18.11.2012, 11:09

Rennen in Texas Formel 1 und USA ist wie eine komplizierte Ehe

Formel 1 2012 - GP USA

Foto: pa/Panimages

Von Simon Pausch

In mehr als 50 Jahren hat die Formel 1 in den USA nicht Fuß fassen können. Die Gründe sind vielschichtig. Jetzt versuchen beide Seiten einen Neuanfang. Leicht dürfte der aber nicht werden.

Tiago Monteiro war nicht zu beneiden an diesem 19. Juni 2005. Der Portugiese war Zeit seiner Formel-1-Karriere ein notorischer Hinterher-Fahrer gewesen, weder Jordan noch Minardi bauten ihm Autos, die eine nennenswerte Erwähnung in der Motorsport-Historie erlaubten.

An jenem Juni-Tag jedoch durfte Monteiro auf das Treppchen klettern, beim Großen Preis der USA in Indianapolis war er Dritter geworden. Es war die mit Abstand beste Platzierung seiner Karriere und der erste Podestplatz eines Portugiesen in der Formel-1-Geschichte.

Doch dann herrschte auf dem Podium anstelle der üblichen Champagner-Laune eine Stimmung wie bei einer Beerdigung. Die beiden vor ihm platzierten Michel Schumacher und Rubens Barrichello machten Gesichter, als hätten sie gerade in eine Zitrone gebissen.

Auf den Rängen buhten die Zuschauer, manche entblößten ihre Hinterteile und streckten sie den Piloten entgegen. "Ich habe es genossen, so gut ich konnte", sagte der bemitleidenswerte Monteiro. Besonders gut gelang ihm das nicht.

Gut sieben Jahre ist das berühmte Skandalrennen, bei dem nur sechs Autos ins Ziel fuhren, weil die restlichen Teams ihre Wagen aus Sorgen um die Stabilität der Michelin-Reifen nach einer Runde in die Garage holten und die Veranstaltung damit de facto boykottierten, jetzt her. Und dennoch prägt es bis heute das Bild von der Beziehung zwischen der Formel 1 und den USA.

Termin beim Therapeuten

Ihre Ehe ist mehr als 50 Jahre alt, sie haben es in Sebring, Riverside, Watkins Glen, Long Beach, Las Vegas, Phoenix, Dallas, Detroit und Indianapolis miteinander versucht. Eine Bilderbuch-Beziehung ist bis heute nicht daraus geworden – der Grand Prix in Austin/Texas am Sonntag (20 Uhr, RTL und Sky) wirkt daher wie ein neuerlicher Termin beim Paar-Therapeuten.

Das sieht auch McLarens Teamchef Martin Whitmarsh so. "Die Vereinigten Staaten sind die Heimat des Autos. Sie sind einer unser natürlichen Märkte, auf dem wir aktiv werden müssen", meinte der Brite nach der Ankunft in der texanischen Hauptstadt: "Nicht alle haben vollständig begriffen, dass wir sie mehr brauchen als sie uns."

Das sind neue Töne – in der Königsklasse des Motorsports herrscht sonst eher die Selbstwahrnehmung, auf nichts und niemanden angewiesen zu sein. Schließlich können die steinreichen Länder am Persischen Golf und in Asien gar nicht genug von der Formel 1 bekommen. Doch die Finanz-Krise, die auch viele Rennställe hart getroffen hat, zwang Chefvermarkte Bernie Ecclestone, die Brücke über den Atlantik wieder aufzubauen.

Versuch eines Neuanfangs

Nach dem Skandal von Indianapolis schien sie auf Jahrzehnte irreparabel beschädigt. Nur mit Mühe konnte eine millionenschwere Sammelklage frustrierter Ticketbesitzer abgewendet werden. Dass ein Jahr später der gemeinsame Vertrag auslief und die Zusammenarbeit endete, kam beiden Partien mehr als recht. "Sie wollen Profit machen, bevor sie etwas anfangen. Das ist nicht einfach", moserte Chef-Vermarkter Bernie Ecclestone damals: "Die Formel 1 wird nichts Großes in Amerika werden."

Auch Mercedes-Motorsport-Vorstand Norbert Haug findet: "Damals haben wir keine Werbung für den Sport gemacht. Jetzt müssen wir bessere Arbeit leisten. Die Basis für eine erfolgreichere Kooperation seien ein amerikanischer Fahrer und ein amerikanisches Team: "Die Perspektiven sind da. Und es gibt auch die Fans, die sich auskennen. Vielleicht sind das keine Abermillionen, und die TV-Quoten sind auch nicht so gut wie in Europa, aber eine Weltmeisterschaft muss auch in den USA stattfinden."

In Ermangelung eines US-Piloten haben die Veranstalter den Grand Prix zum inoffiziellen Heimspiel des Mexikaners Sergio Perez erklärt; bis zur mexikanischen Grenze sind es vom neu gebauten Circuit of the Americas keine 200 Meilen.

Auf der Suche nach frischem Geld

Mit vielen Zuschauern allein ist den Formel-1-Teams jedoch nicht geholfen. Sie schielen vielmehr auf die Akquise neuer Geldgeber. "Man muss nur einmal durchs Fahrerlager gehen und sich die Sponsoren auf den Autos, in den Boxen und auf den Teamshirts ansehen", sagt McLaren-Mann Whitmarsh: "Ich denke, dass 98 Prozent dieser Namen Amerika zu ihren drei wichtigsten Märkten zählen."

Sein Rennstall, dessen finanzielle Perspektiven alles andere als rosig sind, soll besonders scharf auf einen Kontrakt mit Coca-Cola sein. Angeblich liebäugelt der Brause-Gigant schon länger mit einem Engagement in der Formel 1. Ein Einstieg als Namenssponsor der Serie scheiterte jedoch am Veto von Chef-Vermarkter Bernie Ecclestone, der lieber die Rechte für jeden Grand Prix einzeln verhandeln wollte.

Keine Tradition

Diese Episode illustriert sehr schön, woran die Beziehung zwischen den beiden wirtschaftlichen Großmächten in der Vergangenheit krankte. Die Puristen halten die USA für einen untauglichen Gastgeber, weil die Menschen dort die Entertainment-Rennen der Nascar- und Indy-Serie gewöhnt sind und mit der Ästhetik der bis ins letzte Detail optimierten Formel-1-Boliden vermeintlich nichts anfangen können. Ihnen sind auch die Grand Prix in Ländern wie Südkorea oder Bahrain zuwider, weil die Motorsport-Tradition dort maximal bis zum Baubeginn der örtlichen Strecke zurückreicht.

Genau das aber schätzen die Realisten: Dass es Länder gibt, die bereit sind, mit horrenden Prämien die sinkenden Einnahmen aus Europa zu kompensieren. Für sie kann es gar nicht genug Rennen in den USA geben, gleichwohl auch deren Wirtschaft am Boden liegt.

Zweiter US-Grand-Prix abgesagt

Zur zweiten Fraktion gehört neuerdings auch Ecclestone. "Die Vereinigten Staaten sind so groß wie Europa", sagte er kürzlich vollmundig: "Deshalb sollten auf beiden Kontinenten gleich viele Rennen ausgetragen werden." So weit ist es freilich noch lange nicht. Während in Europa in der kommenden Saison sieben WM-Läufe stattfinden, ist es in den USA nur einer.

Den zweiten sagte Ecclestone kurzerhand ab, angeblich wegen Verzögerungen beim Bau der Strecke in New Jersey. Hinter vorgehaltener Hand wird jedoch über einen ganz anderen Grund getuschelt: Ecclestone konnte sich mit den Veranstaltern demnach nicht auf eine Gage einigen.

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