29.11.12

Formel-1-Serie

"Sebastian gibt sich nie mit Mittelmaß zufrieden"

Berliner Morgenpost-Serie, Teil zwei: Sebastians Vettels Mentor Helmut Marko, Ex-Rennfahrer und Motorsportberater von Red Bull, schreibt über den Start seines Schützlings in der Formel 1.

Foto: pa/dpa/EPA
Sebastian Vettel und Helmut Marko
Helmut Marko ist mitverantwortlich für Sebastian Vettels atemberaubende Karriere

Sebastian Vettel begann seine Formel-1-Karriere de facto bei BMW. 2006 hatte ich ihm einen Job als Testfahrer bei dem Rennstall besorgt. Doch sein Vertrag mit BMW enthielt die Klausel, dass wir im Falle eines Formel-1-Engagements von Red Bull und unter bestimmten Leistungskriterien jederzeit das Vorrecht gehabt hätten, Sebastian als Fahrer für unser eigenes Projekt einzusetzen.

Wir waren in erster Linie an seiner Karriere interessiert, daraus ergab sich diese Strategie. Hilfreich bei seiner sportlichen wie menschlichen Entwicklung war dabei sein Elternhaus. Das hat dabei geholfen, dass Sebastian trotz seines Siegeshungers und seines Ehrgeizes bis heute nüchtern und bodenständig geblieben ist.

Als Red Bull dann mit Toro Rosso und einem eigenen Team in die Formel.1 einstieg, war es folgerrichtig, dass wir Sebastian ab 2008 von BMW zuerst zu Toro Rosso und nach diesem kurzen Zwischenspiel 2009 endgültig zum Red-Bull-Team holten. Sein erster Grand-Prix-Sieg in Monza beim Großen Preis von Italien 2008 machte klar, dass seine Entwicklung auch in der Formel 1 nicht stehen bleiben würde. Mehr noch. Sein Sieg mit Toro Rosso schien Sebastian regelrecht Flügel zu verleihen.

Seine Leistungskurve steigt an

Monza gab ihm eine neue, bisher auch uns nicht bekannte Form der Selbstsicherheit und hat ihn mental noch stärker stabilisiert. Erstaunlich ist, dass seine Leistungskurve bei Red Bull bis heute ansteigt. In den vergangenen drei Jahren, den Jahren seiner drei WM-Titel, hat er noch intensiver dazugelernt. Er hat verstanden, dass er nur mit dem Rückenwind des Teams auf höchster Ebene fahren und Grands Prix gewinnen kann. Noch deutlicher ist ihm geworden, dass die Leute, mit denen er arbeitet, wahrnehmen, dass er das kapiert hat und mit seinen Möglichkeiten im Rennauto umsetzen kann.

Für mich hat sich Sebastian längst zu einem absoluten Weltklassefahrer entwickelt. Das mag in Anbetracht von drei WM-Titeln sehr naheliegend klingen, ist es aber nicht. Sebastian hat sich, allein in den vergangenen zwei Jahren, noch einmal unter der Berücksichtigung aller Fakten enorm gesteigert. Er macht kaum noch Fehler, hat sich weiter optimiert, ist mit seinen 25 Jahren noch routinierter geworden und fährt dadurch noch schneller, ohne dafür mehr Risiko eingehen zu müssen. Er nutzt das Material noch weniger ab als vorher schon.

Ein weiterer Grund für seine Entwicklung in den vergangenen Jahren war sicher auch die Betreuung durch das von Red Bull finanzierte und schon vor Jahren installierte Trainingscenter in Thalgau bei Salzburg. Seit seiner Zeit als BMW-Junior-Fahrer wird Sebastian dort, wie fast 600 andere Sportler betreut. Dort wird mit den verschiedensten Messmethoden gewährleistet, dass er seine optimale körperliche Verfassung hält. Dabei ist Sebastian von seiner Einstellung her kein typischer Kandidat für diese Einrichtung.

Sebastian ist topfit

Die meisten Rennfahrer fangen erst dann an richtig zu trainieren, wenn sie merken, dass sie massive körperliche Defizite haben. Das spüren sie vor allen Dingen, wenn sie in einen Formel-1-Rennwagen steigen. Sebastian hingegen war, was seine Fitnesswerte betrifft, schon immer auf einem sehr hohen Niveau für sein Alter.

Die Trainingsleistungen und Messergebnisse, die er ganz zu Beginn seiner Zusammenarbeit mit dem Red-Bull-Trainingszentrum abliefern konnte, waren extrem positiv. Für mich ist das ein klares Spiegelbild seiner Qualitäten als Rennfahrer. Ein weiterer Pluspunkt von Sebastian ist, dass er sich auf der technischen Seite ebenso fordernd gegenüber den Ingenieuren und dem Team verhält, wie er es in Bezug auf sich und seine Leistung hält.

Er ist kein Streber

Ich will es noch einmal betonen: Sebastian hatte diese Eigenschaften zwar schon ganz zu Beginn seiner Karriere gezeigt. Aber was er seither leistet, ist ein großer Sprung nach vorn. Damit meine ich nicht nur seine fahrerische Leistung und seine Erfolge. Er war auch ein mitdenkender Teil des Teams. Er war irrsinnig zielorientiert, weil er wusste, wie er sein einmal gestecktes Ziel am schnellsten erreicht.

Sein Weg in der Praxis war klar und einfach. Er dachte bei jedem Rennen darüber nach, wie er sich und das Team verbessern kann. Das war seine Rolle. Wir haben ihn dabei lediglich mit Soft- und Hardware unterstützt. Den Weg zum Erfolg musste er selbst gehen.

Eine weitere Erklärung für seine großen Erfolge lautet ohne Zweifel, dass Sebastian sich schon zu Beginn seiner Karriere nie mit Mittelmaß zufrieden gegeben hat. Ist er deswegen ein Streber, sozusagen ein Klassenprimus auf höchstem Niveau? Nein. Sebastian hat nur erkannt, auf was es ankommt. Dass es zu seinem Vorteil ist, wenn er die Angelegenheiten, die für ihn wichtig sind, umsichtig und mit Nachdruck angeht. Er war seinem Alter immer weit voraus.

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