24.11.12

Formel 1

Sebastian Vettel bleibt vor dem Duell mit Alonso ruhig

Der Druck ist groß - doch nervös ist der Weltmeister nicht. Sebastian Vettel über den Weg zum dritten Titel.

Foto: Getty Images

Immer auf das nächste Rennen fokussiert: Doppelweltmeister Sebastian Vettel
Immer auf das nächste Rennen fokussiert: Doppelweltmeister Sebastian Vettel

Exakt 305,909 Kilometer trennen Sebastian Vettel noch von seinem dritten Weltmeister-Titel in Folge in der Formel 1. Das ist nur eine Winzigkeit im Vergleich zu den bisher absolvierten gut 5000 Rennkilometern. Von besonderer Nervosität ist bei dem Hessen dennoch nichts zu spüren.

Morgenpost Online: Herr Vettel, für den Sonntag sind in Sao Paulo ergiebige Regenschauer angekündigt. Beunruhigt Sie das?

Sebastian Vettel: Das Team tut bei der Vorbereitung des Autos alles, was es kann. Mehr geht nicht. Im Rennen müssen wir dann damit leben, wie es ist. Ich habe auch bei Pirelli (Formel-1-Reifenlieferant, d.R.) nachgefragt, ob sie genügend Regenreifen vor Ort haben. Pirelli hat das bestätigt. Also habe ich keinen Grund zur Sorge.

Wie hoch schätzen Sie Ihre Chancen auf den dritten Titelgewinn in Folge ein?

Wir versuchen natürlich, das Optimum rauszuholen. Mehr können wir nicht tun. Wir schauen nur auf uns.

Selbst wenn Alonso gewinnen sollte, würde Ihnen Platz vier reichen. Werden Sie also ein taktisches Rennen fahren?

Ich glaube, das Geheimnis ist, das Rennen anzugehen wie jedes andere auch. Wir sind hier um anzugreifen. Offensichtlich sind wir dafür in einer guten Position.

Spüren Sie trotzdem einen erhöhten Druck, weil jeder den WM-Sieg erwartet?

Ja. Druck in einer solch besonderen Position zu empfinden, ist doch normal. Wir haben das ganze Jahr darum gekämpft, um in einer solchen Position zu sein. Es gibt also keinen Grund, sich zu beschweren, oder unglücklich darüber zu sein. Wir wollten uns das ganze Jahr in eine starke Position bringen. Jetzt haben war das bis zum entscheidenden Rennen geschafft.

Was würde es Ihnen bedeuten, nach einem Titelgewinn in einem Atemzug mit Michael Schumacher und Juan Manuel Fangio, die als einzige Piloten dreimal in Serie Weltmeister wurden, genannt zu werden?

Natürlich wäre das eine große Ehre, aber bisher habe ich ja noch nicht den dritten Titel geholt. Ehrlich gesagt, fällt es mir schwer, über einen Titel und dessen Auswirkungen auf mich und andere zu sprechen, wenn ich ihn noch nicht gewonnen habe. Im Übrigen bin ich nicht der Typ, der sich gerne mit anderen vergleicht.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an Schumacher und Fangio denken?

Beide sind Legenden im Motorsport!

Gibt es für Sie überhaupt den einen besten oder größten Rennfahrer der Geschichte?

Ich denke, den einen besten Rennfahrer gibt es nicht. Es gibt einige, die herausragende Leistungen gebracht haben. Man kann weder die Piloten noch die Zeit, in der sie aktiv waren, objektiv miteinander vergleichen. Jede Zeit hat ihre Helden.

Bernie Ecclestone hat kürzlich erklärt, dass Sie trotz Ihrer Erfolge nicht zu den charismatischen Fahrern wie James Hunt, Niki Lauda oder Ayrton Senna zählen. Ihre Generation würde sich zu sehr von ihren Teams bestimmen lassen und auch der Weltverband Fia versuche, Piloten stark zu konditionieren. Was halten Sie davon?

Schwer zu sagen. Ich weiß nicht genau, was Bernie mit seinem Kommentar gemeint hat. Grundsätzlich aber haben sich die Zeiten im Vergleich zu damals geändert. Die Freiheiten, die die Fahrer damals ausleben durften, haben wir heute nicht mehr. Bis zum vergangenen Wochenende war Keke Rosberg der letzte Formel-1-Sieger in Texas. Als er 1984 gewann, hat er auf dem Podium eine Zigarette geraucht. Ich bin mir nicht sicher, ob viele Leute heute über einen solchen Auftritt lachen könnten, wenn sie sich schon sehr kritisch mit der Frage beschäftigen, ob eine bestimmte sprachliche Formulierung auf dem Siegerpodest akzeptabel ist. Ich denke, unglücklicherweise ist es heute bei uns nicht mehr so einfach und relaxt wie in der Vergangenheit. Das hat wohl Auswirkungen auf das Benehmen der Fahrer.

Sie sind noch sehr jung, aber auch schon extrem erfolgreich. Wo ordnen Sie sich aufgrund ihrer bisherigen Leistungen in die Grand-Prix-Historie ein?

Ich spreche nicht gerne über mich selbst, das überlasse ich lieber anderen.

Sie haben den WM-Titel schon zweimal gewonnen. Erinnern Sie sich noch daran, was Sie gefühlt haben, als sie 2010 in Abu Dhabi erstmals Weltmeister wurden?

Das war schon etwas ganz Besonderes. Wahrscheinlich, weil es am Ende auch eine kleine Überraschung war. Grundsätzlich aber glaube ich, dass jeder WM-Sieg speziell ist. Dabei ist es egal, ob es der erste, zweite oder möglicherweise der dritte Titel ist.

Warum?

Jeder Sieg steht für sich und ist aus anderen Umständen heraus entstanden. Grundsätzlich aber ist der Gewinn einer WM für mich die größte Herausforderung. Einen WM-Titel zu holen, ist das größte Erlebnis. Es ist etwas Unfassbares. Das mag damit zusammen hängen, dass ich mir jedes Mal wieder beweisen will, dass ich dazu in der Lage bin, obwohl sich die Bedingungen immer verändern.

War diese Saison im Vergleich zu 2010 und 2011 aufgrund ihrer besonderen Dramaturgie besonders anstrengend für Sie?

Nein, jede Saison ist auf ihre eigene Art anstrengend, auch wenn das von außen vielleicht nicht immer so erscheint. Auch 2011 war eine harte Saison und es gab Probleme, die Außenstehende vielleicht gar nicht so bemerkt haben.

Was war für Sie die spannendste Erfahrung in den letzten drei Jahren in der Formel 1?

Jede Saison steht für sich. Es ist immer schwierig, egal wie es läuft. Ob dein Auto gut ist oder schlecht – du bist immer am Limit. Du willst und musst dein Bestes geben, du lebst immer nur in diesem einen Moment. Deshalb ist ein fairer Vergleich unmöglich. Eigentlich steht nur ein Parameter fest.

Welcher?

Die große Herausforderung anzunehmen, am Ende zu gewinnen. In der Formel 1 bedeutet das, den WM-Titel zu holen. Die größte Motivation ist dabei für mich, dass ich dafür kämpfen muss. Und zwar ein ganzes Jahr lang. Das klingt komisch, aber es wäre überhaupt keine Alternative für mich, zu Beginn einer Saison eine Art Vertrag zu unterschreiben, der mir am Ende den Titel garantieren würde. Eine Grand-Prix-Saison wie eine Art lange Reise zu erleben und dabei jedes einzelne Rennen als eine Art Station mit allen Höhepunkten und Schwierigkeiten wahrzunehmen, ist toll. Dieses Erlebnis gibt mir am Ende der Saison eine große, tiefe Genugtuung und ein wirklich gutes Gefühl.

Hatten Sie während der ersten Saisonhälfte, als Sie mit mehr als 40 Punkten hinter Alonso zurücklagen, jemals Zweifel an Ihrer Titelverteidigung?

Nein, Zweifel sollte man nie haben und schon gar nicht sein Ziel aufgeben. Ich war mental genauso aufgestellt wie zu Beginn der Saison und wie ich es jetzt noch bin. Ich glaube an das Team und an mich. Zusammen kämpfen wir für ein Ziel.

Wie beurteilen sie Ihren großen Rivalen Fernando Alonso als Rennfahrer und Mensch? Es gibt viele so genannten Experten, die ihn noch immer für den komplettesten Piloten halten.

Mit Sicherheit ist er einer der besten Rennfahrer, sonst wäre er nicht da, wo er jetzt ist. Komplett oder nicht komplett, das ist für mich schwer zu beurteilen, wo ich noch nie mit ihm im gleichen Team gefahren bin. Fernando hat es geschafft, zusammen mit Ferrari ein Auto auf die Beine zu stellen, mit dem man um den Titel fahren kann. Fernando ist eine große Herausforderung für mich – auch weil er über eine große Erfahrung verfügt.

Welche Beziehung haben Sie zu ihm?

Ich respektiere ihn. Aber ich kenne ihn nicht mehr oder weniger als die meisten anderen Fahrer im Fahrerlager.

Man hat als Außenstehender den Eindruck, dass sie mit Niederlagen schwer umgehen können. Wie schmerzhaft wäre es für Sie, wenn Sie heute nicht Ihren dritten WM-Titel gewinnen?

Es kommt drauf an, ob man Niederlagen selbst verschuldet hat oder nicht. Wenn ich sie selbst verschuldet habe, ärgert es mich natürlich und ich versuche, den gleichen Fehler nicht noch mal zu machen. Wenn es aber äußere Umstände sind, die ich nicht beeinflussen konnte, muss ich es akzeptieren. Lange kaue ich nicht auf solchen Sachen rum, sondern denke am Sonntagabend dann schon wieder ans nächste Rennen.

Was haben Sie 2012 als Mensch und Rennfahrer dazugelernt?

So speziell kann ich das gar nicht beantworten. Ich denke, man lernt nie aus.

Ist das Übertreffen der Rekorde von Michael Schumacher ein Ziel für Sie?

Ich denke, jeder geht seinen eignen Weg. Natürlich sind Michael und auch andere Rennfahrer Vorbilder. Aber am Ende will ich niemanden kopieren. Ich bin meine eigene Persönlichkeit.

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