35. Berlin-Marathon
Als ganz Berlin auf den Beinen war
Am frühen Sonntagmorgen war es in Berlins Innenstadt gespenstisch still. Und dann kamen sie. Von allen Seiten tauchten Läufer auf – knapp 37.000 kämpften sich durch über 42,195 Kilometer durch die Stadt – angefeuert von einer Million Zuschauern.
Von Anemi Wick und Dominik Ehrentraut
Diese Massen. Knapp 37.000 Menschen, die sich gestern mit verschwitzten, aber entschlossenen Gesichtern Schritt für Schritt über 42,195 Kilometer Asphalt durch die Stadt kämpfen. Eine riesige "Ich-schaff-das!"-Demo, die im Laufschritt über die Straße des 17. Juni und dann durch Mitte, nach Kreuzberg und Neukölln, über Schöneberg bis nach Schmargendorf, dann über den Kurfürstendamm zum Potsdamer Platz und bis zum Brandenburger Tor zieht.
Zuvor war es am Morgen in der Innenstadt gespenstisch still, die ersten Streckenabschnitte für Autos bereits gesperrt. Schon um 8 Uhr wartet eine Trommlergruppe an der Ecke Mollstraße/Otto-Braun-Straße. An der Friedrichstraße werden vor einem Café die Tische in Position gebracht, die Stühle alle zur Straße hin ausgerichtet. Als Logenplätze für Marathon-Zuschauer.
Von überall her tauchen sie auf, die Läufer. Auf ihrem Weg zum Start gehen sie mit federnden Schritten durch die leeren Straßen, die Startnummer bereits aufs Shirt geheftet. Wie Außerirdische, die ein neues Terrain erobern. Berlin wird zum Planet Marathon.
"Einfach loslaufen, wie Forrest Gump"
An der Straße des 17. Juni ist es laut und voll. Musik dröhnt aus den Lautsprechern und übertönt das Stimmengewirr der Sprachen und Dialekte aus 107 Nationen. Es riecht scharf nach Perskindol, das sich einige Läufer auf Waden und Oberschenkel reiben, um Muskelschmerzen vorzubeugen.
Auf den Erinnerungsfotos, die Verwandte und Bekannte jetzt schießen, werden die Läufer noch frisch und zuversichtlich lächeln. "Etwas nervös" ist der 68-jährige Walter Lehr vor dem Start. "Man will's ja gut überstehen." Es wird sein zweiter Marathon sein, vier bis sechs Mal trainiere er pro Woche, "aber in meinem Alter muss man nicht gewinnen". Ja, die Aufregung sei immer noch da, auch wenn dies sein 52. Marathon sei, sagt der Pole Leszek Litwa (50), der kurz vor dem Startschuss auf und ab hüpft. Der Däne Søren Olesen (33) hat vor vier Jahren mit dem Laufen begonnen. "Einfach loslaufen, wie Forrest Gump", dies sei sein Motto.
Dann laufen sie los, die Massen. Allen Voran die Topläufer um Weltrekordler Haile Gebrselassie, in einem Tempo, in dem normale Menschen höchstens zum Bus rennen würden.
Der Kudamm und die Tauentzienstraße füllen sich bereits um halb zehn Uhr. Auf dem Boulevard herrscht ausgelassene Stimmung. Mehrere Hundert Luftballons säumen die Strecke, aus den Boxen dröhnt Musik. Fragen wie "Ist er schon durch?" oder "Habe ich ihn verpasst?" schwirren immer wieder durch die Menge. Denn ein Großteil der Zuschauer ist nur wegen ihm, dem Marathon-Star aus Äthiopien gekommen. Unter den Tausenden von Zuschauern sind auch Thomas Becker mit Ehefrau Margret Noltensmeier und ihren drei Kindern, die extra aus Nordrhein-Westfalen angereist sind. "Ich war eigentlich schon für den Marathon angemeldet", sagt Margret Noltensmeier. "Doch leider konnte ich wegen einer Verletzung nicht teilnehmen." Die Reise nach Berlin sollte aber nicht ins Wasser fallen. Denn Haile Gebrselassie wollen sie sich auf keinen Fall entgehen lassen. Ausgestattet mit Jubelklatschen und Rasseln feuern die Kinder Merle, Tabea und Rasmus die letzten Handbiker und Rollstuhlfahrer an. Vater Thomas sucht indes mit seinem Fotoapparat noch einen guten Platz an der Strecke, um auch ja den Äthiopier vor die Linse zu bekommen. "Ich habe ihn letztes Jahr schon einmal gesehen. Trotzdem ist es immer wieder etwas Besonderes, diesen Ausnahmesportler zu beobachten", so Thomas Becker.
Bei Kilometer 35 hat sich die 20-jährige Martina Müller postiert. Auf ihrer gelben Luftschlange steht "Janosch". "Ich warte auf meinen Freund, der zum ersten Mal am Marathon teilnimmt", sagt die Ravensburgerin. Eine Zeit von drei Stunden und neun Minuten habe er sich als Ziel gesetzt. Ein ambitioniertes Ziel, hat der 19-Jährige doch erst vor wenigen Monaten mit dem Training begonnen. "Das wird er aber bestimmt schaffen." Am Zehn-Kilometer-Punkt hat sie ihn schon einmal angefeuert. Ein kurzes "Ich liebe dich" konnte sie ihm noch zurufen, dann war Janosch auch schon wieder in der Menge verschwunden. Der Trip nach Berlin hat sich jedenfalls gelohnt. "Das ist schon unglaublich, was hier abgeht. Diese Stimmung und die Emotionen reißen einen einfach mit." Gegen kurz vor Viertel vor elf ist es dann soweit. Die ersten Begleitfahrzeuge und Motorräder passieren die Gedächtniskirche, kurz dahinter läuft der Mann, auf den alle so sehnsüchtig gewartet haben. Den Kopf zu Boden gesenkt, voll konzentriert und offenbar unbeeindruckt vom ohrenbetäubenden Jubel läuft Haile Gebrselassie entlang der Menge.
Topläufer bricht seinen eigenen Rekord
Als er auf die Zielgeraden Unter den Linden einbiegt, wird klar, er könnte es schaffen, könnte seinen eigenen Weltrekord brechen. Hier geht es um Sekunden, eingeblendet auf einer riesigen Videowand, man sieht ihn rennen, den Ausnahmesportler, mit verschwitztem Gesicht, und als Zuschauer kriegt man eine Gänsehaut. Die Hubschrauber dröhnen in der Luft, unter dem Jubel Tausender kommt er mit 2:03:59 ins Ziel, schneller als er selbst vor einem Jahr, und bricht seinen eigenen Weltrekord. Bleibt stehen, macht Daumen hoch für die Kameras, stützt die Hände auf die Oberschenkel und atmet durch. Er wird von Renndirektor Mark Milde umarmt.
Gegen 12 Uhr füllt sich der Zielbereich mit erschöpften, aber glücklichen Läufern. Die Freude, die selbst gesteckten Ziele erreicht oder einfach nur die Strecke geschafft zu haben, steht den Sportlern ins Gesicht geschrieben. Einige fallen sich in die Arme, andere jubeln beim Überschreiten der Ziellinie. Arne Westphal aus Hannover sieht dagegen aus, als könnte er noch ein paar Kilometer weiter laufen. Doch der Eindruck täuscht. "Sieben Kilometer vorm Ziel musste ich richtig auf die Zähne beißen. Da wurde es etwas kritisch bei mir", so der 31-Jährige. Über seine Zeit von 2 Stunden und 45 Minuten ist er aber stolz. "Zwar bin ich schon einige Male einen Marathon gelaufen. Doch das war immer nur ,just for fun'. Dieses Mal wollte ich wissen, was ich wirklich erreichen kann". Für einen ungewöhnlichen Zieleinlauf sorgt Immanuel van Essel. Der 38-Jährige aus Prenzlauer Berg läuft die Strecke gemeinsam mit seinem sieben Monate alten Sohn Jonathan. Im sportlich umgebauten Kinderwagen erreicht er eine beachtliche Zeit von 2 Stunden und 46 Minuten. "Ich hatte schon Angst, dass er mitten auf der Strecke anfängt zu weinen", so van Essel. "Doch der Kleine hat toll mitgemacht und war die ganze Zeit lang ruhig", so van Essel.
Für Simone Höffner und Carola Wagner läuft der Marathon ebenfalls einwandfrei. Gemeinsam haben sie sich monatelang vorbereitet und dabei natürlich auf die richtige Ernährung geachtet. Mit drei Stunden und zwölf Minuten haben sie ihre persönliche Bestzeit erreicht. "Wir sind so glücklich, dass wir es geschafft haben", sagt Simone Höffner. "Jetzt spannen wir erst einmal aus und gehen ein Eis essen", sagt sie lächelnd.
Jürgen und Susanne Thies aus Lüneburg, er im Teufel-, sie im Engelskostüm, schaffen die Strecke in 3:34:15 Stunden. "Einige Läufer sagten nach dem Lauf, dass sie die ganze Zeit hinter uns hergerannt seien, um sich von der Jubelstimmung, die wir bei den Zuschauern provozierten, mittragen zu lassen", erzählt der 51-Jährige.
Steffen Klaiber und Bine Schunke aus Schildow, beide 44, laufen nach 4:48:22 Stunden Seite an Seite ins Ziel. Für ihn ist es der zehnte und bisher schönste Lauf, für sie der erste. Aber das ist noch nicht alles, denn Steffen will einen noch viel weiteren Weg an der Seite seiner Freundin gehen: Als Klaiber nach dem Rennen auf der Jubilee-Bühne für sein Lauf-Jubiläum geehrt wird, hält er ein Plakat hoch mit der Aufschrift: "Bine, mein Engel, ich liebe dich – willst du mich heiraten?" Es soll Tränen gegeben haben. Und ein lautes "Ja!"
Der 65-jährige Jürgen Wienecke kommt nach 4:57:35 ins Ziel. Seine Frau Monika hat zu der Zeit einen ganz anderen Marathon hinter sich: Per U-Bahn fuhr sie durch die Stadt, und vollbrachte die Kunst, ihm an fünf verschiedenen Streckenpunkten zuzujubeln und ein Getränk zu reichen. "Das hat prima geklappt, und die Stimmung an der Strecke war toll", sagt Wienecke nach dem Lauf.
Gebrselassie – der Star beim Berlin Marathon
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