Real Berlin Marathon 2009
Berlin und die Welt feiern ein Marathon-Fest
Dienstag, 29. September 2009 18:45 - Von M. Bewarder, M. Falkner und A. MaschewskiZwei besiegten alle anderen - die übrigen siegten über sich selbst. Haile Gebrselassie und Atsede Besuye haben den 36. Real Berlin Marathon 2009 gewonnen. Doch mehr als 40.000 weitere Sportler gingen an den Start und bewiesen sich und der Welt ihr Durchhaltevermögen. Eine Million Zuschauer aus aller Welt feierten sie dafür. Morgenpost Online war live mit einem Video-Team dabei.
Ein warmer Spätsommertag, besser könnte es kaum sein – zumindest nicht für die eine Million Zuschauer, die sich an diesem Sonntag beim 36. Berlin-Marathon an der Laufstrecke postiert haben. Die zahlreichen Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke sind als Standort ziemlich beliebt, aber eigentlich geht es dem Marathon-Touristen nur um eines: Wo ist die beste Stimmung? Und etwa auf der Hälfte der Strecke, in Kreuzberg nämlich, ist diese schon einmal gar nicht schlecht.
Was als Geheimrezept für den Erfolg afrikanischer Läufer gilt, ist beim Berlin-Marathon wörtlich zu nehmen: Es ist der Rhythmuswechsel. Noch vor hundert Metern waren die Samba-Trommeln vom Mehringdamm zu hören, jetzt ertönt entspannter Bossa Nova für die Läufer. Die Bigband Crocodile Princess hat sich am Yorckschlösschen postiert, wo die Kreuzberger Boheme beim Frühstücksbier das Rennen an sich vorbeiziehen lässt. Rasseln und Trillerpfeifen lärmen gegen Swing an. Nur ein Stück weiter mischt sich das wahrscheinlich typischste Geräusch des Marathons in den Klangteppich: das Krachen tausender Plastikbecher auf dem Asphalt. Für jene, denen Wasser nicht genug ist, ist Barbara Noack zuständig. Auf ihrem Klapptisch wird der Marathon zum Kreativwettbewerb: Farben und Formen, Fähnchen, Hütchen, Papierbastelarbeiten. Dutzende Flaschen mit individuellen Spezialgetränken sind möglichst auffällig geschmückt, um sie auf einen Blick durch das Gewusel der Läufer erspähen zu können. Barbara Noack von den Karower Dachsen ist eine von den vielen ehrenamtlichen Helferinnen. Noch am Sonnabend war sie selbst beim Skater-Marathon aktiv – „Neue Bestzeit“, sagt sie strahlend – jetzt sorgt sie dafür, dass Tees und Energiedrinks, Kräutergemische und flüssige Kalorienbomben in den richtigen Händen landen.
Berlin ist "so lovely"
Nur ein paar Schritte über die Straße hat sich eine kleine irische Kolonie aufgebaut. Ältere Herren mit Karohose, Damen im schnieken Rock. Sie schwenken die Fahne ihres Landes und ein Transparent, denn sie sind mehr als nur Marathon-Fans. Sie haben eine Mission. Mit 25 Läufern und zehn Unterstützern sind die Iren aus Galway nach Berlin gekommen, um Geld zu sammeln für ihre Wohltätigkeitsorganisation „Western Alzheimer“. Auch bei den großen Stadtläufen in London und New York waren sie schon. Berlin sei aber „etwas ganz Spezielles“, sagt Team-Chef Noel Higgins. Die Atmosphäre sei „so lovely“.
Vanessa Greene und Nathan Hudson haben weniger Jubelstress, dafür liegt eine ungleich weitere Anreise hinter ihnen. Um den halben Globus sind sie aus Neuseeland gereist, um ihren Freund John Carpenter anzufeuern. „Der will unter die ersten Hundert kommen“, sagt Nathan. An fehlender Unterstützung soll der Plan nicht scheitern. Berlin, die Stimmung, die multinationale Jubelgemeinde, das alles sei „großartig“, sagt Nathan.
Brasilianische Rythmen in Schmargendorf
Um 10.12 Uhr, bei Kilometer 28, startet der Marathon dann auch für Petra Langheinrich. „Die nächsten Stunden werden auf die Muskeln gehen“, sagt sie. Langheinrich klappt die weiße Plane am Eingang zur Bühne auf dem Platz am Wilden Eber zur Seite und huscht zusammen mit ihren 32 Bandkollegen der Samba-Kombo „Sapucaiu no samba“ zum Auftritt. Sie blickt kurz auf den Shaker, das Instrument in ihren Händen, dann zu ihrer Kollegin Franci Oliveira rechts neben ihr, und schon geben die brasilianischen Rhythmen den Takt beim Marathon in Schmargendorf vor.
Traditionell steigt auf dem Platz am Wilden Eber eine Marathon-Party. Vor der Statue drängen sich dagegen die Zuschauer in Dreier- und Viererreihen.
Etwa neun Sekunden brauchen die Läufer für die S-Kurve um den Platz. Neun Sekunden angetrieben vom preschenden Samba-Rhythmus, während links und rechts Cheerleader und Tanztruppen Läufer und Publikum anspornen.
Am Streckenrand stemmt gerade Thomas Nootny von den Potsdamer Cheerleadern „Diablos“ ein Mädchen in die Höhe. Figur nach Figur spulen sie in drei Minuten ab.
„Wenn die Mädchen durch die Luft gewirbelt werden, werden die meisten erst mal ruhig und halten trotz der Samba-Musik die Luft an“, freut sich Nootny.
"Geben die denn nie auf?"
Aus der hintersten Reihe überblicken Inge und Reinald Eckhardt den Partytrubel. Die Schmargendorfer wollten eigentlich auf ihren weißen Plastikhockern sitzen. Jetzt stehen sie darauf. Immer wieder stoppt ein Läufer, geht ein paar Schritte, reißt die Arme in die Luft und lässt sich und die Menge feiern. Reinald Eckhardt sagt: „Der laute Samba, die Cheerleader und der ganze Trubel – das ist einer der Höhepunkte im Jahr für uns.“
„Knackpunkt“ steht am Versorgungsstand am Kudamm, Ecke Knesebeckstraße. Und tatsächlich – nicht alle Läufer sehen hier bei Kilometer 34 noch so richtig glücklich aus. Vielleicht fragt deswegen auch ein kleines Mädchen nach einem besorgten Seitenblick aufs Läuferfeld: „Geben die denn nie auf?“ Nein. Man wagt mal einen kritischen Blick auf den Pulsmesser, aber an dieser Stelle gibt gerade niemand auf, und bei den fleißigen Fans schon gar nicht. Mette Winkler und ihr sechsjähriger Sohn Moritz stehen seit zwei Stunden stoisch vor der Gedächtniskirche, um auf Papa Swen zu warten. „Es ist sein allererster Marathon.“ Auch diese Familie ist extra aus Dänemark angereist, was selbstverständlich die passende Flagge belegt. Nur ein paar Meter weiter haben Landsmänner gleich einen halben Fahnenmast angeschleppt. „Hopp, Schwiiz!“, ruft die alpenländische Fraktion daneben gut gelaunt. Gabi Kirchner aus Köpenick hält den Blick konzentriert auf die Tauentzienstraße gerichtet. Sie will Freundin Ulrike aus Rügen ja anfeuern, nur – wo sie gerade steckt, das weiß sie nicht. In ihrem Rucksack hält sie schon eine ganz persönliche Siegerprämie bereit: ein gemeinsames Foto, gerahmt, mit dem Schriftzug darunter: Yes, I do.
"Umkehren wär jetzt auch blöd"
Beagle-Rüde Cooper hält sein geschultes Näschen unweit des Europa-Centers in die warme Luft, er ist ein ausgebildeter „Rote-Kreuz-Rettungshund“. Sagt auch die Plakette um seinen Hals. Seinem Frauchen Tanja Rast aus Coburg kann er aber trotzdem nicht beim Aufspüren ihrer Eltern helfen. „Heute ist der 52. Geburtstag meiner Mutter Diana, und sie hat sich unbedingt eine Teilnahme in Berlin gewünscht.“ Auch Geburtstagskind-Gatte Horst ist auf der Strecke, allerdings läuft man getrennt – ein wenig Ehrgeiz will schon sein. Und immerhin ist man sogar schon in New York mitgelaufen. „Mein Vater hat mit diesem Hobby angefangen“, erzählt Tanja Rast. Irgendwann hätten sie und ihre Mutter sich gedacht, „das können wir auch“, und ihn mit der Teilnahme an einem Lauf überrascht.Auch am Potsdamer Platz drängeln sich die Marathon-Fans. Die Trommeln der Alegria do samba dröhnen, und auch die Temperaturen werden langsam tropisch. Am Straßenrand gibt es auf selbst gemalten Schildern die nötigen Motivationssprüche. „Umkehren wär jetzt auch blöd“, hat ein Junge auf sein Schild geschrieben. Und: „Keine Gnade für die Wade.“ Vier Kilometer sind es noch bis ins Ziel. „Bisschen zu warm für die Läufer“, sagt Dvorah Themal. Zusammen mit Joerg Sandmann ist sie an die Strecke gekommen. „Wir müssen das irgendwie jedes Jahr machen“, sagt Sandmann und grinst. Dvorah Themal schwenkt die kubanische Flagge für einen gemeinsamen Freund im Rennen: César Vinent Montesinos. Nebenan jubeln Spanier, Italiener, Schweizer, Finnen. Wen das Rennen nicht genug fesselt, kann sich den Spätsommertag mit Fahnenraten für Fortgeschrittene vertreiben. Selbst der rote Drache von Wales verträgt sich in Berlin mit dem englischen Sankt-Georgs-Kreuz.
Morgenpost Online war an der Strecke. Sehen Sie hier, was unser Video-Team am Sonntagvormittag an der Strecke gefilmt hat.
Morgenpost Online an der Marathon-Strecke
Alle Platzierungen, alle Zeiten, alle Teilnehmer des 36. Berlin-Marathons finden Sie in der Marathon-Beilage der Berliner Morgenpost. Die Beilage liegt der Zeitung am Montag, 21. September bei.
Erschienen am 20.09.2009
- Fotoserie: Der 36. Real Berlin Marathon 2009
- Fotoserie: Die Jüngsten machen den Auftakt
- Fotoserie: So war der Berlin-Marathon der Skater
- Videos direkt von der Strecke des Berlin Marathons
- Das Special zum 36. Berlin-Marathon
- Eine Million Menschen jubelten den Läufern zu
- Gebrselassie gewinnt Marathon - live bei Morgenpost online


































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