23.04.2012, 16:23

Sieg in Bahrain Vettels Red-Bull-Team funktioniert wieder

Von Simon Pausch

Der erste Saisonsieg des deutschen Weltmeisters ist ein Verdienst der neuen Einigkeit bei seinem Rennstall. Auch Lotus ist im Aufwind. Michael Schumacher kritisiert hingegen die Reifen.

Helmut Marko traute sich zunächst nicht. Die gesamte Red-Bull-Crew inklusive Doppelweltmeister Sebastian Vettel hatte sich nach dessen Grand-Prix-Triumph in Bahrain auf einem Rasenquadrat hinter der Box zum ultimativen Siegerfoto versammelt. Palmen und die untergehende Sonne zeichneten einen schönen Rahmen für die Fotografen, alles war bereitet für einen gebührenden Abschied aus der Wüste. Doch Marko fehlte.

Erst nachdem ihn Vettel nachdrücklich an seine Seite zitiert hatte, bahnte sich der österreichische Teamberater aus dem Hintergrund seinen Weg vorbei an den Mechanikern.

Nach einer kurzen aber innigen Umarmung mit dem Deutschen legte sich der 68-Jährige kurzerhand hinter den überdimensionierten Pokal und jubelte mit allen anderen den Kameraleuten entgegen. Obwohl sich jedes Siegerteam nach Formel-1-Rennen so für die Fotografen drapiert, war die Symbolik am Sonntag eine besondere.

Einigkeit macht stark

Die Einigkeit hat Red Bull stark gemacht in Bahrain, das betonte nicht nur Vettel immer wieder. "Ich kann mich nur bei den Jungs in der Garage bedanken. Die Arbeit, die wir ihnen abverlangt haben, weil wir mit dem Auto nicht zufrieden waren – das war schon extrem hart", sagte er. Die Mühen wurden belohnt.

Erstmals in diesem Jahr hatten sie seinen Dienstwagen perfekt auf Strecke und klimatische Bedingungen abgestellt. Und auch die Teamführung um Helmut Marko hatte ihren Anteil am befreienden Erfolg: Mit seiner Kritik, Vettel habe zuletzt das nötige Selbstvertrauen zum Siegen gefehlt, trieb er den 24-Jährigen zu Höchstleistungen. "Er musste alle Reserven ziehen, um Kimi Räikkönen hinter sich zu halten", sagte Marko nachher. Er war früher selbst Rennfahrer, er meinte das als Kompliment.

Besagter Räikkönen kletterte zum ersten Mal nach seiner Rückkehr in die Formel 1 wieder auf das Podest. Richtig zufrieden war er mit Platz zwei dennoch nicht. "Es wäre mehr drin gewesen", knurrte der stets einsilbige Finne nach der Zieldurchfahrt.

Lotus ebenbürtig

Tatsächlich schien sein Lotus-Bolide Vettels Red Bull zumindest ebenbürtig. Kurz nach der Hälfte des Rennes scheiterte Räikkönen jedoch mit einem Überholmanöver und konzentrierte sich fortan auf die Sicherung seines zweiten Platzes.

Dass hinter ihm Teamkollege Romain Grosjean ins Ziel kam, freute nicht nur den jungen Franzosen: "Es ist ein tolles Gefühl, auf dem Podest zu stehen. Ich bin sehr stolz auf die Truppe." Teamchef Eric Boullier blickte bereits in die Zukunft: "Ich hoffe, dass wir die kleine Lücke, die uns noch von den Topteams trennt, in Mugello schließen können."

Dort finden Anfang Mai die letzten Testfahrten der Saison statt. Während Red Bull und Lotus nach ihren starken Auftritten in Bahrain mit reichlich Rückenwind nach Italien reisen, wartet auf die Konkurrenten von Mercedes und vor allem McLaren viel Arbeit.

Die Briten wussten bei der Abreise vom Persischen Golf gar nicht, worüber sie sich mehr ärgern sollten: über den Ausfall von Jenson Button oder die gleich zwei missratenen Boxenstopps von Lewis Hamilton.

Frust bei McLaren

"Das ist alles sehr frustrierend, aber keine Katastrophe", sagte Teamchef Martin Whitmarsh. Auf seine Initiative hin war nach Hamiltons erstem Reifenwechsel, als ein Crewmitglied das Rad erst nach mehreren Anläufen und großem Zeitverlust auf die Achsvorrichtung gewuchtet bekam, noch während des Rennens die Formation des Boxenteams ausgetauscht worden.

"Es ist unser Job als Team, Einzelpersonen zu schützen. Fehler passieren, so ist das im Leben", erklärte Whitmarsh. Doch auch der Ersatzmann stellte sich nicht geschickter an; Hamilton wurde nur Achter und verlor die WM-Führung an Vettel.

Sieben Tage zuvor hatten sie bei Mercedes ein ähnliches Problem. Michael Schumacher musste seinen Boliden nach einem verunglückten Reifenwechsel in China sogar ganz abstellen, weil das neue Rad nicht richtig fixiert war.

Schlüsselrolle der Pneus

In Bahrain machten die Mercedes-Mitarbeiter einen besseren Job, so richtig glücklich waren aber weder der fünftplatzierte Nico Rosberg noch Rekordweltmeister Schumacher, der nach starker Aufholjagd als Zehnter seinen zweiten WM-Punkt einheimste.

"Etwas schade war, dass aufgrund der Reifen kein Pilot am Limit fahren konnte", sagte Schumacher und unkte: "Ich weiß nicht, ob das so sinnvoll ist oder ob sie die Reifen nicht robuster machen sollten."

So unberechenbar die bisherige Saison mit vier Siegern aus vier verschiedenen Teams bisher verlief, so unbestritten ist die Schlüsselrolle der Pneus: Sie entschieden jeweils über Sieg und Niederlage.

Welcher Rennstall das eigenwillige Verhalten der Pirelli-Walzen als erster durchschaut, der hat beste Aussichten auf den Gewinn der WM-Krone.

Pirelli weist Kritik zurück

Der italienische Lieferant jedoch weist jede Kritik am zu großen Einfluss seiner Produkte zurück: "Ich bin enttäuscht darüber, solche Kommentare von einem so erfahrenen Piloten zu hören", sagt Pirelli-Motorsportdirektor Paul Hembery in Richtung Schumacher. "Andere haben einfach ihre Arbeit gemacht und die Reifen zum Funktionieren gebracht."

Red Bull zum Beispiel. Obwohl Vettel schon früh zum dritten Boxenstopp abbog, blieben seine Gummis bis zum Ende wettkampftauglich.

Das war zwar hauptsächlich ein Verdienst des Heppenheimers, der die letzten Runden besonders sorgfältig durch die Kurven lenkte. Den Pokal nahm nach nachher trotzdem ein anderer mit: Helmut Marko.


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