Leichtathletik
Wie ein Ostberliner seiner Tante das Laufen verdankt
Als Roland Winkler aus Ostberlin vor genau 21 Jahren seinen ersten Berlin Marathon - den letzten durch die unvereinigte Stadt - mitlief, legte er heimlich den Grundstein für eine bis heute währende, gesamtdeutsche Läufertradition. Am Wochenenden ist es wieder soweit - Straßensperrungen inklusive.
Wahrscheinlich hat sich nicht oft jemand so sehr gefreut, seiner alten Tante gratulieren zu dürfen, wie Roland Winkler. Im Spätsommer 1988 bekam der Ost-Berliner die Erlaubnis, die Schwester seines Vaters in Nürnberg zu besuchen.
Ihr Geburtstag lag genau richtig, Ende September, kurz vor dem Berlin-Marathon, an dem Winkler im Anschluss an die Geburtstagsfeier teilnahm. Seiner Tante enthielt er das nicht vor. Sie freute sich trotzdem über die Glückwünsche ihres Neffen, den sie so lange nicht mehr gesehen hatte.
"Auf dem Rückweg nach Berlin stieg ich nicht an der Friedrichstraße, sondern am Bahnhof Zoo aus dem Zug", erinnert sich der heute 62-Jährige. "Natürlich durfte ich als DDR-Läufer in West-Berlin nicht an den Start gehen." Er tat es trotzdem, drängelte sich vor lauter Übermut sogar in die erste Starterreihe und riss beim Schuss die Arme in die Luft. Prompt prangte sein Foto auf dem Titel der nächsten Ausgabe einer Laufzeitschrift. "Es war enorm", resümiert Winkler: Der Start in West-Berlin, das Passieren der Siegessäule, die vielen Tausend Läufer in ihrer bunten Kleidung, schließlich der Zieleinlauf auf dem Kurfürstendamm.
Kurz bevor es losging, schaute Winkler von einem Podest aus über die Mauer gen Osten, auf die Seite der Stadt, in der er zu Hause war. "Da war gähnende Leere auf der Straße. Dagegen wirkte das Treiben im Westen noch bunter." Zwar konnte Winkler an diesem Tag ein Teil dieses Treibens sein, doch habe er auch die Beklemmung gespürt, die sich angesichts seiner nahenden Rückkehr in das andere Berlin in ihm breit machte.
Schon in den frühen Achtzigern, als wegen strikter Ausreiseregelungen noch nicht an einen Besuch bei der Tante im Westen zu denken war, hatte Winkler sehnsüchtig auf den Berlin-Marathon geschaut. "Das war unsere Stadt, und wir durften nicht mitlaufen." Damit er das Spektakel wenigstens sehen konnte, postierte er sich mit Freunden im Treppenhaus der hohen Plattenbauten an der Leipziger Straße. "Von dort oben haben wir mit einem Fernglas die Läuferschlange auf der Kochstraße gesehen." Das sei schön und traurig zugleich gewesen. "Wir dachten, da sind wir erst als Rentner dabei, mit 65."
Wie konnte er auch ahnen, dass er schon im September 1990 durch das wiedervereinigte Berlin laufen würde, von West nach Ost und wieder zurück. Winkler selbst, der seit frühester Jugend begeisterter Läufer und Triathlet ist, beteiligte sich daran, dass Berlin auch sportlich schnell zusammenwuchs. Gemeinsam mit Marathonbegeisterten aus West-Berlin setzte er sich dafür ein, dass die Strecke durch beide Stadtteile führte - freilich auch durch das Brandenburger Tor.
Am Sonntag ist Winkler wieder am Start, dieses Mal Unter den Linden. Es ist der 20. Berlin-Marathon, der diesen Namen wirklich verdient. "Wäre die Geschichte anders verlaufen, müsste ich heute noch warten, als Rentner nach West-Berlin zu dürfen."
Der Berlin-Marathon 2009
Den Startschuss zum "36. real-Berlin-Marathon", so seine offizielle Bezeichnung, geben am Sonntag der Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Joachim Löw, und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Insgesamt rechnet der Veranstalter SCC-Running mit fast 50 000 Teilnehmern - fast 41.000 von ihnen sind Läufer. Polizei, Feuerwehr und der SCC begleiten damit drei Wochen nach der Leichtathletik-WM die nächste Großveranstaltung. Unterstützt werden sie von rund 5000 ehrenamtlichen Helfern.
Gefragt sind auch die Berliner Autofahrer. Sie sollten die blaue Linie beachten, die am Montag in der Stadt auf den Asphalt gespritzt wurde: Sie markiert den Streckenverlauf. Fahrzeuge, die die Halteverbote entlang der Strecke missachten, werden kostenpflichtig abgeschleppt. Im vergangenen Jahr waren dies 710 Autos.
Zum Wetter konnte der SCC Positives vermelden, so liege die Regenwahrscheinlichkeit bis Freitag bei 10 bis 15 Prozent, die Temperatur zwischen 19 und 24 Grad, sagt Sportmediziner Jürgen Lock. Für das Marathon-Wochenende gelte: Die Läufer sollten an warme Kleidung und Decken denken, da es morgens noch sehr kühl sein werde.
Für die Berliner Wirtschaft bedeute die Marathon-Woche rund 40 Millionen Euro Mehreinnahmen, so SCC-Geschäftsführer Rüdiger Otto. Dies entspreche acht bis zehn Millionen Euro Steuereinnahmen.
Alle Platzierungen, all Zeiten, alle Teilnehmer des 36. Berlin-Marathons finden Sie in der Marathon-Beilage der Berliner Morgenpost. Die Beilage liegt der Zeitung am Tag nach dem Marathon bei, am Montag, 21. September.
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