Schweizerdeutsch
Uns fehlt ein Klose oder Podolski
Schade, schade, das war ein bitterer Abend. Nach dem 1:2 gegen die Türkei ist klar, dass die Schweiz bei der Euro in der Vorrunde ausscheiden wird. Die Enttäuschung im Land ist groß. Nicht nur, weil die Fans vor dem Turnier gehofft hatten, dass unser Team das Viertelfinale erreicht.
Sowohl gegen Tschechien (0:1) als auch gegen die Türkei hätte die Schweiz gewinnen können. Aber Fußball wird nicht im Konjunktiv gespielt. Wenn man in zwei Spielen zweimal verliert, hat das Gründe. Um ehrlich zu sein: Ich bin nicht überrascht. Die Schweiz hat im Moment 16, 20 Spieler, die auf internationalem Niveau bestehen können. Deshalb trifft es uns hart, wenn etwa Alexander Frei oder Marco Streller verletzt fehlen. Diese Ausfälle können wir nicht ersetzen.
Man hat gegen Tschechien und die Türkei gesehen: Die Abwehr ist solide, das Mittelfeld auch. Unser Problem ist der Sturm. Deutschland hat mit Klose, Podolski, Gomez, Kuranyi vier Angreifer - jeder kann ein Spiel allein entscheiden. Eine Nation wie Schweden hat Ibrahimovic, Larsson, Elmander und Rosenberg. Wir hatten gegen die Türkei vorn Eren Derdyiok. Der ist 20 Jahre jung und Einwechselspieler beim FC Basel. Er hat seine Sache sehr gut gemacht. Aber das reicht auf diesem Level nicht.
Beide Spiele waren sehr eng, alles war möglich. Doch in den Schlüsselsituationen hat man gesehen, dass bis auf Torwart Diego Benaglio (beim VfL Wolfsburg) und Gokhan Inler (bei Udinese Calcio) alle anderen Schweizer in ihren Vereinen nicht zur Stammelf gehören - oder zuletzt verletzt waren wie Tranqillo Barnetta oder Ludovic Magnin.
In den wichtigen Szenen - Yakin verpasst die Chancen zum 2:0 und zum 2:1 - zeigt sich: Vergebene Chancen kommen wie ein Bumerang zurück. Beide Tore der Türkei waren vermeidbar. Da ist ein EM brutaler als eine WM. Dort spielst du in der Vorrunde mal gegen Togo. Hier verlierst du in der 93. Minute 1:2 und bist ausgeschieden.
Trotzdem war die Leistung der Mannschaft sehr korrekt. Sie hat alles gegeben. Deshalb habe ich auch keine Bange um die EM-Stimmung in der Schweiz. Die Leute haben die Schweizer Mannschaft unterstützt - jetzt werden sie mit den Nationen feiern, die weiter dabei sind.
Nur zwei Beispiele: Am Mittwoch waren in Bern auf der Fanmeile 100 000 (!) Fußball-Anhänger. Das sind fast zehnmal so viele Leute, wie sonst zu einem durchschnittlichen Liga-Spiel kommen. Ich wohne nicht weit weg von Lausanne, wo die Niederländer ihr Quartier haben. Dort sind ganze Orte in Oranje getaucht, tausende holländischer Fans campieren - so etwas kannten wir in der Schweiz nicht.
Schade, dass wir nicht mehr dabei sind. Aber ich verspreche, dass wir Schweizer weiter gute Gastgeber sein werden.
Lucien Favre (50) ist ehemaliger Schweizer Fußball-Nationalspieler. Als Trainer gewann er in der Schweiz mit Servette Genf und dem FC Zürich zweimal den Pokal und zweimal die Meisterschaft. Seit 2007 ist er Trainer von Bundesligist Hertha BSC. Für Morgenpost Online kommentiert Favre die EM 2008 als Kolumnist.
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