Deutschland gegen Österreich
Böse Erinnerungen an die Schmach von Cordoba
Sonntag, 15. Juni 2008 15:15Am 21. Juni 1978 verlor die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Argentinien mit 3:2 gegen Österreich. Der Unterschied zum kommenden Spiel: Damals ging es für die Österreicher um nichts mehr.
"Da kommt Krankl in den Strafraum - Schuss ... Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor! I wear narrisch! Krankl schießt ein - 3:2 für Österreich! Meine Damen und Herren, wir fallen uns um den Hals; der Kollege Rippel, der Diplom-Ingenieur Posch - wir busseln uns ab. 3:2 für Österreich durch ein großartiges Tor unseres Krankl! (...) Und jetzt ist auuuus! Ende! Schluss! Vorbei! Aus! Deutschland geschlagen meine Damen und Herren. Nach 47 Jahren kann Österreich zum ersten Mal wieder Deutschland besiegen!"
Edi Finger, Radio-Kommentator des österreichischen Rundfunks
Um kurz nach 20 Uhr klingelt bei Hubert Deser in Burghausen das Telefon. "Wie schaut's aus Hubert?", will Philipp Landsberger wissen. "Machen wir's jetzt gleich?" Der 21-jährige Polizei-Hauptwachtmeister denkt sich: Es passt jetzt gerade so gut wie ein anderes Mal. "Dann mach wir's doch gleich", sagt Deser zu seinem Freund. "Ich komm zur Alten Grenzbrücke".
Der Grund ist eine Faschings-Wette. Im Februar hat der Beamte seinen Freunden versprochen: "Wenn Deutschland bei der Weltmeisterschaft in Argentinien gegen Österreich spielt und die Deutschen verlieren, krieche ich auf allen Vieren über die Grenzbrücke nach Hoch-Ach."
Gegen 20 Uhr endet die ZDF-Übertragung des WM-Spiels in Argentinien. Deutschland hat 2:3 verloren. Der 1,82 Meter große und 95 Kilogramm schwere Polizist packt seine Sachen und fährt zur Brücke. Dort warten seine Freunde. Auch deutsche Zollbeamte stehen bereit. Schließlich muss trotz der WM-Euphorie alles seine Ordnung haben. Die Grenzer kontrollieren streng nach Vorschrift Desers Pass. Dann krabbelt der Bayer los.
Auf der Brücke hupen und jubeln ihm die Autofahrer zu. Nach 20 Minuten erreicht Deser die andere Seite. Dort nehmen ihn zwei österreichische Zöllner in Empfang. Sie prüfen ebenfalls seinen Pass. Der lokale "Burghauser Anzeiger" hat Reporter geschickt. Fotos mit dem krabbelnden Hubert Deser erscheinen am nächsten Tag unter der Überschrift "Polizeihauptwachtmeister überquert auf allen Vieren die Grenzbrücke". Auch der Bild-Zeitung ist das eine Meldung wert.
Das Ereignis, das den Polizeihauptwachtmeister auf die Knie zwingt, hat sich wenige Stunden zuvor 12 000 Kilometer entfernt zugetragen. In Cordoba.
Cordoba ist die zweitgrößte Stadt Argentiniens. Die Bewohner nennen sie auch "ciudad de las campagnas", wegen der vielen Kirchen. Die Stadt ist einer von sechs Spielorten der 11. Fußball-Weltmeisterschaft 1978. Das extra zur WM erbaute Stadion "Estadio Chateau Carreras" fasst 46 932 Zuschauer. Sie werden aber bei den insgesamt acht Spielen nie benötigt. Im Schnitt kommen nur rund 30 000 Besucher ins Stadion.
Cordoba ist eine sehr deutsche Stadt. 4000 Auswanderer leben dort. Es gibt einen privaten deutschen Sender, der täglich für eine Stunde deutsche Schlager spielt. Auch das offizielle WM-Lied "Buenos dias Argentina" ist dabei. Die DFB-Elf singt es zusammen mit Udo Jürgens. Ausgerechnet Udo Jürgens: Der ist doch Österreicher und kommt aus Klagenfurt.
Zwei original bayerische Bierhäuser veranstalten regelmäßig Jodelabende. Ein Goethe-Institut ist um die Pflege der deutschen Kultur bemüht. Beste Voraussetzungen also für die Fußball-Nationalmannschaft. Doch die ist noch lange nicht angekommen.
"Er hat alles überspielt, meine Damen und Herren. Also das musst miterlebt haben. Und wartens noch ein bisserl, wartens noch ein bisserl; dann können wir uns vielleicht ein Vierterl genehmigen. Jetzt hammer's gschlagn!"
Juni 1977. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft befindet sich auf einer Südamerika-Tournee. Sie ist eine Etappe auf dem Weg zur WM 1978, die ein Jahr später in Argentinien beginnen wird. Deutschland muss sich mit Freundschaftsspielen auf das WM-Turnier vorbereiten. Als Titelverteidiger von 1974 ist es automatisch qualifiziert. Die Reise wird sportlich ein großer Erfolg. Deutschland gewinnt gegen Argentinien 3:1, besiegt Uruguay, den Weltmeister von 1950, 2:0 und muss gegen Brasilien erst kurz vor Schluss den 1:1-Ausgleich hinnehmen. Das ist überraschend. Denn der DFB hatte sich im März von Franz Beckenbauer getrennt.
Der Libero und unumstrittene Kopf der Mannschaft ist zu Cosmos New York in der US-Profiliga gewechselt. Bundestrainer Helmut Schön, vor allem aber DFB-Präsident Hermann Neuberger nehmen ihm den Gang in die "Operettenliga" (Neuberger) übel. Da spielt Schön lieber ohne ihn. Eine Entscheidung, die sich noch bitter rächen sollte.
Doch zunächst scheint alles wunderbar. Rolf Kramer, Reporter und TV-Kommentator des ZDF ist bei der Reise dabei. Er sagt sich: "Der Beckenbauer ist weg, aber die Mannschaft steht und ist erfolgreich. Worüber soll man sich also Sorgen machen? Alles bestens auf dem Weg zur Titelverteidigung." Auch der Vorstopper des Teams, Rolf Rüssmann, sieht das so. Er denkt nach dem Turnier: "Das kann jetzt so weitergehen bis zur Weltmeisterschaft". Zumal die Mannschaft den Trend bestätigt: 1:0 gegen Finnland am 7. September und, noch viel wichtiger, 2:1 gegen Italien am 8. Oktober.
Im November 1977 bricht der Streit um Beckenbauer aber richtig auf. Er vergiftet zunehmend das Klima. In der Mannschaft. In der Öffentlichkeit. Der "Kaiser" und der DFB sprechen kaum miteinander. Aber fast täglich übereinander. Beckenbauer erklärt auf einer Pressekonferenz: "Ich würde sofort in Argentinien bei der WM für Deutschland spielen". DFB-Boss Neuberger entgegnet darauf: "Der Franz muss erst den Bundestrainer anrufen."
Ein Treffen Schön-Beckenbauer findet statt, aber ohne endgültige Klärung. Das Thema wird auf das Frühjahr vertagt. Denn selbst wenn der DFB Beckenbauer wieder spielen lassen wollte - er bräuchte erst die Freigabe von Cosmos New York für die Zeit von Mai bis Ende Juni 1978. In der US-Liga wird den Sommer durchgespielt. Die Amerikaner sind grundsätzlich nicht abgeneigt, wollen aber, dass der DFB Beckenbauers Gehalt, 24 000 Dollar für jeweils 14 Tage, zahlt.
Doch Neuberger sagt nach neun Länderspielen ohne Beckenbauer, aber auch ohne Niederlage: "Wir brauchen ihn nicht, denn die Mannschaft müsste sich ja erst wieder an ihn gewöhnen." Bundestrainer Helmut Schön macht sich zunehmend Sorgen, ist genervt. "Allmählich leidet das Betriebsklima in der Nationalmannschaft unter dem Beckenbauer-Rummel", zürnt er. "Mit mir hat der Franz monatelang nicht gesprochen, hält aber fast jeden Tag eine Pressekonferenz ab, auf der er mal ja, mal nein sagt." Schön nennt den Fall Beckenbauer "die größte Enttäuschung seines Lebens".
"Noch einmal Deutschland am Ball. Eine Möglichkeit für Abramczik. Und!? Daneeeben!! Also der Abraaamczik - obbusseln möchte i den Abramczik dafür. Jetzt hat er uns geholfen. Allein vor dem Tor stehend. Der brave Abramczik hat daneben geschossen. Der Arme wird si ärgern."
30. Oktober 1977. Izmir, Türkei. In der 72. Minute befördert der österreichische Mittelfeldspieler Herbert Prohaska den Ball mit der Fußspitze ins Tor. Der Regisseur von Austria Wien heißt seit diesem Tag nicht nur "Schneckerl" - wegen seines lockigen Wuschelkopfs - sondern auch der "Spitz von Izmir". Prohaska ist das egal. Drin ist drin. Nach 20 Jahren qualifiziert sich Österreich wieder für ein WM-Turnier. Das wird in Österreich gefeiert wie der Weltmeistertitel.
Bei der Auslosung der WM-Gruppen am 14. Januar 1978 wird die Mannschaft mit Brasilien, Spanien und Schweden in Gruppe 3 gelost. Englische Buchmacher stufen ihr Team als schwächstes ein. Die Quote für den Tipp auf den WM-Titel Österreichs liegt bei 50:1. Schweden steht bei 40:1, Spanien bei 28:1 und Brasilien als Topfavorit bei 9:4. Deutschland liegt bei den Buchmachern mit einer Quote von 7:1 an dritter Stelle.
Teamchef Helmut Senekowitsch, ein ruhiger, ausgeglichener Steirer, plant gemeinsam mit ÖFB-Boss Karl Sekanina, dem wortgewaltigen und mächtigen Chef des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, die "Rückkehr aus der Vergangenheit", wie die österreichische Nachrichtenagentur APA die Teilnahme an der WM in Argentinien nennt. Zuletzt spielte Österreich bei der WM 1958 in Schweden. Dort scheiterte es kläglich in der Vorrunde.
Aber auch beim ÖFB läuft nicht alles harmonisch ab. Angesichts der Gruppengegner reagiert Sekanina, aber auch die Öffentlichkeit, amüsiert bis verständnislos, als Torhüter Friedl Koncilia beim Verbandchef auftaucht, um im Namen der Mannschaft über Prämien für das Weiterkommen in die 2. Gruppenphase zu verhandeln. Sekanina, ein stämmiger Gewerkschaftsfunktionär mit buschigen, schwarzen Augenbrauen, sagt zu Koncilia: "Wenns net wollts, fahr i mit der U 21 nach Argentinien." Sekanina ist berüchtigt dafür, die Spieler und die Vereine zu behandeln wie Untersektionen der Metallergewerkschaft.
Erst kurz vor der WM wird der Disput um die Prämien mit einem Kompromiss beendet. Gerade noch rechtzeitig vor dem Abflug der Mannschaft nach Moreno am 26. Mai. 35 Kilometer westlich der Hauptstadt Buenos Aires quartiert sich der ÖFB-Tross im Gästehaus der Gewerkschaft des argentinischen Versicherungswesens in einem Vorort von Moreno ein.
Die Lufthansa-Maschine, die am Abend des 18. Mai 1978 vom Flughafen in Frankfurt am Main startet, hat kostbare Fracht an Bord: 280 Deutschland-Trikots, 200 Sporthosen, 150 Paar Stutzen, 150 Trainingsanzüge, 50 Reise- und Freizeitanzüge, 50 Regenanzüge, 50 Paar Freizeitschuhe, 50 Paar Stollenschuhe, 25 Paar Sambaschuhe, 100 Paar Ersatzschuhe aller Kategorien, 50 Schlafdecken, drei Koffer des Mannschaftsarztes mit Medikamenten und Vitaminen und zwei Koffer des Masseurs Erich Deuser.
All das lässt der DFB nach Ascochinga transportieren. Dem Quartier der Mannschaft für die Zeit der WM. Es ist ein Erholungsheim für argentinische Luftwaffenoffiziere, rund 80 Kilometer von Cordoba entfernt. Das 3400 Hektar große Gelände liegt Mitten in der Pampa. Völlig abgeschieden.
Ascochinga ist indianisch und bedeutet "toter Hund". Und tatsächlich gibt es dort kaum Abwechslung. Nur Büsche und einen Golfplatz. Aber kaum ein Spieler beherrscht zu dieser Zeit das Spiel. Langeweile macht sich breit. Bernard Dietz beschwert sich, er habe schätzungsweise 370-mal den Hollywood-Streifen "Der Clou" gesehen. Rolf Rüssmann nennt das gemeinsame Essen "den Höhepunkt des Tages"
Die Stimmung im Quartier ist entsprechend angespannt. Helmut Schön denkt seit der Ankunft nur noch an sein Karriere-Ende. Der "Mann mit der Mütze" will nach der WM aufhören. ZDF-Mann Kramer beobachtet das mit Sorge. Die Spieler bilden Grüppchen. Lapalien führen beinahe zu Handgreiflichkeiten, wie ein Rempler von Ronnie Worm an Hans Müller im Training. Vor allem merkt Kramer: Der Mannschaft fehlt ein Kopf. Berti Vogts, Nachfolger von Franz Beckenbauer als Kapitän, kann die Rolle nicht ausüben. Er ist keine Führungsfigur. So einen Leader bräuchte das Team aber jetzt. Einer, der die Richtung vorgibt und auch mal auf den Tisch haut, wenn es sein muss.
Das Training läuft einfallslos ab. Monoton kicken die deutschen Stars auf dem Golfgelände ihr "fünf gegen zwei" oder "Abwehr gegen Angriff". "Rüdiger Abramczik", notiert sich Kramer einmal, "trabt lustlos die Seitenlinie entlang".
Das Lager wird zudem streng bewacht. Argentinien ist zu dieser Zeit eine Militärdiktatur. Auf dem Gelände patrouillieren Soldaten mit Maschinenpistolen. Die Argentinier haben Angst, es könnte Anschläge der Guerilla-Organisation Montoneros geben.
Die deutschen Journalisten in Ascochinga haben ein ganz besonderes Problem: Wegen der Zeitverschiebung von fünf Stunden müssen sie meist schon gegen Mittag ihre Berichte abliefern. Vor allem für die Fernsehjournalisten ist das eine Plage. Der Satellit steht ihnen nur um zehn Uhr in Cordoba zur Verfügung. Berichte müssen also um acht Uhr morgens fertig sein. Aber um diese Zeit gibt es nichts zu berichten. Nachmittags setzt Schön oft Geheimtrainings an. Die Journalisten sind nicht zugelassen, sitzen dann irgendwo im Gebüsch und hoffen, ein paar brauchbare Bilder zu bekommen. Sie empfinden die Behandlung als entwürdigend.
Um für Abwechslung zu sorgen, lässt sich DFB-Präsident Hermann Neuberger etwas einfallen. Eines Tages besucht Ex-Nazi Hans-Ulrich Rudel das Camp. Rüssmann und die anderen Spieler sind überrascht. Keiner wusste davon. Kampfflieger Rudel ist der höchstdekorierte Soldat der deutschen Wehrmacht. Er trägt als einziger das Eiserne Kreuz mit goldenem Eichenlaub. Der Besuch empört die Öffentlichkeit. Rüssmann und Kramer können nicht erkennen, dass sich dadurch die Stimmung im Camp verbessert.
"Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Sportfreunde in der Heimat, das große Spiel wird gleich beginnen. Die deutsche Mannschaft wird den Anstoß durchführen. Also Burschen, reißt Euch zamm, des wäre ja, na jo - ich wage es gar nicht auszusprechen, was in mir vorgeht"
1. Juni. Um 15 Uhr beginnt das Eröffnungsspiel. Titelverteidiger Deutschland müht sich zu einem 0:0 gegen Polen. Die 8000 deutschen Fans unter den 78 000 Zuschauern rufen "Aufhören, Aufhören!". Die Tageszeitung "Die Welt" titelt am 2. Juni: "Ein Spiel voller Fehler und Schwächen". Was die Journalisten nicht wissen: Wegen der überlangen Eröffnungsrede von General Videla sitzen die deutschen Spieler eine Stunde bei Minusgraden auf einer Treppe unterhalb des Stadions. Sie warten, dass es endlich losgehen kann.
Die Österreicher gewinnen ihr erstes Spiel am 3. Juni gegen Spanien 2:1. Vier Tage später besiegen sie Schweden mit 1:0 -und sind damit bereits eine Runde weiter. Nach der Vorrunde muss Deutschland froh sein, als zweiter hinter Polen in die nächste Runde einzuziehen. Die Deutschen besiegen zwar Mexiko 6:0, beim 0:0 gegen Tunesien ist jedoch sehr viel Glück im Spiel.
Der große Außenseiter Österreich wird dagegen in Gruppe 3 Sieger - vor Brasilien. Damit spielen Österreich und Deutschland in der zweiten Gruppenphase mit Holland und Italien um den Einzug ins Finale. Nach zwei Niederlagen (1:5 gegen Holland, 0:1 gegen Italien) ist der Traum für das Team von Helmut Senekowitsch aber früh geplatzt. Deutschland hat nach zwei Unentschieden (2:2 gegen Holland, 0:0 gegen Italien) nur noch eine sehr kleine Chance: Bei einem Sieg mit fünf Toren Differenz gegen Österreich und einem Unentschieden zwischen Holland und Italien.
"Ein kleiner Kurzschluss in meinem Kopfhörer, aber Sie haben nichts versäumt. 0:0 steht es hier. Jetzt kommen wieder die Deutschen. Da krieg ich immer eine Ganslhaut. Der Beer, der Berliner Beer, der hat schon eine hohe Stirn, also wenig Haar auf dem Kopf, aber dafür denkt er viel und spielt gefährlich."
"Wie man 5:0 gewinnen kann": Unter dieser Überschrift lässt die "Bild-Zeitung" Hennes Weisweiler, Trainer des 1. FC Köln, am 21. Juni Helmut Schön Ratschläge ausrichten, wie die Österreicher zu schlagen sind. Das Boulevard-Blatt aus Hamburg versucht die Österreicher mit knalligen Schlagzeilen schwach und die Deutschen stark zu schreiben. Ein Vergleich aller Spieler gegeneinander endet 11:0 für Deutschland. Am Tag des Spiels berichtet Bild über die "magischen Zahlen von Ascochinga". Die lauten 5:0, 6:1, 7:2. "Tief im Herzen", so das Blatt, " rechnet fast jeder deutsche Spieler noch mit diesen Ergebnissen".
Rolf Rüssmann und Sepp Maier, der Torhüter der Nationalmannschaft, lesen die Berichte natürlich auch. Beide wissen: Die Österreicher sind sehr stark bei dieser WM. Ein schnelles Tor muss her, sagen sie sich. Dann geht vielleicht noch was. Und der alte Hase Maier weiß: Spiele Deutschland gegen Österreich sind immer etwas anders. Selbst Freundschaftsspiele, bei denen er als Nummer 1 dabei war, hatten WM-Spiel-Charakter. "Die werden sich gegen uns zerreißen", fürchtet der Mann von Bayern München.
Die Österreicher versuchen es derweil mit Psycho-Tricks. Sie reden in den Zeitungen von "Scheißstimmung" im Team. Und dass sie froh sind, wenn sie wieder nach Hause kommen. Und sie erzählen, dass sie vor den Deutschen weniger Angst haben als vor ihren Frauen. Denn die resoluten Damen haben ihre Männer von der fernen Heimat aus aufgefordert: "Entweder ihr holt's gegen die Deitschn mindestens oan Punkt - oder es setzt was!" Bild titelt am 21. Juni: "Österreich spielt um seine Frauen. Nur bei einem Sieg gibt's Liebe!"
21. Juni. Der Tag. Gegen elf Uhr bricht die deutsche Mannschaft im Mercedes-Bus des DFB von Ascochinga nach Cordoba auf. Insgesamt fahren neun Männer der Anti-Terroreinheit GSG 9 des Bundesgrenzschutzes mit. Vor ihnen ein Militärjeep mit aufgepflanztem Maschinengewehr, hinter ihnen ebenso. Über dem Bus knattert ein schwer bewaffneter Helikopter der argentinischen Luftwaffe. Die GSG 9 ist dabei wegen der Ereignisse des deutschen Herbstes 1977. DFB und Bundesregierung haben Angst vor Attentaten der RAF.
Erst am 19. Oktober 1977 war Hanns-Werner Schleyer ermordet worden, einen Tag zuvor hatten sich Andreas Baader und Gudrun Ensslin das Leben genommen. Am 18. Oktober werden in Mogadischu die Geiseln in der Lufthansa-Maschine Landshut befreit. Die GSG 9 kontrolliert auch die Kabine der Deutschen vor dem Spiel. Trikots, Schuhe - alles wird untersucht.
Um 13.40 Uhr stehen beide Mannschaften auf dem Platz. Die Hymnen werden gespielt. Den deutschen Spielern kommt die Situation irreal vor: Blauer Himmel, Sonnenschein, aber knapp unter null grad - und überall im und um das Stadion herum patrouillieren Soldaten.
Um 13.35 Uhr pfeift Schiedsrichter Abraham Klein aus Israel an. Die ersten Minuten sind unspektakulär. Rolf Kramer kommentiert im ZDF: "Das Spiel ist nicht sehr schnell, im Mittelfeld ein regelrechtes Fehlpassfestival. Ein Klassenunterschied ist nicht zu bemerken. Im Gegenteil: Am Ball sind die Österreicher sogar besser."
Dann fällt aber doch das schnelle 1:0 für Deutschland. Rummenigge schießt in der 19. Minute nach einem doppelten Doppelpass mit Dieter Müller platziert in die untere rechte Ecke. Vorstopper Rüssmann fasst neuen Mut, geht öfter nach vorne, hofft, dass die Österreicher endlich zusammenbrechen. Die tun den Deutschen aber nicht den Gefallen.
In der Halbzeitpause feuert Schön die Mannschaft weiter an. "Gebt Gas! Jetzt wollen wir's wissen!", sagt der Mann mit der Mütze. Ihm ist klar: Das kann das letzte Spiel seiner Karriere sein.
Dann die 59. Minute. Krieger flankt in den Strafraum, zwei Österreicher bedrängen Vogts. Der steht mit dem Gesicht zum eigenen Tor. Statt den Ball zurückzuschlagen, haut er ihn mit dem Knie ins Tor. Jetzt wird den Deutschen klar: Es wird ganz schwer. Wenn nicht unmöglich. Die Österreicher lassen einfach nicht locker!
67. Minute. Hickersberger flankt von links in die Mitte. Rüssmann steht zu weit weg von Krankl. Der stoppt den Ball in der Luft mit dem linken Fuß und schießt aus halbrechter Position ins lange Kreuzeck. Torwart Sepp Maier streckt sich vergeblich. Krankl weiß: Der Ball ist ihm abgerutscht. Aber das ist ihm in dem Moment egal: Hauptsache drin.
Krankl ist der Star der Österreicher. Der Mittelstürmer von Rapid Wien hat in der abgelaufenen Saison 41 Tore geschossen. Hinter dem 25-jährigen sind Spitzenclubs aus ganz Europa her. Bis zur 67. Minute kann er sich aber kaum in Szene setzten. Bewacher Rüssmann hat ihn zu gut im Griff.
Zwei Minuten später gibt es neue Hoffnung für Deutschland: Hölzenbein köpft einen Freistoß von Bonhof in die rechte Ecke. 2:2. Weil Holland gegen Italien im Parallelspiel 2:1 vorne liegt, bedeutet das Unentschieden für Deutschland das Spiel um den dritten Platz. Immerhin.
Aber dann kann Robert Sara gerade noch einen Ball an der rechten Seite nahe der Mittellinie erlaufen. Er schlägt eine weite Flanke auf die linke Seite. Rolf Rüssmann sieht den Ball kommen. Er denkt: "Mist! Der wird immer länger und länger. Der fliegt über mich drüber. Den krieg ich nicht mehr!" Krankl erahnt das. Er nimmt den Ball auf und läuft auf das deutsche Tor zu, Rüssmann in genau entgegen gesetzter Richtung. Das ist die entscheidende Sekunde. Krankl kann den Ball in vollem Lauf mitnehmen. Rüssmann sprintet hinterher, nur Manfred Kaltz könnte den Stürmer noch stoppen. Doch Krankl macht einen schnellen Haken und schießt den Ball flach unter dem rausstürzenden Maier zum 3:2 ins Tor. Er reißt beide Hände in die Luft und rennt jubelnd auf die andere Seite des Feldes zur österreichischen Bank. Erst dort wird er von Heinrich Strasser eingeholt. Dann stürmen Bruno Pezzey, Herbert Prohaska und Willi Kreuz auf ihn zu. Auch Trainer Senekowitsch stürzt sich auf den Stürmer.
Nach genau 90 Minuten und 12 Sekunden pfeift Schiedsrichter Klein die Partie ab. Deutschland ist als Weltmeister ausgeschieden. Österreich hat erstmals seit 1931 (5:0 in Wien) wieder gegen den Nachbarn gewonnen. ORF-Fernsehkommentator Robert Seeger lässt nach dem Schlusspfiff einen Freudenschrei los. Edi Finger, der legendäre Radioreporter, sitzt zwei Plätze neben ihm Sie fallen sich um den Hals. Rolf Kramer geht in die Nachbarkabine und gratuliert ihm zum Sieg. "Ihr habt verdient gewonnen. Wir waren keine Mannschaft." Seeger köpft eine Flasche Sekt. Dann geht er runter in die Kabine der Österreicher. Die Spieler singen "Immer wieder, immer wieder, immer wieder Österreich". Seeger umarmt Krankl, Herbert Prohaska und Walter Schachner.
"Jetzt lassen die Österreicher den Ball laufen. Der Sara-Burli streichelt den Ball, des Balli. Schöne Möglichkeit, Krankl -Tooor, Toooor, Toooor, Toooor, also ich kann nicht mehr."
Sonnabend, 24. Juni. Die 50-köpfige deutsche Delegation besteigt in Buenos Aires die Lufthansa-Maschine "Bonn". Sie soll den enttrohnten Weltmeister zurück in die Heimat bringen. Die Mannschaft hat Angst, nach Hause zu kommen. Rainer Bonhof befürchtet einen schrecklichen Empfang. In der DFB-Geschäftsstelle haben enttäuschte Fans bereits ihren Zorn und ihre Verachtung mit Anrufen und Briefen deponiert.
Die Mannschaft steigt ein. Die Spieler suchen ihre Plätze im vorderen Teil der Maschine. Kurz nach dem Start vernehmen sie bekannte Stimmen. Im hinteren Teil der Maschine wird gelacht und laut gesprochen. Die Österreicher sitzen im selben Flugzeug...
Erschienen am 14.06.2008





















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