Dauerlauf
So war der Tag beim Berlin Marathon 2010
41.000 Läufer gingen auf die Marathon-Strecke - den Sieg errang der Kenianer Patrick Makau, der die Ziellinie nach 2:05:08 Stunden überquerte. So war der Marathon-Tag.
Von Birgit Hass, Fabian Hartmann, Daniel Müller und Ann-Catherine Ziege
Beim 37. Berlin-Marathon mussten die Teilnehmer dem Regen davonlaufen. Bis zum Schluss bestimmte das Schmuddelwetter das Rennen.
10.27 Uhr, Gneisenaustraße: Dieser verdammte Gürtel! Carlos Rodriguez kommt aus dem Tritt, der Verschluss lässt sich einfach nicht öffnen. Bei Kilometer 19 bleibt er fast stehen. Seine Frau Rosario, in einen durchsichtigen Regenmantel gehüllt, ist ruhig, läuft ein paar Meter mit. Sie reicht ihm eine neue Ration Energienahrung. Den neuen Gürtel. Weiter geht’s. Die Rodriguez’ sind extra aus Mexiko angereist, fast 10000 Kilometer Flug. Ein Weg. "Er will unbedingt unter 3:30 laufen", sagt Rosario, "hoffentlich hängt es am Ende nicht an diesem Ding." An diesem verdammten Gürtel.
10.44 Uhr, Goebenstraße: Ihr Freund Tim ist immer noch nicht da. "Vielleicht haben wir ihn verpasst", sagt Ingo, Helm auf dem Kopf, Regenjacke im Deutschlandfahnen-Design. Er ist Holländer. Gemeinsam mit seinem Kumpel Koen und einem weißen Transparent, auf dem "Hüpp Tim SCHNELLER" steht, ist er aus Nijmegen gekommen. Die beiden haben sich einen Roller gemietet und fahren die ganze Strecke ab. Sie wollen jetzt weiter, zum Wilden Eber.
11.01 Uhr, Tauentzienstraße: Die ersten Läufer haben 35 Kilometer hinter sich gebracht. Vor dem KaDeWe stehen Tanja (28), Katrin (23) und Thomas (29) mit den Kindern Jannik (11 Monate) und Niclas (3). Sie kommen aus der Oberpfalz und haben den Berlinbesuch extra auf das Marathon-Wochenende gelegt. Thomas will in einigen Jahren selber mitlaufen, noch sieht er lieber nur zu. Er nennt das "Trainingsbeschau". Die Frauen fiebern kräftig mit, sagen aber: "Unsere Disziplin ist eher der Shopping-Marathon – den gewinnen wir jedes Mal."
11.14 Uhr, Möckernstraße: Ein Däne, zopp zopp, eine Italienerin, tschüpp tschüpp, ein Spanier, zopp tschüpp. Von den 1,1 Millionen Trinkbechern, die an diesem Tag in Berlin ausgegeben werden, liegen allein auf der Möckernstraße 100.000. Mindestens. Nun ja, gefühlt zumindest. Was für eine Geräuschkulisse, wenn die Läufer sie platt treten! Der Asphalt ist kaum noch zu sehen, überall nur Plastik. Die Pfützen färben sich von den Resten der isotonischen Getränke gelb. Es ist rutschig, das Feld nimmt das Tempo raus. Zopp zopp.
11.20 Uhr, Wittenbergplatz: Langsam füllt es sich am Rand der Strecke. Neben lautstarken Zurufen und begeistertem Klatschen hört man ein altbekanntes Geräusch, es klingt wie der Trompetenlaut eines Elefanten. Luca bläst in seine Vuvuzela. "Der Regen macht mir nix aus", sagt der zwölfjährige Schüler aus Schöneberg. Jahr für Jahr steht er mit seiner Mutter Inke an der Marathonstrecke, will nächstes Jahr selbst auf Inline-Skates teilnehmen.
11.47 Uhr, Gendarmenmarkt: Die alten Hasen stehen unter einem Regenschirm in Regenbogenfarben. Petra und Andreas Müller, beide 53, sind marathonerprobt, Andreas war schon zehn Mal dabei. Das Berliner Ehepaar feuert kräftig an: "Ich weiß, wie schwer es ist, bei Regen und Kälte zu laufen. Da brauchen sie noch viel mehr Unterstützung", sagt der 53-Jährige und schwingt seine Holzratsche.
11:50 Uhr, Gendarmenmarkt: Rund um den Gendarmenmarkt ist kaum etwas los, einzig ein paar tapfere Dänen krakeelen ihre Landsleute vorwärts. Etwas mehr als ein Kilometer, dann haben sie es geschafft.
12.00 Uhr, Wilder Eber: Ob der Holländer Tim wohl schon da war? Von seinen Freunden ist jedenfalls nichts zu sehen. Und auch sonst ist hier nicht viel los. Nach einer Stunde haben auch die Cheerleader genug. Durchnässt und fröstelnd ziehen sich die neun Mädchen mit den silbernen Kostümen vom Streckenrand zurück. Das Hauptfeld des Marathons hat gerade Dahlem erreicht.
12:11 Uhr, Potsdamer Platz: Der Mann in Blau hat schon den Boston-Marathon überstanden. Das steht auf seinem T-Shirt. Viele Läufer tragen die sogenannten "Finisher-Shirts" anderer Marathons. Überhaupt ist es rein optisch ein Rennen der Statements. Nicht nur, dass viele ihre Namen auf dem Leib tragen, Matt, Uwe, Kevin, Pep, Petra; auch klare Botschaften sind en vogue: "Atomkraft, nein danke", "Against Racism", "Peace", "Stoppt Westerwelle" oder einfach nur: "SPD".
12.30 Uhr, Straße des 17. Juni: Die Spitzenläufer aus Afrika haben den Zielbereich längst passiert, nun nähert sich das Hauptfeld. Ein Krankenwagen kommt: Kurz hinter der Ziellinie ist ein Läufer zusammengebrochen.
13.24 Uhr, Ziel: Heidi Burnett hat sich die Zeit beim Laufen mit Musik aus dem Musical Footloose vertrieben. Im Ziel reißt die Schottin die Arme hoch: "Mein erster Marathon ist geschafft."
13.42 Uhr, Ziellinie: Liat Porat und ihre Tochter Carmil (2) warten hinter der Ziellinie. Dann sehen sie Udi, Ehemann und Papa. Die Porats kommen aus Tel Aviv. Carmil steigt aus ihrem Kinderwagen, versucht, auf die Strecke zu laufen. Gerade noch erwischt ihre Mutter sie an der Kapuze. Udi schreit: "Yes!" und umarmt seine Frau. So schnell sei er noch nie gelaufen, sagt er. Das liege am Wetter. "Zu Hause in Israel habe ich bei 36 Grad Celsius trainiert, das ist schwieriger." Wenigstens einer, der sich über das Wetter freute.
Alle Informationen zur Strecke finden Sie in unserer interaktiven Karte zum Berlin Marathon 2010 . Alle Information über das Laufereignis und mehr Bilder gibt es im Marathon-Special von Morgenpost Online.
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