15.12.12

Eishockey

Berliner Eisbären müssen mit Saison ohne Titel rechnen

Kein Erfolg für die Eisbären: Die Mannschaft muss sich auf eine titellose Saison einstellen. Das deutet jedenfalls die European Trophy an.

Von Marcel Stein
Foto: dpa

Allein gelassen: Eisbären-Torwart Rob Zepp war noch der Beste seines Teams beim unnötigen Viertelfinal-Aus, hier stoppt er den Wiener Zdenek Blatny
Allein gelassen: Eisbären-Torwart Rob Zepp war noch der Beste seines Teams beim unnötigen Viertelfinal-Aus, hier stoppt er den Wiener Zdenek Blatny

Jeder erhielt die Nachricht einzeln. Vor der Kabine stand der Pressesprecher des EHC Eisbären und überbrachte den neuen Zeitplan auf dem Weg zum Mitternachtsdinner. Die meisten der Spieler traf die Information hart wie ein Stockschlag. "Morgen früh fünf Uhr Wecken und ohne Frühstück in den Bus!" Fast jeder verzog ungläubig das Gesicht, manch einer fragte nach wie Mads Christensen: "Wirklich?" Es war kein Scherz, und auch kein Irrtum.

Das fühlte sich an wie eine Strafe. Erwartungsvoll waren die Eisbären nach Wien geflogen, wollten im Viertelfinale der European Trophy die Vienna Capitals schlagen. Doch der deutsche Eishockey-Meister versagte gegen den Außenseiter, unterlag 2:3 nach Verlängerung. "Das ist einfach enttäuschend", sagte Trainer Don Jackson. Ihm war anzusehen, wie sehr diese Niederlage an ihm nagte. Er verkniff die Lippen, zog die Mundwinkel nach unten. Als Strafe hatte er sich den frühen Rückflug aber nicht umgehend ausgedacht, der war lange vorher von der Teamleitung als Option gewählt worden für den Fall, der nicht eintreten sollte.

Kritik am Schiedsrichter

Desaströs hört sich das Ergebnis zwar nicht an, da der Spielverlauf eine gewisse Spannung bot. Einen 0:2-Rückstand egalisierten die Berliner im letzten Drittel; Christensen (48.) und Darin Olver (60.) trafen. Doch es blieb alles in allem ein schwaches Spiel der Eisbären. Zwar haderten die Berliner mit den Schiedsrichtern. "Er hat das Spiel in Overtime entschieden", sagte Kapitän André Rankel bezüglich einer Strafzeit gegen Constantin Braun. Ein ähnliches Vergehen auf anderer Seite war kurz vorher nicht geahndet worden. Dass die Berliner in den 60 Minuten zuvor viel zu wenig dafür taten, das Spiel zu gewinnen, lag jedoch nicht an den Unparteiischen.

Nach der Partie gingen die Ansichten in unterschiedliche Richtungen. "Wir haben nach dem 0:2 Charakter gezeigt, darauf können wir stolz sein", sagte Verteidiger Braun. Der Kapitän fand: "Der Einsatz hat gestimmt". Andere waren selbstkritischer. "So wollten wir nicht auftreten, wir hätten uns mehr Chancen erspielen müssen", sagte Abwehrspieler Jim Sharrow. Manager Peter John Lee sah, dass seine Spieler "immer nur hinterhergelaufen sind, so kannst du nur schwer gewinnen". Und Sven Felski, der Ur-Eisbär, der gerade seine Karriere beendet hat und das Spiel als Fernsehexperte kommentierte, kam mit entsetztem Gesicht aus der Moderatorenkabine und fragte nur entgeistert: "Was war denn das, bitte?"

Saison ohne Lohn

Es stellt sich ein wenig die Frage, wie Charakter definiert wird. Zeigt eine Mannschaft welchen, nur weil sie nach einem 0:2 nicht aufgibt? Durchaus. Aber wo war der Charakter in den 50 Minuten davor, in denen sich eine Mannschaft, deren Spiel die Offensive, die Geschwindigkeit, das Spektakel ist, kaum ernsthaft inszenieren konnte, die immer zu spät dran war? "Ich war überrascht, dass wir so viele Möglichkeiten hatten", sagte Capitals-Trainer Tommy Samuelsson. Der Hinweis, dass Wien "gekämpft hat wie die Sau" (Rankel), entschuldigt nur bedingt, denn das war zu erwarten gewesen. In den zehn Minuten am Ende, als die Berliner endlich mal Druck machten, spielte es zudem auch keine Rolle. Deshalb wirkte die Niederlage trotz der Verlängerung auch nur teilweise unglücklich.

Sie erinnerte mehr an die Auftritte in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Auch dort spielen die Eisbären wenig konstant und verlieren daher genauso oft, wie sie gewinnen. Sie sind deshalb nur Sechster – und nach dem ja spielfreien Wochenende wohl nicht mal mehr auf einem der sicheren Play-off-Plätze. Einiges deutet darauf hin, dass sich die Berliner wieder in ihrem berüchtigten dritten Jahr befinden, dass ihnen nach zwei Titeln in Folge wie schon zweimal zuvor eine Saison ohne großen Lohn am Ende bevorsteht.

"Der Hauptpunkt ist die Einstellung"

In den mangelnden Fähigkeiten seiner Spieler liegen die derzeitigen Probleme des Meisters für Trainer Jackson nicht begründet. "Wir hatten nicht genug Intensität, es ist eine Kombination aus verschiedenen Dingen", sagte Jackson, weiß aber genau, wo der Haken tatsächlich ist: "Der Hauptpunkt ist die mentale Einstellung."

Verletzungssorgen der vergangenen Monate führt Jackson schon gar nicht mehr explizit an. Die hängen sicher noch ein wenig nach, aber entscheidend ist, dass die Mannschaft auf dem Eis ihre Identität nicht findet, dass sie sich zu selten als Einheit versteht. Genau das aber ist die Voraussetzung für das offensive Spielsystem: Greift nicht jedes Rad ineinander, ist es nichts wert. Dann gelingen nicht mal die leichten Sachen. "Wir haben versucht, einfach zu spielen", sagte Jim Sharrow.

Manager Lee hofft auf Lerneffekt

Auf den Lerneffekt aus dieser Partie setzt der Manager nun. Aber das haben die Berliner in dieser Saison schon oft erzählt nach Niederlagen. Gebessert hat sich nur wenig. "Ich will nicht sagen, dass generell der Wurm drin ist. Der Wille ist da, aber wir kommen nicht über den Berg", so Lee. Der Verlust der Abgänge, vor allem in der Defensive, wiegt offenbar schwer. In Verstärkungen zu investieren, ist dennoch kein Thema derzeit. Die Aufgabe, eine stabile Harmonie ins neue Mannschaftsgefüge zu bringen, ist schon jetzt kniffliger als vermutet. "Wir müssen sehen, dass wir alle auf einer Wellenlänge sind", sagt Rankel. Das gelte für Spielfeld und Kabine.

Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, ist ja nun genug. Das nächste Spiel steht für die Berliner erst am Freitag an. Zunächst aber mussten sich alle von der kurzen Nacht erholen. Dazu gab es den Rest des Tages gestern frei. Der frühe Abflug aus Wien war ja schon Strafe genug.

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