38. Berlin-Marathon
Haile Gebrselassies Ära endet bei Kilometer 36
Einst war er der "Wunderläufer", der 2008 in Berlin beim Marathon einen Weltrekord aufstellte. Am Sonntag musste Haile Gebrselassie wegen Atemproblemen aufgeben. Auch sein Weltrekord wurde geknackt.
Von Nina Dinkelmeyer und Andreas Gandzior
Es ist wenige Minuten nach 7 Uhr. Noch liegt leichter Frühnebel über der Stadt und dem Tiergarten. Die ersten Sportler sind aber bereits auf der Straße des 17. Juni unterwegs. Trainingsanzüge schützen die Läuferinnen und Läufer vor der morgendlichen Kälte. Sie sind auf dem Weg Richtung Reichstag. Dort können sie ihr persönlichen Sachen vor dem großen Rennen abgeben.
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Bis 8 Uhr füllt sich das Gelände: Mehrere tausend Läuferinnen und Läufer stehen an den Zelten, um ihre Kleidung abzugeben. An den mobilen Toilettenhäuschen bilden sich Schlangen von bis zu hundert Metern. Die Menschen sind nervös, aufgeregt, aber gut gelaunt. "Ich muss nur noch schnell meine Waden mit Öl einmassieren, dann suche ich meinen Startblock", sagt Lars Nielsen aus Dänemark. "Ich wünsche mir, dass ich die Strecke in drei Stunden 30 Minuten laufe. Mal sehen, wie warm es heute noch wird."
Duell zwischen Kenia und Äthiopien
Es ist kurz nach 8.30 Uhr. Hubschrauber, die die Fernsehbilder aus der Luft liefern, kreisen über der Straße des 17. Juni. Die Geräusche der Rotoren mischen sich mit dem rhythmischen Klatschen der Zuschauer. Mehr als 40.000 Läuferinnen und Läufer warten auf den erlösenden Startschuss zum 38. BMW Berlin Marathon am Sonntag. Zehntausende von Zuschauern säumen die Straße – insgesamt kommen schließlich wieder mehr als eine Million Besucher an der Strecke. Applaus brandet auf, als der Weltrekordinhaber, der Äthiopier Haile Gebrselassie, und der Vorjahressieger Patrick Makau ihre Plätze an der Startlinie einnehmen. Gebrselassies Weltrekord von 2008 mit 2:03:59 Stunden gilt es zu schlagen.
Zwischen den beiden Spitzenläufern liegt ein Altersunterschied von zwölf Jahren. "Ich bin wirklich gespannt, was heute in Berlin auf der Strecke passiert", sagt Claudia Schäre aus Zehlendorf. Eine Verletzung zwingt sie an diesem Sonntag auf die Tribüne. "Aus dieser Perspektive habe ich den Berlin-Marathon noch nie gesehen. Das werde ich genießen und laufe im kommenden Jahr wieder mit."
Startschuss fällt um 9 Uhr
Am Start wird es immer lauter. Musik, Ansagen, Klatschen. Die Geräuschkulisse hallt durch den gesamten Tiergarten. "Zehn, neun, acht,…", Moderator und das begeisterte Publikum zählen gemeinsam den Countdown. Pünktlich um 9 Uhr fällt der Startschuss. Ex-Boxweltmeister Henry Maske und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) schicken das Läuferfeld auf die 42,195 Kilometer lange Strecke. Vor den Spitzenläufern fährt das sogenannte Timingcar, das mit einem Zeitmesser auf dem Dach ausgestattet ist und den Sportlern an vorderster Front die aktuellen Zeiten anzeigt.
Um 9.30 Uhr sind erst einige Menschen an die Yorkstraße gekommen. Noch ist die Spitzengruppe nicht vorbeigelaufen. Vor der Kneipe "Zum Umsteiger" steht Jens Pasche aus Mahlow mit seiner Familie. Der 45-Jährige ist Großereignis-Experte. Bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 war er bei allen deutschen Spielen im Stadion. Sein fünf-jähriger Sohn Felix ist mit Trommel und Vuvuzela ausgestattet. Trotzdem ist der Berlin-Marathon für Pasche heute etwas Besonderes. "Fußball hat man ja jede Woche", sagt er. In den Jahren 2000 und 2002 ist er den Marathon selbst mitgelaufen. Daher weiß er auch, wie wichtig es ist, die Läufer anzufeuern: "Das gibt dir noch einmal einen Kick, wenn du nicht mehr kannst."
Jubeln, Klatschen, Fachsimpeln
Auch Detlef und Isabel Uebelgünne sind fantechnisch perfekt ausgestattet. "Run Paula" steht auf ihrem Plakat. Gemeint ist Paula Radcliffe, die aktuelle Weltrekordhalterin. Um Detlef Uebelgünnes Hals hängt eine Medaille. Er hat sie dieses Jahr in London gewonnen. Insgesamt ist der 77-Jährige in den letzten 13 Jahren 20 Marathons gelaufen. "Da sind sie!", ruft seine 52-jährige Tochter. Das Timingcar ist nur noch wenige Meter entfernt. Die beiden jubeln, klatschen und fachsimpeln, wer da denn jetzt gerade vorbeiläuft.
Am Tauentzien vor dem KaDeWe ist die Stimmung um 11.30 Uhr ausgelassen. "I can't get no satisfaction" tönt es aus den Lautsprechern, rund 25 Cheerleader vom Pro Sport Berlin 24 aus Wilmersdorf kreischen und wedeln mit ihren schwarz-gelben Puscheln. "Das freut die Läufer richtig" sagt die 14-jährige Michelle Mantei. "Wir motivieren sie noch einmal", ergänzt Freundin Alina Sänger.
Zwischenzeiten werden geprüft
Nach Informationen, die Morgenpost Online vorliegen, soll es am Tauentzien Unstimmigkeiten mit dem Zeitmesssystem gegeben haben. Läufer berichten, dass aufgrund einer Baustelle das Läuferfeld auf eine linke und eine rechte Spur auf der Strecke geteilt wurde. Doch nur auf der rechten Spur sollen die Zeitmatten, die die Zwischenzeiten liefern, gelegen haben. Einige der Läufer sollen umgekehrt sein, um über die rechte Spur zu laufen, damit sie gewertet werden. "Wir werden diesen Vorfall sofort am Montag prüfen", sagt SCC-Pressesprecher Thomas Steffens. "Die Auswertung der Zeiten kann bis zu drei Wochen dauern. Und dann werden wir feststellen, ob an diesem Punkt besonders viele Zwischenzeiten fehlen." Kein Läufer müsse aber Angst haben, dass sein Rennen nicht gewertet wird.
Auch Thomas und Tanja Herse klatschen jedem Läufer frenetisch zu. "André, du schaffst das", steht auf ihrem riesigen Stofftuch. André ist der Tanzkollege der beiden. "Um 11.38 Uhr müsste er hier vorbeilaufen", sagt Thomas Herse. Pünktlich mit dem Glockenläuten um 11.45 Uhr läuft André vorbei. "Durchhalten, nicht schlapp machen", schreien beide.
Auch an der Lentzeallee liest man auf vielen Plakaten persönliche Botschaften wie "Papa, du schaffst das!" Die Straße ist mit einem Meer von Plastikbechern bedeckt. Die Läufer trampeln über die Trinkbecher, was ein beständiges Quietschen erzeugt. Je mehr man sich dem Platz am Wilden Eber nähert, desto stärker vermischt sich dieses Geräusch mit dem Rhythmus der afrikanischen Buschtrommeln. Max und Jacqueline feiern ihre eigene Party. Die stehen mit Bierflaschen in der Hand auf einer Parkbank. "Wir tanzen seit 10 Uhr", sagt die 54-Jährige. "Das ist jedes Jahr unser Stammplatz", ergänzt ihr 45 Jahre alter Lebenspartner. "Ja, weil die Stimmung hier am besten ist." Da wissen sie noch nicht, dass Haile Gebrselassie aufgegeben hat.
Makau enttrhont Gebrselassie
Bei Kilometer 36 platzt der Traum für den 38 Jahre alten Gebrselassie vom fünften Sieg beim Berlin Marathon. Der mehrfache Olympiasieger und Weltmeister muss, offenbar von Atemproblemen geplagt, aufgeben. Bis Kilometer 27 liefern sich beide einen Zweikampf, den Tausende Zuschauer auf großen LED-Wänden im Zielbereich verfolgen. Wenige Minuten nach 10.30 Uhr biegt das Zeitfahrzeug auf den Kudamm ein. Für Makau deutet alles auf einen Weltrekord hin. Rund acht Kilometer bis zum Ziel liegen noch vor dem Mann aus Kenia. Er läuft wie von einem anderen Stern. Die Verfolger sind weit abgeschlagen. Als Makau die Straße Unter den Linden erreicht, ist ein neuer Weltrekord in greifbarer Nähe. Straße des 17. Juni: Die Stimme des Moderators überschlägt sich fast vor Aufregung und Spannung. Makau durchquert das Brandenburger Tor. Nur Meter vor dem Ziel läuft er auf den linken Zielbogen zu. Streckenposten weisen ihn hektisch auf die rechte Spur. Dort wird das Zielband gehalten. Makau springt über eine 40 Zentimeter hohe Streckenmarkierung, um durch das rechte Zieltor zu rennen. Nach 2:03:38 Stunden gewinnt er den 38. Berlin Marathon. Damit verbessert er die bisherige Bestmarke des Äthiopiers um 21 Sekunden und entthront Gebrselassie. Berlin hat einen neuen Marathon-König. Und die Zuschauer jubeln und jubeln und jubeln.
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