23.11.12

Niki Lauda

"Vettel sollte in Sao Paulo auf Sieg fahren"

Ex-Weltmeister Niki Lauda spricht im Interview mit der "Welt" über die Chancen im Titelkampf, seinen Rat an Titelverteidiger Sebastian Vettel und den Vorwurf, dem Deutschen fehle Charisma.

Von Simon Pausch
Foto: dpa
Niki Lauda
Dreimal war Niki Lauda Formel-1-Weltmeister: 1975, 1977 und 1984. Sein letzter Triumph ging als knappster in die Geschichte ein: Nur 0,5 Punkte lag er vor Alain Prost

Seit Mitte März liefern sich Sebastian Vettel und Fernando Alonso einen elektrisierenden Zweikampf um den WM-Titel. Am Sonntag fällt die Entscheidung. Ex-Weltmeister und TV-Experte Niki Lauda (63) beantwortet die wichtigsten Fragen zum großen Finale.

Die Welt: Herr Lauda, was spricht im Saisonfinale für Sebastian Vettel und was für Fernando Alonso?

Niki Lauda: In meinen Augen spricht alles für Vettel. Noch wichtiger als sein Punkte-Vorsprung ist dabei die Tatsache, dass er im besseren Auto sitzt. Der Red Bull wird in Sao Paulo zwischen drei und fünf Zehntelsekunden pro Runde schneller sein als der Ferrari. Erfahrungsgemäß entspricht das dem Unterschied zwischen der ersten und dritten Startreihe.

Die Welt: Wer von beiden hat den größeren Druck?

Lauda: Der Druck, der auf Alonso lastet, ist natürlich viel größer. Er muss trotz eines Materialhandicaps versuchen, alles aus seinem Auto herauszuholen, darf bloß keinen Fehler machen und muss möglichst auch noch der Schnellste sein. Dieser Druck ist mörderisch. Für Vettel ist es etwas leichter. Er kann sich vom ersten Moment an auf sein überlegenes Auto verlassen und ganz entspannt versuchen, auf die Pole Position zu fahren.

Die Welt: Und wer kann mit dieser Situation besser umgehen?

Lauda: Beide sind absolute Vollprofis. Trotzdem glaube ich, dass Alonso in dieser Extremsituation einen leichten Vorteil hat.

Die Welt: Warum?

Lauda: Er lebt schon die ganze Saison damit. Seit einem Jahr fährt er mit einem unterlegenen Auto immer wieder hervorragende Plätze heraus. Er ist diese Konstellation gewohnt. Vettel war nur in Abu Dhabi in der Situation, von hinten aufholen und alles aus sich herausholen zu müssen.

Die Welt: Die Vorhersagen prophezeien für das Rennen Schauerwetter.

Lauda: Wetterkapriolen sind neben technischen Problemen bei Red Bull die einzige Chance für Alonso. Das Leistungsverhältnis der Autos ist bei trockenen Bedingungen anders als bei nassen. Es kann also durchaus sein, dass sein Ferrari im Regen plötzlich genauso schnell ist wie Vettels Red Bull. Verläuft das Rennen normal, macht es Sebastian Vettel.

Die Welt: Fährt man als Formel-1-Pilot eigentlich anders, wenn man weiß, dass Platz vier schon zum Titel reicht?

Lauda: Wenn man vor solchen Rennen den Helm aufsetzt, sagt man zu sich selbst: Heute mache ich sicher keinen Fehler. Vom letzten Mechaniker bis zum Rennfahrer ist sich jeder der Situation und seiner Verantwortung darin bewusst. In diesem entscheidenden Rennen muss man sich regelrecht zwingen, keinen Fehler zu machen.

Die Welt: 2010 hat Vettel gezeigt, dass er den Titel im letzten Rennen an sich reißen kann. Damals holte er 15 Punkte Rückstand auf. Jetzt hat er 13 Zähler Vorsprung. Ist das miteinander vergleichbar?

Lauda: Eigentlich nicht. Vettel wird wie immer versuchen, das Rennen zu gewinnen. Sollte er am Sonntag merken, dass mehr als Platz drei nicht möglich ist, wird er versuchen, das Ergebnis konservativ nach Hause zu bringen. Wenn er nicht von Beginn an auf Sieg fährt, ist das demotivierend für das ganze Team. Er muss dieses Rennen angehen wie jedes andere auch und alle – sich eingeschlossen – unter maximale Spannung setzen. Von vornherein zu sagen, dass ein vierter Platz reicht, würde nur zu Nachlässigkeiten und Fehlern führen.

Die Welt: Bernie Ecclestone hat Vettel vorgeworfen, ihm fehle im Gegensatz zu den Fahrern Ihrer Generation Charisma. Hat er Recht?

Lauda: Man muss zwischen meiner aktiven Zeit und der heutigen Formel 1 klar unterscheiden. Die Menschen entwickeln sich weiter, die Sportarten ebenso. Übertragen auf die Formel 1 heißt das: Die Autos, die Rennstrecken, die Sicherheit sind nicht mehr damit zu vergleichen, wie sie früher waren. Als ich noch aktiv war, war das Risiko, sich umzubringen, sehr groß. Fast jedes Jahr hat es Tote gegeben. Gott sei Dank hat sich das geändert. Das führt jedoch automatisch dazu, dass Formel-1-Fahrer andere Menschen geworden sind.

Die Welt: Also kann Vettel mit drei Titeln hintereinander genauso zur Legende werden wie die Seriensieger vor ihm?

Lauda: Sollte er das schaffen, wäre das eine unglaubliche Leistung. Das heißt aber nicht, dass die jungen Piloten je so sein können wie wir Alten. Der Einzige, der momentan etwas heraus sticht, ist Kimi Räikkönen. Der sagt in Interviews einfach, was ihm gerade einfällt. Oder gar nichts (lacht). Er ist einer der Unterhaltsamsten.

Die Welt: Vettel ist nicht unterhaltsam?

Lauda: Doch, ich finde zum Beispiel seine Interviews auch lustig und richtig in ihrer Aussage. Und wenn ich die sportliche Leistung beurteile, kann ich nur sagen, dass er einer der Weltbesten ist.

Wer ist jüngster Formel-1-Weltmeister aller Zeiten?
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