19.11.2012, 10:11

Formel 1 Während Alonso feixt, nagt an Vettel der Frust

Mo, 19.11.2012, 11.03 Uhr

Es war alles schon angerichtet für eine erneute Weltmeister-Feier in Heppenheim, der Heimatstadt von Sebastian Vettel: Doch Formel-1-Spitzenreiter Vettel hat in Austin den vorzeitigen Sieg verpasst.

Video: Reuters
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Von Simon Pausch

Obwohl Sebastian Vettel seinen Vorsprung ausgebaut hat, wähnt sich Fernando Alonso als Gewinner. Vor dem Finale in Brasilien bereitet Vettel ein längst für gelöst gehaltenes Problem zusätzlich Sorgen.

Ihre vorbereiteten T-Shirts zogen sie trotzdem an. Etwa eine Stunde nach Sebastian Vettels zweitem Platz beim Großen Preis der USA versammelte sich die Red-Bull-Crew noch einmal in der untergehenden texanischen Sonne und posierte feierlich uniformiert für die Fotografen. Die Schieflage von Sebastian Vettels Kopf, mit der er zuvor durch die Boxengasse geschlurft war, hatte ja fast vergessen lassen, dass der österreichische Rennstall trotzdem etwas zu feiern hatte vor der Weiterreise nach Brasilien.

Zum dritten Mal hintereinander sicherte sich Red Bull die Meisterschaft der Formel-1-Konstrukteure. "Das ist eine Leistung, die nur sehr, sehr wenige in diesem Sport geschafft haben", stellte Teamchef Christian Horner deswegen klar: "Wir haben allen Grund, stolz zu sein."

Auch sein prominentester Pilot war penibel darauf bedacht, diese historische Mannschaftsleistung im Moment der eigenen Ernüchterung zu honorieren. "Heute ist ein großer Tag. Ich freue mich riesig für die Jungs, die hier immer wieder so einen großartigen Job machen", sagte Vettel. Allerdings war er vorher nach dem sich zuspitzenden Kampf mit Fernando Alonso in der Fahrer-Wertung gefragt worden. Seine ausweichende Antwort war ein guter Indikator dafür, wie sehr der Frust über die verpasste vorzeitige Entscheidung an ihm nagte.

Eine einzige Einladung habe man an McLaren-Pilot Lewis Hamilton verteilt, klagte Vettel später: "Die hat er dann dankend angenommen." Selten hat ein Pilot aus seiner Unterlegenheit in Training und Qualifying – teilweise war der Brite mehr als eine Sekunde pro Runde langsamer als der amtierende Weltmeister – so viel Kapital geschlagen. "Das war vermutlich das schönste Grand-Prix-Wochenende der ganzes Saison", jubelte der Überraschungssieger: "Hier zu gewinnen, ist etwas ganz Besonderes."

Bereits das ganze Wochenende über hatte der 27-Jährige betont, wie gut ihm die Dienstreise über den Atlantik gefallen habe. Im Rennen ließ er dann Taten sprechen. "Ich habe den Sieg mehr gewollt als Sebastian", sagte er. Vielmehr war es wohl so, dass der Deutsche keine Kollision riskieren wollte und stattdessen lieber die 18 WM-Punkte für Rang zwei einsackte.

Nebenbei wahrte Hamilton mit seinem vierten Saisonsieg (einer mehr als Alonso) auch seine Chance, doch noch Gesamt-Dritter zu werden. Sein Rückstand auf den in Austin sechstplatzierten Kimi Räikkönen beträgt vor dem Showdown in Brasilien 16 Punkte.

Vor dem Finale hat Alonso 13 Punkte Rückstand

Alonsos Rückstand auf Vettel umfasst 13 Zähler. Das sind zwar immer noch drei mehr als vor dem Rennen, und überhaupt lag er in dieser Saison nie weiter hinter Vettel zurück. Trotzdem schöpft der Spanier große Zuversicht aus dem für ihn nahezu perfekt verlaufenen Rennen.

Gewinnt er in Brasilien, und kommt Vettel nicht unter die ersten Vier, ist der Mann aus Oviedo zum dritten Mal Weltmeister. Das Podest darf er jedoch selbst im Falle eines Ausscheidens des deutschen Titelverteidigers nicht verfehlen. Alonso steht vor einer hohen Hürde. Doch dass er beim Saisonfinale überhaupt noch eine Chance hat, ist das Maximum, das er erreichen konnte.

"Meine Chance beträgt auf dem Papier vielleicht 25 Prozent", sagte Alonso verschmitzt, als er nach dem Rennen zurück in die Ferrari-Box stiefelte: "Aber für mich fühlt sie sich viel größer an. Wer weiß, vielleicht regnet es. Diese Saison hat gezeigt, dass alles passieren kann. Und wir haben schließlich nichts zu verlieren."

Regenwahrscheinlichkeit: 99 Prozent

Die für den kommenden Samstag vorhergesagte Regenwahrscheinlich beträgt zur Zeit des Qualifyings 99 Prozent, für das Rennen sind 60 Prozent angekündigt. Alles, was einen regulären Ablauf stören könnte, ist gut für den Spanier, der auch in Brasilien im unterlegenen Auto sitzen wird. In Austin lag er am Ende mehr als eine halbe Minute hinter Vettel – das sind Welten in der Formel 1.

Als Christian Horner später am Nachmittag zur Analyse bat, wirkte er sehr aufgeräumt. "Es ist wichtig, dass wir als Führende in das Finale gehen", sagte er mit ruhiger Stimme: "Das gibt uns mehr Möglichkeiten." Er wirkte sehr bemüht, den Eindruck der Enttäuschung bei Red Bull nicht noch zu verstärken. Gemeinsam mit seinem Teamkollegen Mark Webber müsse Vettel nur dafür sorgen, dass Alonso nicht zu weiter davonzieht, oder im besten Fall hinter ihm bleibt. So einfach ist das mit dem WM-Hattrick.

Darüber hinaus spricht auch die Statistik für Horners Fahrer: 2010 gewann Vettel im Autodromo Jose Carlos Pace, die letzten drei Siege auf dem fordernden Kurs gingen allesamt an Red Bull. Alonso hingegen hat in seiner Karriere noch nie in Brasilien triumphiert. Dass Vettel die ersten vier Positionen verpasste, ist auch schon mehr als zwei Monate her: In Monza musste er wegen der Überhitzung der Lichtmaschine aufgeben. Der Gedanke daran dürfte dem Heppenheimer jedoch einige Kopfschmerzen bereiten. Wegen des identischen Defekts schied in Austin nämlich sein Stallgefährte Webber aus.

"Einige Sorgen wegen der Zuverlässigkeit"

"Sicher gibt es bei uns jetzt einige Sorgen wegen unserer Zuverlässigkeit", gestand der Australier anschließend. Schon vor dem Großen Preis von Singapur hatte die Teamspitze ihren Motorenlieferanten Renault dazu aufgefordert, den Hersteller des Licht-Aggregats zu wechseln. Das geschah nicht, stattdessen wurde ein Modell aus einer älteren Serie in die Autos eingebaut.

Seitdem schien das Problem, das vor allem bei einer zu geringen Kühlung durch Fahrtwind bei Höchstgeschwindigkeit auftritt, behoben. In Texas kam nun wieder das neuere Modell zum Einsatz – prompt traten die Probleme wieder auf. "Die Zuverlässigkeit ist eine heikle Sache", sagte Red-Bull-Designer Adrian Newey: "Renault hat noch keine Lösung für das Problem gefunden." Viel Zeit bleibt ihnen nicht mehr dafür. Dem britischen Fernsehsender "Sky" sagte Newey: "Es ist eine tickende Zeitbombe."

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