13.12.12

Mercedes-Motorsport

Lahme Silberpfeile kosten Norbert Haug den Job

Nach 22 Jahren endet die Haug-Ära, die zuletzt durch das misslungene Formel-1-Comeback Michael Schumachers heftige Kratzer erlitt. Mercedes hat mit Aufsichtsrat Niki Lauda schon die Weichen gestellt.

Von Burkhard Nuppeney, Jens Bierschwale
Quelle: SID
13.12.2012 0:32 min.
Norbert Haug ist nicht mehr Sportchef von Mercedes. Der Vertrag mit dem 60-Jährigen werde zum Jahresende "in gegenseitigem Einvernehmen" aufgelöst, teilte der Konzern aus Stuttgart am Donnerstag mit.

Am Ende fand der Chef pathetische Worte für seinen Abschied. "Ich bedanke mich für über 22 Jahre bei der besten Automobilmarke der Welt", sagte Norbert Haug. "Diese Zeit hatte keine Sekunde ohne Leidenschaft für mich parat."

Die salbungsvollen Worte aber stellten am Tag seines Endes bei Mercedes nur die halbe Wahrheit dar. Haug, 60 Jahre alt und seit 1990 in verantwortlicher Position für den schwäbischen Autobauer tätig, muss gehen, weil die von ihm so gehuldigte Weltmarke auf dem wichtigsten Markt zuletzt versagte: Das 2009 euphorisch verkündete Comeback mit einem eigenen Team in der Formel 1 samt Rückkehr des Rekordweltmeisters Michael Schumacher geriet zum Fiasko.

Angetreten, um den Weltmeistertitel mitzufahren, gelang der Mannschaft von Haug nur ein einziger Grand-Prix-Sieg durch Nico Rosberg im April 2012 in Shanghai.

Anderweitig orientiert

Zu wenig für den ehrgeizigen Konzern, der sich im beiderseitigen Einvernehmen von seinem jahrelangen Vorkämpfer getrennt haben möchte. "Norbert Haug war über 20 Jahre lang das Gesicht des Motorsportengagements von Mercedes-Benz. Er hat für mich eine ganze Ära geprägt – und als Höhepunkt die erfolgreiche Rückkehr der Silberpfeile in die Formel 1 verantwortet", erklärte Daimler-Konzernchef Dieter Zetsche.

Längst schon allerdings hatte sich Mercedes in Sachen verantwortlicher Boss anderweitig orientiert. Im Herbst wurde Niki Lauda als Aufsichtsratschef des Formel-1-Teams installiert, seither gab es im Rennstall quasi vier Alphatiere, die um das Sagen kämpften: Zetsche, Haug, Lauda und Teamchef Ross Brawn. Auf Dauer wohl einer zuviel, wie sich nun zeigte.

Lauda selbst dementierte Donnerstagnachmittag, dass er etwas mit dem Aus von Haug zu tun hat. "Ich bin total überrascht und habe erst heute davon erfahren. Es tut mir sehr leid, denn ich hätte gern weiter mit Norbert gearbeitet", sagte er dem Fernsehsender Sky. Er habe stets ein gutes privates und Arbeitsverhältnis zu Haug gepflegt. Nach dem Schock wisse Mercedes noch nicht, "wie das Problem gelöst wird. Norbert wird dem Team absolut fehlen, denn er war für den Mercedes-Motorsport allein verantwortlich", sagte Lauda.

32 DTM-Titel unter Haug

Auch Haug bestritt am Donnerstag, dass Lauda möglicherweise Triebfeder des Abschieds gewesen sein könnte. "Ich möchte noch einmal nachdrücklich klarstellen, dass es eine Entscheidung ist, die der Vorstand und ich einvernehmlich und gemeinsam getroffen haben. Niki hatte damit absolut nichts zu tun", sagte der 60-Jährige. "Wir akzeptieren und respektieren uns wie in all den Jahren, und daran wird sich auch nichts ändern."

Zuletzt noch wähnte Haug die Seinen gut aufgestellt für die Zukunft. Bei seinem 60. Geburtstag vor drei Wochen erzählte er freimütig, dass er vollkommen motiviert sei für die kommende Saison und keine Amtsmüdigkeit spüre. Zum Abschied stellte der vormalige Chefredakteur der Zeitschrift "Sport Auto" noch einmal klar, dass "wir seit der Gründung unseres eigenen F1-Werksteams seit 2010 unsere eigenen Erwartungen mit einem Sieg 2012 noch nicht erfüllen" konnten, "aber die Weichen sind für Erfolge gestellt, und das Team und unsere Fahrer werden alles geben, diese zu erreichen". Haug wird aber allenfalls noch als Zuschauer verfolgen, ob seine Prognosen zutreffend sind.

Die Marke mit dem Stern verliert nach Michael Schumachers Karriereende vor einem Monat ihr zweites Motorsportgesicht. Sechs Formel-1-Weltmeistertitel und 87 Grand-Prix-Siege fallen immerhin in Haugs Verantwortung – alle zusammen mit anderen Partnern errungen. In der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM) gewann Mercedes unter Haugs Verantwortung 32 Titel. "Wir haben seit 1991 viel gewonnen und sehr viel erreicht, und mein Dank dafür gilt all meinen Kollegen", bilanzierte er.

Lauda führte Verhandlungen mit Hamilton

Im nächsten Jahr nun soll vieles besser werden im Team der Silberpfeile. Geschätzte 200 Millionen Euro pro Saison lässt sich der Stuttgarter Konzern das Formel-1-Engagement kosten, und 2013 wähnen sie sich mit dem neuen Fahrer Lewis Hamilton auch wieder aussichtsreich im Rennen.

Die Verhandlungen mit dem ehemaligen McLaren-Piloten aus Großbritannien führte zuletzt ohnehin schon Lauda erfolgreich zu Ende. Auch die Gespräche um das so genannte Concorde Agreement zwischen dem Automobil-Weltverband, den einzelnen Formel-1-Teams und der Formula One Administration verantwortete für Mercedes bereits der Österreicher.

"Keine Angst vor Langeweile"

Schon seinerzeit war die Machteindämmung von Motorsportchef Norbert Haug offensichtlich, auch wenn er selbst nichts davon wissen wollte und lakonisch anmerkte: "Bei uns gibt es keine Personality-Show. Wenn wir uns stärken können mit Kompetenz, dann ist das wunderbar und vollkommen richtig. Ich muss nicht auf dem Siegerpodest stehen. Ich kann mir auch mit einer Tasse Tee die Siegerliste ansehen, und wenn der richtige Name oben steht, dann habe ich ganz viel Freude."

Nun muss der Mann, der laut Branchenkennern "24 Stunden am Tag gearbeitet und immer 110 Prozent gegeben hat", wohl notgedrungen kürzertreten. "Ich habe 22 Jahre lang Mercedes gedacht, gefühlt, gerochen. Es gab nichts anderes für mich", gestand Haug am Tag seines Abschieds.

"Trotzdem habe ich keine Angst vor Langeweile. Ich werde Zeit für mich haben, Zeit für die Familie und meine Freunde." Und dann sei da ja noch sein großes Hobby – nicht die PS-Branche, sondern der Rock'n'Roll. Vielleicht, ja vielleicht, sagte Norbert Haug, werde es noch mal eine eigene Band in seinem Leben geben.

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