Spannender Endspurt
Alonso gegen Vettel – Zweikampf um Formel-1-WM
Nach Sebastian Vettels Triumph in Suzuka trennen den Deutschen nur noch vier Punkte von WM-Spitzenreiter Fernando Alonso. Der Spanier rief nach dem Rennen "eine Mini-WM" mit fünf Rennen aus.
Sebastian Vettel war so glücklich, dass er sogar Kamui Kobayashi half. Der Japaner hatte nach seiner ersten Fahrt auf ein Formel-1-Treppchen einige Mühe mit der traditionellen Champagner-Dusche. Anstelle einer großen Fontäne plätscherte nur ein lahmes Brause-Rinnsal aus der Flasche des drittplatzierten Japaners, bis ihm sein deutscher Nebenmann schüttelnd assistierte. Eine Überraschung war dessen Wissensvorsprung in Sachen Podiumsritual natürlich nicht: Vettel feierte in Japan seinen 24. Grand-Prix-Triumph und schloss damit zur Motorsport-Ikone Juan Manuel Fangio auf.
Dem Argentinier reichten diese Siege in den Fünfzigern aus, um fünf WM-Titel zu gewinnen. Vettel hat bisher nur zwei auf dem Konto, Fangios Zeiten haben mit der Gegenwart eben ungefähr so viel zu tun wie die Formel 1 mit Umweltschutz. Immerhin steigerte dieser 24. Erfolg die Chancen des Heppenheimers auf seinen dritten Titel nach 2010 und 2011 enorm. Der Rückstand auf Spitzenreiter Fernando Alonso beträgt nur noch vier Zähler, bereits am nächsten Sonntag in Südkorea kann der Titelverteidiger zum ersten Mal seit Mai wieder die Führung in der Gesamtwertung übernehmen. Und das sogar aus eigener Kraft.
"Dafür gibt es jetzt sicher Ärger"
"Von so einem Auto träumt ein Rennfahrer, wenn er nachts im Bett liegt", schwärmte er nach seiner Fahrt, die eher brillant als fehlerfrei war. Obwohl er im letzten Renndrittel mehr als 20 Sekunden Vorsprung auf den Rest des Feldes hatte, verwaltete er seine Führung nicht, sondern reihte Bestzeit an Bestzeit. "Dafür gibt es jetzt sicher Ärger", scherzte Vettel nachher in der Boxengasse mit Blick auf seine Teamleitung, die ihn per Boxenfunk immer wieder bat, unnötige Risiken zu vermeiden.
Die Schelte war es Vettel wert an diesem Tag, der schon nach wenigen Rennsekunden zu seinem Schlüsselnachmittag im Kampf um die Krone mutierte. Alonso drehte sich in der ersten Kurve in einer mächtigen Staubwolke ins Kiesbett und schied aus, nachdem ihn der Finne Kimi Räikkönen mit seinem Lotus-Boliden touchiert hatte. "Das ist das Problem, wenn man in der Mitte startet. Das ist immer ein Risiko", schilderte der von Platz sechs gestartete Alonso seinen zweiten kollisionsbedingten Ausfall des Jahres. Besonders bitter dürfte dem Mann aus Oviedo dabei aufstoßen, dass er an beiden Unfällen keine Schuld trug.
Und noch etwas wird ihm vor dem letzten Saisondrittel einiges Kopfzerbrechen bereiten: Während die Konkurrenz aus Österreich ihr Auto seit der Sommerpause signifikant hat weiterentwickeln können, tritt Ferrari auf der Stelle. Schon nach dem Qualifying hatte Alonso geklagt, derzeit mit den Spitzenteams nicht mithalten zu können. Am Sonntag meinte er etwas kryptisch: "Wenn der Feind mit dir in den Bergen rechnet, dann greife über das Meer an. Wenn sie mit einem Angriff vom Meer rechnen, dann greife über die Berge an."
Massa überrascht als Zweiter
Der Saison unterstellte er kurzerhand, nun von vorne zu beginnen: "Jetzt ist es eine Mini-WM mit fünf Rennen." Sein Vorsprung ist futsch, die Titelchancen allerdings nicht; das sollte wohl die Botschaft sein. Immerhin sorgte Stallgefährte Felipe Massa mit seinem zweiten Rang für ein paar rote Glücksmomente in Suzuka. Der Brasilianer machte mit seinem besten Resultat seit fast zwei Jahren einen großen Schritt in Richtung Vertragsverlängerung bei Ferrari.
Den zweiten folgenschweren Unfall des Tages provozierte wieder einmal Räikkönens Lotus-Kollege Romain Grosjean. Wie schon beim Großen Preis von Belgien in Spa krachte der junge Franzose einem Konkurrenten in der ersten Kurve ins Auto. Diesmal traf es den Red Bull von Mark Webber, der daraufhin bis ans Ende des Feldes zurückgeworfen wurde und am Schluss nicht über Platz neun hinauskam. "Mein ganzes Wochenende hat er mit dem kaputt gemacht, was er da veranstaltet hat. Das ist ihm schon oft passiert, das muss er mit sich selber mal ausmachen. Es liegt an ihm, er muss da mal drüber nachdenken", schimpfte Webber nach der Zieldurchfahrt.
Ärger um Crashkid Grosjean
Grosjean, der nach seinem Crash in Belgien noch für ein Rennen gesperrt worden war, kam diesmal mit einer Zeitstrafe von zehn Sekunden davon. Zu harmlos, fand Red-Bull-Berater Helmut Marko und forderte eine Sperre von bis zu drei Rennen. Der Gescholtene gestand reumütig: "Es war ein dummer Fehler. Wir werden uns hinsetzen und schauen, was wir in den nächsten Rennen anders machen können."
Auch Mercedes-Pilot Nico Rosberg war in Grosjeans Manöver verwickelt und schied kurz darauf nach einer Kollision mit Bruno Senna (Williams) aus. "Vielleicht sag ich ihm da auch mal ein Wort", kündigte Rosberg frustriert an. Weil sein Teamkollege Michael Schumacher zwar vom vorletzten Startplatz aus ein beherztes Rennen fuhr, als Elfter aber nichts Zählbares für die WM-Wertung einsammeln konnte, droht den Schwaben demnächst endgültig der Absturz auf Platz sechs in der Konstrukteurs-Meisterschaft.
Sauber attackiert Mercedes
Wäre Sauber-Mexikaner Sergio Perez nicht bei dem Versuch, seinen McLaren-Statthalter Lewis Hamilton zu überholen, ausgeschieden, wären die Schweizer vielleicht schon jetzt vorbeigezogen. So aber trennen den Weltkonzern noch mickrige 20 Punkte von dem Privatteam aus Hinwil.
"Das Rennen hinterlässt bei mir etwas gemischte Gefühle – denn es ist natürlich schade, wenn man so knapp die Punkteränge verfehlt", meinte Schumacher nach dem sechstletzten Formel-1-Rennen seines Lebens: "Es war in den letzten Runden ein interessanter und schöner Kampf mit Daniel Ricciardo, aber ich kam am Ende an ihm nicht vorbei, weil der Toro Rosso auf den Geraden sehr schnell war. Daher muss man sagen: Mehr war leider nicht drin."
Dann wandte er sich wieder angenehmeren Themen zu. Angesprochen auf die gestiegenen WM-Chancen seines Landsmanns Vettel sagte er nur: "Vier Punkte Rückstand? Mein lieber Gott, wer hätte das gedacht?"
















