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Berlin Marathon 2010

Lebende Leichen am KaDeWe

Hobbyläufer Achim Achilles durfte bei Berlin Marathon 2010 nicht starten - Erkältung, Fieber, entzündete Mandeln. Er war trotzdem dabei, mit einem gehässigen Plakat.

Sonntag war S/M-Tag. Zehntausende Masos auf Berlins Straßen. Und ich, der grienende Sado, direkt am KaDeWe, mit der großen gelben Winkehand aus Pappe. Da, wo grundlos euphorisierte Klatschköppe eigentlich „Go, Papa“, oder „Super, Elfriede“ hinkritzeln, da stand bei mir: „Heul doch!“ Einige der traurigen Gestalten hätten mir gern eine gescheuert. Wenn sie nicht so entkräftet gewesen wären.

Eigentlich wollte ich selbst mitlaufen – doch bei 39 Fieber und Mandeln wie Tennis-Bällen war striktes Startverbot angesagt. Aber auch, was da nun über die Strecke geschlurft kam, war das Grauen. Von Laufen keine Spur. Nur humpelnde, schleichende, keuchende Gestalten. Stierer Blick. Rote Rübe. Irres Grinsen. Schlabbernde Unterlippen. Wann kommt der erste, der die Schneidezähne in den Asphalt schlägt, um sich ein paar Zentimeter vorwärts zu ziehen?

Wer nachmittags um halb zwei bei Kilometer 34 am Straßenrand steht, der erschrickt angesichts dieser Heerscharen von Zombies, die fünf Stunden und länger brauchen. Es ist die B-Veranstaltung, die hässliche Schwester des Marathons, die mit Sport nichts mehr zu tun hat. Sie sehen aus, als seien sie auf dem Weg zum Wolfgang-Petry-Konzert. Höllehöllehölle.

Manche haben das Handy am Ohr, die anderen ihre halbe Wohnungseinrichtung dabei: Trinkgürtel mit drei Literbuddeln, dazu MP3-Player, ein GPS-Ortungsgerät, weil man rund um die Gedächtniskirche ja leicht mal verloren geht, dazu alberne Mützen, schwere Jacken, lange Hosen.

Zwei Stunden vorher kamen hier echte Sportler durch, jetzt schlägt die Stunde der Kasper. Wann wird der erste seine Picknickdecke ausbreiten, um auf dem Grünstreifen in Ruhe seine Käsestullen zu verzehren? Ist es Zufall, oder stimmt es tatsächlich, dass besonders stark Tätowierte extra langsam am Rand entlang wanken? Eigentlich klar. Wer sich Arme und Beine so aufwendig bekritzeln lässt, tut das ja nicht für sich, sondern für den Rest der Welt. Er will gesehen werden. Und welche Veranstaltung bietet mehr Zuschauer als der Marathon: eine Million an den Straßen. Also langsam gehen.

Ähnlich kalkulieren die muskelbepackten Sportstudio-Heinze, die mit ihren getigerten Strippen-Leibchen die Brustbeulen wirkungsvoll in den Blick rücken. Acht Kilometer vor dem Ziel staksen sie auffällig breitbeinig. Zuviel Muckis am Oberschenkel erzeugen zuviel Reibung. Jetzt sind die Stählernen einfach wund gelaufen. Ich halte jedem mein Heul-doch-Schild vor die Nase. Ich habe keine Angst vor Dir, Fleischwurst. Heute nicht.

Früher, als Marathon noch Sport war, wurde die Zeitnahme im Ziel nach vier Stunden geschlossen. Fünf wären auch okay, dann hätte ich nächstes Mal auch eine Chance.

Achim Achilles ist Deutschlands bekanntester Hobbyläufer. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich Morgenpost-Kolumnist Hajo Schumacher.

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