29.09.12

Rennen

Berlin-Marathon - 6846 Skater gehen an den Start

Es ist bereits der zwölfte Berlin-Marathon für Jörg Jargon. Auf Inlineskates bestreitet der Berliner die 42-Kilometer-Strecke.

Foto: Camera 4

Jörg Jargon fährt seinen zwölften Berlin-Marathon – zusammen mit 6845 anderen Skatern
Jörg Jargon fährt seinen zwölften Berlin-Marathon – zusammen mit 6845 anderen Skatern

Für Jörg Jargon ist der Skater-Marathon der Höhepunkt des Jahres. Wenn auf der Straße des 17. Juni, zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule, zwei Minuten vor dem Start "Bells Hells" von ACDC aus den riesigen Boxen schallt. Wenn sich am Sonnabend ab 15.30 Uhr Tausende auf ihren Inlineskates auf den Weg durch die Stadt machen, 42,195 Kilometer, vorbei an jubelnden Menschen, an jeder Straßenecke begleitet von Musik und den eigenen Glückshormonen. "Es ist ein unglaublich emotionales Ereignis", sagt Jörg Jargon. "Ich liebe diesen Rausch der Masse."

Vor zwölf Jahren stand der 52-Jährige zum ersten Mal auf Inlineskates, heute ist er Trainer beim Sportclub Charlottenburg und viele seiner Schützlinge sind beim Marathon dabei. Damals vor zwölf Jahren wohnte er in einer Wohnung in Kreuzberg, Markgrafenstrasse, direkt an der Marathon-Strecke. Von oben sah er die Fahrer vorbei ziehen und sah die fröhliche Menge unter seinem Fenster. Jörg Jargon wollte dabei sein. "Da bin ich ins Kaufhaus gegangen und habe mir meine ersten Inlineskates gekauft. Softboots", erzählt er. Die sind weich und schwer. Nichts, womit sich ein Profi auf die Strecke begeben würde, nichts womit Jörg Jargon heute einen Marathon bestreiten würde. Doch den Marathon noch im gleichen Jahr nach seinen ersten Rollversuchen auf Skates fuhr er problemlos durch. In einer Stunde und 45 Sekunden. Dieses Jahr fährt er seinen zwölften Berlin-Marathon, zusammen mit 6845 anderen Skatern. Mit Weltmeistern und Freizeit-Skatern, mit Ehrgeizigen und solchen, die einfach Spaß haben wollen.

Der Marathon für Inlineskater ist seit 1997 Bestandteil des Berlin-Marathons, seit 2003 findet er als eigenständige Veranstaltung am Vortag des großen Laufs statt. Die Strecke ist für die Fahrer eine besondere Herausforderung, denn der Weg durch Berlins Häuserschluchten ist sehr schnell, mit vielen Wechseln zwischen Kurven und schnellen Geraden, zwischen gutem und schlechtem Boden. Und es fahren so viele Teilnehmer mit, wie nirgends sonst auf der Welt. In Teams und alleine rollen tausende Skater im Ziellauf durch das Brandenburger Tor. Jedes Mal ein ganz besonderer Moment. Denn um diese Zeit geht hinter der Siegessäule langsam die Sonne unter und schiebt ihre letzten roten Strahlen durch das Brandenburger Tor. "Sie skaten ins ewige Licht", sagt Sebastian Baumgartner und lacht.

Vom Einzel- zum Gruppensport

Der 42-Jährige ist einer der bekanntesten deutschen Speedskater und wird den Marathon moderieren. Er selbst ist den Marathon sechsmal mitgefahren. Dass sich so viele Anfänger trauen, die 42- Kilometer-Strecke anzugehen, ist auch sein Verdienst. Baumgartner hat ein sogenanntes Marathon-Guide-System entwickelt. "Für viele war das Skaten ein Einzelsport. Ich wollte daraus einen Gruppensport machen", erzählt er. Jeder Teilnehmer kann sich gegen eine Gebühr von zwanzig Euro anmelden und muss seine angestrebte Zielzeit angeben. Es gibt 30 Guides, die dann die einzelnen Gruppen der jeweiligen Zielzeit während des Marathons führen. Das heißt, die Gruppe fährt hintereinander, jeder im Windschatten des Vordermanns. Die Guides sind Skater, die sich nichts mehr beweisen müssen und für die es das Größte ist, eine Gruppe gut ins Ziel zu bringen. "Dieses System spart eine Menge Kraft und hat viel mehr Freude", sagt Baumgartner. Die Freude an diesem Sport ist für ihn ohnehin viel wichtiger als ein Sieg. Weswegen er selbst kaum mehr auf Wettkämpfe fährt. Dafür zum Einkaufen und auf die Arbeit. Und alles, weil er es als Kind so liebte, auf den zugefrorenen Seen im Ruhrpott Schlittschuh zu laufen. "Eines Nachts habe ich geträumt, wie ich auf der Straße Schlittschuh laufe", erinnert er sich. "Da habe ich angefangen, nach einer Möglichkeit zu suchen, das wirklich zu machen." Er hört von diesen Inlineskatern, die es in den USA gibt und bestellt sich welche. Gebraucht für 400 Mark. Seitdem sind sie ein fester Teil in seinem Leben. "Im Zivildienst hab ich die alten Menschen in ihren Rollstühlen auf Inlinern durch die Gegend gefahren." Sogar zu der eigenen Trauung ist er gerollt. "Wenn die Fahrer heute am Nachmittag aus den Startblocks rauskommen, wird"s überall kribbeln", sagt Baumgartner.

Jörg Jargon wird dann einer von ihnen sein. Er ist Profi und während des Marathons schenkt er sich nichts. "So ein Marathon bedeutet 80 Minuten brennende Oberschenkel und Schmerzen im Rücken", sagt er. Aber das Adrenalin treibt ihn immer weiter. Sogar mit einem Trümmerbruch in der Schulter ist er einmal die letzten fünf Kilometer gefahren. Für dieses Jahr hat er sich eine Zeit von einer Stunde und 22 Sekunden gesetzt. Die Besten werden versuchen, unter einer Stunde zu bleiben.

Jeder bekommt eine Medaille

Eine Zeit, die für die Schüler von Jörg Jargon in weiter Ferne liegt. Zehn Neulinge werden in diesem Jahr dabei sein. "Bei denen ist nur wichtig, dass sie gesund durch das Ziel kommen", sagt Jargon. Zehn Wochen braucht er, um einen Anfänger so auf den Marathon vorzubereiten, dass er es in zwei Stunden ins Ziel schafft. Am Ende gibt es sowieso für jeden Teilnehmer eine Medaille. Eine Einteilung in Bronze, Silber und Gold gibt es nicht. Es zählt die Freude.

Wenn Jörg Jargon am heutigen Sonnabend an den Start geht, wird er wenig geschlafen haben. Daran ist in der Nacht vor dem Marathon nicht zu denken. "Ich bin nervös, hyperventiliere und am besten spricht man mich nicht an", sagt er und lacht. Erst wenn die Skaterhymne "Bells Hells" erklingt, wird sein Kopf wieder klar. Er will los.

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