Schweizerdeutsch
Jetzt ist die richtige Erholung wichtig
Die deutsche Mannschaft steht zwar im Finale, doch an ihrem Spiel gegen die Türkei wurde gemäkelt. Hertha-Trainer Lucien Favre kann das nicht nachvollziehen. Seine Formel zur Vorbereitung auf das Endspiel lautet "Blau und Grün". Leider sei allerdings das Finale das langweiligste Spiel eines Turniers.
Von Lucien Favre
Nein, ich teile die Kritik an der Leistung der deutschen Mannschaft im EM-Halbfinale nicht. Ich habe ein dramatisches Spiel erlebt. Schnell, mit guter Technik, mit guten Einzelspielern – ich fand die Türkei noch nie so beeindruckend wie am Mittwoch. Und gegen diese starke Türkei hat Deutschland drei Tore erzielt und gewonnen. Sorry, ich finde nicht, dass Deutschland nicht gut war.
Ja, die Deutschen waren am Anfang beeindruckt. Die Türkei hat ein extremes Tempo angeschlagen. Niemand hatte sie so lange im Turnier erwartet. Dazu die besondere Historie zwischen den beiden Ländern – für die türkische Mannschaft war es ein Jahrhundertspiel. Aber ich hatte jederzeit den Eindruck, dass Deutschland in der Offensive gefährlich werden kann. Vor allem Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski profitieren vom neuen 4-2-3-1-System, das Bundestrainer Löw spielen lässt. Sie müssen in der Defensive weniger arbeiten – und spielen in der Offensive befreiter.
Eine Qualität, die sonst keine Mannschaft im Turnier hat, ist ein Außenverteidiger wie Philipp Lahm. Der marschiert 90 Minuten, flankt mit rechts oder links. Er bereitet Tore vor wie das 2:1 von Klose. Macht er mal einen Fehler, wie beim 2:2 der Türkei, hat er den Mut, in der 90. Minute eine Aktion zu starten, an deren Ende er das 3:2 erzielt. Imponierend.
Ich freue mich auch für Arne Friedrich. Sein Spiel bringt Stabilität und Sicherheit in der Defensive. Für ihn wie für das ganze Team ist jetzt die richtige Erholung wichtig. "Blau und Grün" heißt die Formel: Tageslicht sehen und Natur. Raus aus dem Hotel, einen Spaziergang im Wald oder am See entlang.
Im Finale werden die Deutschen ein Problem aus dem Halbfinale nicht haben: Es sind nur vier Tage bis zum Endspiel. Das ist viel angenehmer als die sechs Tage Pause zwischen Viertel- und Halbfinale.
Da ist es nicht schwer, die Konzentration zu halten. Die Mannschaft hat gemeinsam das andere Halbfinale geschaut. Von heute aus sind es nur noch zwei Tage bis zum Anpfiff. Nachdem Joachim Löw mit der gleichen Taktik das Viertel- und das Halbfinale gewonnen hat, glaube ich nicht, dass er zum Endspiel daran etwas ändern wird.
Manchmal sind Finals das langweiligste Spiel im Turnier. Jede Mannschaft ist blockiert. Weil niemand Fehler machen will, passiert gar nichts. Mit Grauen erinnere ich mich an das WM-Endspiel 1994 zwischen Brasilien und Italien (0:0, 3:2 i.E.). Ich hoffe jedoch, dass dieses Finale wird wie die EM: spannend und torreich.
Lucien Favre (50) ist ehemaliger Schweizer Fußball-Nationalspieler. Als Trainer gewann er in der Schweiz mit Servette Genf und dem FC Zürich zweimal den Pokal und zweimal die Meisterschaft. Seit 2007 ist er Trainer von Bundesligist Hertha BSC. Für die Berliner Morgenpost kommentiert Favre die EM 2008 als Kolumnist.
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