro wurden verbrannt, Minister mussten zurücktreten, Bauverantwortliche verklagten sich gegenseitig, im Juli 2012 folgte der Insolvenzantrag der staatlichen Betreiber-GmbH.

Was für Berlin der Flughafen und für Stuttgart der Bahnhof sind, ist für Rheinland-Pfalz der Nürburgring – eine Imagewunde, die nicht verheilen will. Mit dem Unterschied, dass besagter Freizeitpark längst fertiggestellt ist und die nicht funktionierende Achterbahn wie ein Mahnmal für den dilettantischen Umgang mit Steuermillionen in den Eifel-Himmel ragt.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sagte im Anschluss an ihre erste Regierungserklärung erleichtert: "Dass die Formel 1 erneut am Ring gastiert, ist ein klarer Beleg für die Attraktivität der Rennstrecke. Der Mythos Nürburgring lebt." Auf wessen Kosten, verriet sie nicht.

Etwa 350 Millionen Euro an Steuergelder

Zwar versicherten alle an dem Deal Beteiligten eilig, dass kein einziger Cent aus öffentlichen Kassen zur Finanzierung des teuren Motorsportspektakels aufgewendet werden müsse. Unter anderem aus diesem Grunde hatte Kurt Beck, Dreyers Amtsvorgänger, im Herbst ja seinen Rücktritt erklärt; etwa 350 Millionen Euro an Steuergeldern sind im Laufe der Jahre in das Projekt geflossen, ohne einen erkennbaren Fortschritt zu bewirken.

Wer nun in diesem Jahr für einen Verlust beim Formel-1-Rennen, das entweder als Großer Preis von Europa oder als Großer Preis von Deutschland firmieren wird, aufkommen müsste, ist unklar.

Und der ist zu erwarten. Zwar verzichtet Chefpromoter Bernie Ecclestone, der in Asien bis zu 40 Millionen Euro Leihgebühr von den Veranstaltern einstreicht, auf viel Geld und lobt stattdessen den historischen Wert des Nürburgrings: "Ich schätze seine Geschichte sehr. Auch heute stellt die Grand-Prix-Strecke höchste Anforderungen an Fahrer und Teams. Gern habe ich mich für die Austragung der Formel 1 am Nürburgring eingesetzt, um diese Traditionsstrecke weiterhin zu erhalten."

Wohl auch in Ermangelung europäischer Alternativen entschied er sich dafür, ein strategisch wichtiges Event im Motorsport-Kernmarkt Deutschland mit seinen drei Piloten zu erhalten. Wegen der späten Einigung und ohne Weihnachtsgeschäft droht den Veranstaltern jedoch ein Einbruch der Ticketerlöse. Die Marke von 50.000 Fans, die zur bisher letzten Auflage im Jahr 2011 zum Nürburgring kamen, scheint in weiter Ferne. Und schon damals beliefen sich die Verluste auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

Ecclestone ist der große Gewinner

Diese Tendenz hat sich seither nicht geändert, im Gegenteil. Mit Formel-1-Rennen verdient vor allem einer: Ecclestone. Die Ausrichter hingegen bleiben auf den Kosten sitzen, was in der Finanzkrise beinahe jeden europäischen Grand Prix ins Wanken gebracht hat. Spanien gönnt sich künftig nur noch ein Rennen statt zwei, Frankreich und die Türkei haben dankend abgewinkt, als es um einen Ersatzkandidaten für das US-Rennen vor der New Yorker Skyline ging.

Lediglich in steinreichen Zwergnationen wie den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Singapur rollen die zumeist staatlichen Veranstalter dem Vollgaszirkus noch bereitwillig den roten Teppich aus. Für sie ist die Formel 1 ein willkommener Partner beim Akquirieren internationaler Aufmerksamkeit. Auf zehn Millionen Euro mehr oder weniger kommt es dabei nicht an.

Zu den Gewinnern des Nürburgring-Deals gehören neben den Formel-1-Fans in Deutschland und Ecclestone, dem die Schmach einer Saison mit nur 18 Rennen erspart bleibt, auch die Betreiber der Strecke in Hockenheim. Seit 2009 wechseln sie sich dort mit dem Nürburgring ab, um die finanziellen Anstrengungen aufteilen zu können und jeweils zwei Jahre Zeit zu haben, neue Geldgeber für das nächste Rennen aufzutreiben. In Baden-Württemberg hatten sie sich daher bis zuletzt geweigert, als Ersatz für die zuletzt so miserabel wirtschaftenden Nachbarn einzuspringen. Aus Angst vor den horrenden Kosten eines Formel-1-Wochenendes.

Foto: pa/DPPI Media

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