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Deutscher Eishockeymeister

Wie die Eisbären ganz Deutschland erobern

Einst spielten sie in einer Liga mit nur einem Gegner - nun haben die Eisbären Berlin 15 Bundesligavereine hinter sich gelassen und sind zum vierten Mal deutscher Meister geworden. Die Ostberliner Fans sind noch immer dabei. Doch 40 Prozent der Zuschauer kommen längst aus dem Westen. Dort beginnt auch der Meisterkorso am Sonnabend.

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Eisbären feiern Meisterschaft in Berlin
Foto: DPA
Perfektes Meisterwetter: Eisbären-Kapitän Steve Walker reckt den Pokal in den Berliner Himmel.

Müde sehen die Gesichter aus, die Nacht ist kurz gewesen. Sehr kurz. Es gab sogar einige Spieler des EHC Eisbären, die den Weg ins Bett gar nicht fanden. Die nicht aufhören konnten zu feiern nach dem Gewinn der Eishockey-Meisterschaft am Mittwochabend in Düsseldorf.

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Tags darauf erschienen trotzdem alle gegen zwölf Uhr auf dem Balkon der O2 World. Das Lächeln fiel etwas schwerer nach der nächtlichen Anstrengung, das grelle Sonnenlicht blendete. Aber ihren Fans fühlte sich die Mannschaft verpflichtet. „Ihre Unterstützung ist einfach unglaublich“, sagte Kapitän Steve Walker. Gut 1500 Anhänger waren am Donnerstagvormittag gekommen, um den Meister zu feiern.

Wenn die Eisbären in der Arena spielen, kommen meist um die 14.000 Zuschauer. Vor einem Jahr waren es maximal 4695. Da hatte der Klub sein Zuhause noch im Wellblechpalast. Ein kleines, marodes Eisstadion im Hohenschönhauser Sportforum.

Mehr als das. Der Welli, wie die Halle jeder nannte, war nicht nur eine Halle von vielen. Er war Kult, er war Asyl, eine Enklave, in der sie immer noch ein bisschen von der DDR bewahrten.

Angefangen in der kleinsten Liga der Welt

Damals, als es die DDR noch gab, interessierten sich in Berlin nicht viele für Eishockey. Der Sport existierte nur, weil die Staatssicherheit ihn duldete. Gemeinsam mit dem Dauergegner aus Weißwasser ermittelten die beiden Dynamo-Truppen Jahr für Jahr den Besten. 15 Mal wurden die Berliner DDR-Meister. In der kleinsten Liga der Welt. Nur wenn im Europapokal Gegner aus dem Westen kamen, war die Halle voll. „Echte Fans hatten da aber kaum eine Chance, an Karten zu kommen. Entsprechend war die Stimmung“, sagt Co-Trainer Hartmut Nickel, der diese Zeiten schon miterlebt hat. Die Staatsorgane suchten das Publikum aus.

Erst nach der Wende wurde der Klub interessant. Weniger um seiner selbst Willen, sondern weil viele beim Eishockey die Realität ganz einfach hinter sich lassen konnten. In den und um die Plattenbausiedlungen in Hohenschönhausen häuften sich die sozialen Probleme. Keine Arbeit, kein Geld, keine Hoffnung. Bei den Eisbären spielte das keine Rolle. Hier kämpfte der einzige Ostklub der Liga gegen den Westen. Klassenkampf auf Kufen. In der Halle wehten DDR-Fahnen, „Dynamo“ riefen die Fans und „Ost-, Ost-, Ost-Berlin“.

Über das kultige Theater drehte Pepe Danquart den Film „Heimspiel“. Er verfestigte das Image des Klubs. Aus Hohenschönhausen, für Hohenschönhausen – nur dafür.

Selbst als der Verein längst eine andere Richtung eingeschlagen hatte und in der ganzen Stadt um Zuschauer warb, wurde er seinen Ruf nicht los. Die Berliner dominierten das deutsche Eishockey, wirkten dabei aber immer noch ein bisschen wie ein Sonderling.

Skepsis vor dem Umzug

Nun nicht mehr. Zwar ist die Vergangenheit immer noch präsent. Vor dem Balkon skandierten sie zur Meisterfeier wieder „Dynamo“, bei den Spielen in der Arena schreien einige Fans weiter „Ost-, Ost-, Ost-Berlin“. Doch 14.000 Zuschauer bei fast jeder Partie lassen den Verdacht der Provinzialität nicht aufkommen. Mit dem Umzug in die Mitte der Stadt hat sich das Publikum bei den Eisbären verändert.

Anfangs hatten viele nicht geglaubt, dass die Eisbären es schaffen würden, ihren Zuschauerschnitt fast zu verdreifachen. Mancher wollte es auch gar nicht, sondern wäre lieber in Hohenschönhausen geblieben. Wegen der Atmosphäre.

Bei den Eisbären ließen sie sich davon nicht irritieren. Bevor die Arena zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße eröffnete, gingen sie auf Tingeltour durch die ganze Stadt. „Im Marketing haben wir Tag und Nacht gearbeitet. Wir waren mit vielen Aktionen immer präsent in den Augen und Köpfen der ganzen Stadt“, sagt Geschäftsführer Billy Flynn. Inzwischen verfügen die Eisbären über eine Datenbasis von mehr als 70.000 Adressen. Besonders im Westteil der Stadt rangen sie um Gäste. Diese Klientel war wichtig, um die O2 World zu füllen. Dass es dem Klub offenbar relativ leicht fiel, Publikum zu rekrutieren, hängt vor allem mit dem Ort zusammen, der selbst von Wannsee aus mit der Regionalbahn recht schnell zu erreichen ist.

Die O2 World ermöglichte den Eisbären gewissermaßen einen Neuanfang, unbelastet von der Vergangenheit. Neugier führte viele Besucher an den Ort, an dem vorher nichts war. „Sogar ehemalige Preussen-Fans trauen sich jetzt zu uns“, berichtet Billy Flynn. Das frühere Maskottchen aus den Zeiten, als in Charlottenburg noch erstklassiges Eishockey geboten wurde, hat bei den Eisbären inzwischen eine Dauerkarte. „Neue Fanklubs im Westen gibt es aber noch nicht“, sagt Fan-Koordinator Robbi Haschker. An ihren Ticketverkäufen konnten die Eisbären aber feststellen, dass mittlerweile 40 Prozent der Besucher aus dem Westteil kommen. „Die Fangemeinde ist größer geworden“, so Michael Leinhoß vom Fanbeirat. Viele sind zum ersten Mal beim Eishockey.

Alle sind zu Kompromissen bereit

In der ungewohnten Umgebung haben manche Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. Aber mit ihrem unermüdlichen Dauerjubel nehmen die Fans auf den Stehplätzen die Neulinge mit. Es entstehen regelrechte Klatschorgien, oft sind die Pappen, die auf den Plätzen ausliegen, nach zwei Dritteln zerfleddert. Angeheizt wird die Atmosphäre – die zwar nicht mehr so prall wie im kleinen Welli ist, aber immer noch sehr intensiv – vom oft begeisternden Offensivspiel der Mannschaft. „Wer zu uns kommt, der spürt Leidenschaft und kommt auch gern wieder“, sagt Manager Peter John Lee.

Aufgezogen wird alles als ganz große Show, mit Feuerwerk und eigens kreiertem Videoclip vor jedem Spiel. Den alteingesessenen Fans ist das manchmal ein bisschen zu viel Event. Aber sie sind bereit zu Kompromissen. Genauso wie die Eisbären. „Wir kümmern uns um unsere Fans“, sagt Flynn. Denen, die schon im Welli kamen und dort die Stehplatzkultur pflegten, wurde auch in der neuen Arena eine Tribüne mit Stehplätzen hingestellt.

Ein Erfolgsprodukt wie kaum ein Verein

Selbst an den Preisen für Essen und Getränke in der Arena, die viele Dauerkartenbesitzer zu Protesten veranlassten, stören sich die neuen Zuschauer nicht. Es wurden Rabatte eingeführt und die Eisbären funktionieren. „Wir haben ein Superprodukt“, sagt Sprecher Daniel Goldstein. Jedes Spiel ist eine Bestätigung dafür. Nach den Fußballern von Hertha BSC konnten sich die Eisbären als zweite Kraft im Berliner Sport etablieren. Wobei die Fußballer mit den Erfolgen der Eishockey-Profis nicht mithalten können. Zum vierten Mal innerhalb der vergangenen fünf Jahre feierten die Eisbären gerade den Meistertitel.

In Deutschland hat der Abonnement-Meister mittlerweile eine Bekanntheit von 61 Prozent erreicht, so viel wie kein anderer Klub außerhalb des Fußballs. In West-Berlin galt der Verein lange Zeit als nicht existent. Mit der neuen Arena hat sich das Bild gewandelt. „Wir sind ein Team für ganz Berlin geworden“, sagt Flynn. Das wird die Mannschaft ganz sicher spüren, wenn sie am Sonnabend (ab 12.30 Uhr) im 75 Wagen zählenden Autokorso über den Kurfürstendamm fährt.

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